Katharina Hinsbergs rote Kugeln bilden eine Reihe analog zu einer gezeichneten Linie. Foto: Ines Rudel

Fast 1000 kleine Kugeln aus Knetmasse waren notwendig, um in der Göppinger Kunsthalle eine Linie mitten in den Raum zu zeichnen.

Göppingen - Dieser große Raum sei ein Geschenk, erklärt Katharina Hinsberg, während sie in der Göppinger Kunsthalle durch das obere Stockwerk schreitet. Zwei Wochen vor Ausstellungsbeginn habe sie die Halle erkundet und ihre Idee für die Installation „Ich möchte eine Linie im Raum“ entwickelt – maßgeschneidert für Göppingen sozusagen.

Rote Kugeln aus Knetmasse

Und tatsächlich zieht sich eine Linie durch den Raum, eine rote sogar, aber es handelt sich nicht um eine gewöhnliche Reihe: Zu sehen sind lauter kleine rote Punkte, die etwa in Augenhöhe dicht nebeneinander angeordnet sind und, besonders aus der Ferne betrachtet, eine wellenförmige Linie bilden. Je nach Standpunkt im Raum, überlagern sich die Linienabschnitte sogar von Weitem.

Wer näher herantritt, erkennt rote Kugeln aus Knete, wenige Zentimeter stark, die an durchsichtigen Nylonfäden von der Decke herabhängen. Auf diese Weise wolle sie die Sehgewohnheiten der Betrachter überraschen, sagt die Künstlerin, die für ihre Zeichnungen und deren Auswirkungen auf den Raum bekannt ist und an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken lehrt.

Grelle Performances sind nicht ihr Ziel

„Eigentlich sind das lauter kleine Plastiken, jede ist anders, weil von Hand geformt.“ Hinsberg berichtet, wie die rund 1000 Kugeln dank der Vermittlung durch die Kunsthallenleiterin Melanie Ardjah in einer Gemeinschaftsaktion mithilfe der Mitglieder des Inner Wheel Clubs Göppingen entstanden sind, einer den Rotariern nahestehenden Frauenorganisation: „Das ist unheimlich spannend gewesen.“

„Mich interessieren diese Arbeitsabläufe und meine Rolle als Künstlerin.“ Sie trete ein Stück weit zurück und überantworte die Umsetzung zum Teil an das Team, beschreibt Hinsberg den Umsetzungsprozess ihres Konzepts. Erlebt habe sie nicht nur die Transformation des Materials Knete in diese Kleinplastiken, sondern auch, wie etwas ganz Spezifisches nur für die Dauer der Ausstellung geschaffen wurde. Wichtig sei ihr auch die Haltung, mit der dies geschehen sei. Es gehe um den Ernst, eine geradezu mönchische Haltung. Laute Töne und grelle Performances dagegen seien ihre Sache nicht.

Erst in Eislingen, jetzt in Göppingen präsent

Um die sehr poetisch und zart wirkende Arbeit wie beschrieben zu installieren, habe sie zusammen mit dem Team zahlreiche technische Herausforderungen meistern müssen. Hinsberg berichtet, dass sie als Vorlage für die Installation zunächst eine Linie auf die Wände der Halle gezeichnet habe. Dann habe es gegolten, im Abstand von jeweils zehn Zentimetern Punkte zu bestimmen und diese als Aufhängungsstellen für die Kugeln an die Decke des Raumes zu übertragen.

Für Hinsberg ist es die zweite künstlerische Präsentation im Kreis; vor Jahren beteiligte sie sich bereits bei der Biennale der Zeichnung im Kunstverein Eislingen.

Kunst im Raum C1

Zeitgleich zur Schau in der Halle oben zeigt die Kunsthalle im Raum C 1 David Sempers Records. Semper hat mithilfe von Stempelkissen, die er in die Wand eingelassen und überputzt hat und deren Farbe nach und nach in den Putz durchschlägt, ebenfalls eine ortsspezifische künstlerische Arbeit entwickelt. Dies verändere nach Worten von Melanie Ardjah ebenfalls die Erfahrung und Betrachtungsweise des Raumes.

Kunstpreis der Evangelischen Landeskirche

Unscharf titelt die Ausstellung, für die die Göppinger Kunsthalle ihre Räume bis zum 3. November in der Halle unten zur Verfügung stellt. Und Unscharf titelt der Kunstpreis, den die Evangelische Landeskirche Württemberg zum dritten Mal ausgeschrieben hat. Zu sehen sind die ausgewählten und prämierten Arbeiten, die das Thema „Unscharf“ aufgreifen, Unzugängliches umkreisen, sich ihm annähern und Gestalt gewinnen lassen, wie es in der Ausschreibung heißt. Den Hauptpreis teilen sich Anne Brannys aus Berlin mit ihrem installativen Buchprojekt „Eine Enzyklopädie des Zarten“ und Joachim Fleischer für die Installation „Lichtscheibe“. Zu der Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

Kunstvermittler führen jeden Sonntag um 15 Uhr durch die Schau. Eine Voranmeldung ist nicht nötig

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