Die Kirchenkrise ist auf dem Katholikentag in Stuttgart Thema. Dabei wird auch klar: Die kirchlichen Privilegien kommen auf den Prüfstand.
Die Botschaften, die Passanten an Donnerstagmorgen in der Stuttgarter Königstraße hinterlassen, sind wahrlich keine Mutmacher für die katholische Kirche. Besucher können dort auf farbigen Plakaten erklären, warum sie der Kirche die Stange halten: „Weil ich noch ein wenig Hoffnung habe“, „Weil mir noch erlaubt ist, meinen Mund aufzumachen“. „Ich bleibe . . . noch ein Weilchen“ ist dort zum Beispiel zu lesen. Das klingt ein wenig, als sei selbst für die Treuen der Treuen das Ende der Geduld bald erreicht. Das sieht wohl auch Nicola Schmitt so, die sich diese Gelegenheit zur Selbstreflexion ausgedacht hat. „Wir wollen die Menschen dort abholen, wo sie sind“, sagt die Initiatorin der Aktion vor dem Haus der Katholischen Kirche: „Das Thema Kirchenaustritt ist gerade sehr virulent.“
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Die 61-Jährige, die seit fünf Jahren für die Citypastoral arbeitet, soll in ihrem Alltag die erreichen, die mit Kirche und Glauben wenig anfangen können. Das will sie auch auf dem Katholikentag. Deshalb hat ihr Team eine Installation mit drei Türbogen und den Plakaten erdacht. Wer mag, kann Botschaften hinterlassen – auch zum Kirchenaustritt oder zur Krise. Ihren Erfolg bemisst die Ordensschwester allerdings nicht daran, ob sie Mitglieder hält oder gar neue für ihre Glaubensgemeinschaft gewinnt. „Ich bin schon total erfüllt, wenn ich mit Menschen ins Gespräch kommen kann.“
Seit Jahren gehen die Mitgliederzahlen zurück
Diese Bescheidenheit zeugt nicht nur von christlicher Demut, sondern auch von Realismus. Seit Jahren gehen die Mitgliederzahlen der beiden großen Kirchen zurück. Und der Trend scheint nicht aufzuhalten. Die Protestanten haben gerade erst für vergangenes Jahr einen Spitzenwert von 280 000 Austritten gemeldet. Die katholische Kirche hält mit den aktuellen Zahlen zwar noch bis Sommer hinter dem Berg. Doch angesichts des Reformstaus und der Missbrauchsdebatte dürfte die Bilanz nicht besser ausfallen. So ist wohl ein historischer Einschnitt erreicht: Nur noch eine Minderheit, weniger als die Hälfte der Bevölkerung, gehört einer der beiden Großkirchen an.
Zwar ticken die Uhren im Süden der Republik noch etwas anders als etwa im Norden oder Osten Deutschlands. Doch die Kirchenbindung nimmt auch in Baden-Württemberg stetig ab. Dieser gesellschaftliche Umbruch geht an der Politik natürlich nicht spurlos vorbei. Nur neun von 17 Mitgliedern des Bundeskabinetts haben bei ihrer Vereidigung noch auf „Gottes Hilfe“ geschworen. Zudem sieht erstmals ein Koalitionsvertrag vor, dass die Leistungen des Staats an die Kirchen beendet beziehungsweise abgelöst werden. Das sind Entschädigungszahlungen für den Einzug kirchlicher Güter vor allem im 19. Jahrhundert. Rund eine halbe Milliarde Euro kommen da jedes Jahr zusammen, was in einer zunehmend säkularen Zeit kaum mehr vermittelbar ist. Außerdem will die Ampelkoalition das kirchliche Sonderrecht kritisch unter die Lupe nehmen. Kurzum: Die Privilegien, die die großen Religionsgemeinschaften lange Zeit genossen, geraten ins Wanken.
Der SPD-General lobt die Kirchen und erhöht den Druck
Das wird auch auf dem Katholikentag zum Thema. „Wer braucht noch die Kirche?“ fragt ein großes Podium am Donnerstagmittag im Foyer des Stuttgarter Landtags. Dabei wird rasch klar: Ohne eine grundlegende Änderung hat die katholische Kirche nach Auffassung aller Beteiligter keine gute Zukunft. So lobt der SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert einerseits den Beitrag der Kirchen bei moralischen Fragen, bei der Bewältigung des Alltags oder als wichtiger Partner mit globalen Netzwerken. Andererseits erhöht auch er den Druck. Die Koalition habe „Themen markiert, bei denen wir dringend miteinander sprechen müssen“, sagt Kühnert, und er macht deutlich: Das kirchliche Arbeitsrecht, das zum Teil Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert, werde der Staat nicht weiter tolerieren.
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Ins gleiche Horn stoßen die anderen Diskutanten. Irme Stetter-Karp etwa verlangt endlich die volle Gleichberechtigung für Frauen in der Kirche und lässt es da an deutlichen Worten nicht mangeln. „Wir versauen es selber an der Stelle“, sagt die Präsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken. Johanna Beck wiederum, die selbst sexuellen Missbrauch erlitten hat, mahnt höhere Entschädigungen der Opfer sowie eine durchgreifende Demokratisierung der Kirche an.
Beim Vertreter der katholischen Amtskirche finden wiederum alle Verständnis und Gehör. „Ich arbeite mit aller Kraft an der Veränderung“, sagt Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Wenn allerdings wahr würde, wofür er anscheinend plädiert, käme das doch einer Revolution in der katholischen Kirche gleich. „Wir müssen nicht mehr nach oben schauen. Der Papst ist nicht die Kirche und löst die Probleme nicht.“
Die Religionskritiker geben nicht Ruhe
Freilich werden alle innerkirchliche Reformen auch die nicht bremsen, die seit Jahren gegen die Bevorzugung der Kirche zu Felde ziehen. Die Giordano-Bruno-Stiftung hat jetzt wieder fein säuberlich aufgelistet, dass die öffentliche Hand einen großen Teil der Kosten für den Katholikentag trägt. Mehr als zehn Millionen Euro verschlingt das Großereignis. Die Veranstalter bringen nach eigenen Angaben 3,2 Millionen Euro auf. Der Rest kommt von der Kirche, etwa der Diözese Rottenburg-Stuttgart, vom Bund, der Stadt Stuttgart und dem Land Baden-Württemberg, das allein zwei Millionen Euro beisteuert. Die Beteiligung des Staates, so monieren die Religionskritiker, sei unter anderem deshalb nicht hinnehmbar, weil es sich um eine zu großen Teilen religiöse Veranstaltung handele: Mehr als ein Fünftel der Programmpunkte seien Gebete oder Bibelarbeiten. Auch für den Katholikentag könnte es also dereinst eng werden.