Die Flutwelle hat die Rudersberger schwer getroffen. Doch die fünfköpfige Familie lässt sich nicht unterkriegen und versucht, in allem etwas Positives zu sehen. Wenn an Silvester die Korken knallen, sind sie trotzdem froh, dass dieses Jahr hinter ihnen liegt.
Michaela Kpanaki hat gelernt, die kleinen Dinge zu schätzen – beispielsweise die Tatsache, dass ihre Backförmchen nicht von den Wassermassen weggespült worden sind. Die 34-Jährige backt nämlich sehr gerne Kekse. Sie hat ganz unterschiedliche Formen zum Ausstechen – Autos zum Beispiel für die Geburtstage der Jungs. Aber natürlich auch jede Menge Förmchen für die Weihnachtsbäckerei. Diese Ausstechförmchen hat die 34-Jährige schon immer fein säuberlich sortiert und verschlossen in kleinen Tütchen hoch oben im Küchenschrank aufbewahrt – und genau das ist auch der Grund, warum die Keksmotive den tragischen Tag im Frühsommer überlebt haben und aktuell im neuen Heim zum Einsatz kommen. „Wir haben die letzten Tage schon ein paar mal gebacken. Die Kinder lieben das, und es ist ein Stück Normalität und dringend nötig. Deshalb bin ich einfach froh, dass die Förmchen zu weit oben lagen und zu gut verpackt waren, um weggespült zu werden.“
Auch einige Dinge, die auf dem Dachboden gelagert waren, haben die Flutkatastrophe überstanden, aber das meiste ist den Wassermassen zum Opfer gefallen – Spielsachen, im Keller Gelagertes, die Küche, Wohn- und Esszimmer, Fotos, Deko, Dokumente, Bücher – alles ist weggespült oder von Schlamm und Wasser zerstört worden. „Es ist schon krass, aber im Grunde genommen sind es ja nur Sachen, die man ersetzen kann. Das Wichtigste ist, dass niemandem was passiert ist. Uns geht es allen gut, aber Ruhe hatten wir seitdem keinen Tag. Ich hätte nie gedacht, dass uns so etwas passiert.“ So hat es Michaela Kpanaki zwei Monate nach dem schrecklichen Ereignis ausgedrückt. Nun, etwa ein halbes Jahr nach dem Hochwasser, ist endlich etwas Ruhe eingekehrt bei der Familie.
Ihr positives Denken haben sie sich bewahrt
Aus der Zweizimmer-Ferienwohnung, in der das Paar mit seinen drei Jungs direkt nach der Tragödie unterkam, konnten sie mittlerweile ausziehen. Und auch ihr positives Denken haben sie sich bewahrt. „Es bringt ja auch nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Es war vielleicht gar nicht schlecht, dass vieles wegkam. Wir hätten längst mal ausmisten sollen, und es zeigt einem, dass man viel zu viel hat, und dass man sein Herz nicht an Gegenstände hängen sollte.“ Einige Spielsachen, alles was für die gewünschten Piratenzimmer der Jungs notwendig war und auch Weihnachtsschmuck fürs Fest, haben sie trotzdem nachgekauft. Und doch weiß die 34-Jährige ganz genau, dass Heiligabend anders werden wird wie bisher. Denn quasi das allererste Mal seit ihrer eigenen Kindheit kann nicht im Elternhaus in Rudersberg gefeiert werden. „Dort kamen wir immer alle zusammen, weil das Wohnzimmer geräumig genug war. Doch im Moment sieht es dort schlimm aus. Es ist komplett entkernt, weil das Wasser alles zerstört hat.“
Aktuell wohnt die fünfköpfige Familie in einer viereinhalb Zimmer Wohnung, zwar ebenfalls in Rudersberg, aber eben trotzdem noch ein wenig fremd und nicht in allen Punkten geeignet für eine junge Familie mit drei kleinen und lebhaften Kindern – und vor allem mit einem recht kleinen Wohnzimmer. „Es wird wohl dieses Jahr einfach ein bisschen enger zugehen, aber wir werden das Beste daraus machen.“ Diese Devise gilt bei der Familie mit den Jungs im Alter von acht, fünf und einem Jahr, seit ihr Zuhause – eine Doppelhaushälfte mit Garten direkt neben den Großeltern – nahezu komplett zerstört wurde. Fast alles ging an diesem Sonntag verloren. Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Michaela Kpanaki weiß es noch, als wäre es erst gestern gewesen. Der alles bestimmende Dauerregen machte endlich eine kleine Pause und die Sonne kam durch. Doch in der Nacht änderte sich die Lage dramatisch. Zu dem schon bestehenden Hochwasser kam ein schweres Gewitter, und das Zuhause der Familie Kpanaki wurde von den Wassermassen voll getroffen. „Bei uns stand innerhalb von Minuten der gesamte untere Stock unter Wasser“, sagt Michaela Kpanaki.
Doch das Paar aus Rudersberg verzweifelte nicht, sondern machte sich mit Mut und Zuversicht daran, neue Möbel anzuschaffen und nach vorne zu blicken. „Es war so beeindruckend, wie viel Hilfe wir bekamen. Wir kommen manchmal irgendwohin, um Möbel abzuholen. Da heißt es dann, ihr seid doch die Familie, die so schwer von der Flut getroffen wurde, ihr müsst nichts zahlen. Da zeigt sich so viel Nächstenliebe“, sagt Moses Kpanaki, der als Fotograf arbeitet. Aus solchen Momenten schöpft Michaela Kpanaki Kraft. Doch bei einer Sache wird sie emotional. „Wir überlegen immer wieder wegen des alten Hauses. Eigentlich hatten wir ausgeschlossen, zurückzukehren. Mittlerweile tendieren wir aber doch wieder dazu.“ Die 34-Jährige und ihr 39-jähriger Mann hatten es sich anfangs nicht vorstellen können, aus Angst, so eine Katastrophe könne sich wiederholen. „Aber nur aus einem Gefühl heraus, uns und den Kindern das Zuhause nehmen? Es ist ja nicht gesagt, dass es noch mal so schlimm wird.“ Sie habe nicht das Gefühl, durch das schreckliche Ereignis traumatisiert worden zu sein, sagt Michaela Kpanaki und blickt auf einige Fotos, die das Ausmaß der Zerstörung in ihrem alten Haus zeigen. „Es ist fast schon unwirklich, wenn man das sieht. Wahnsinn. Ich bin froh, wenn Silvester ist und das Jahr hinter uns liegt.“