Ausländische Bauarbeiter gehen über die Baustelle eines WM-Stadions in Doha. Foto: dpa

Vielen Ökonomen gilt das Emirat am Persischen Golf als das reichste Land der Welt. Unter der Wüste Katars schlummert das drittgrößte Erdgasvorkommen.

Vielen Ökonomen gilt das Emirat am Persischen Golf als das reichste Land der Welt. Unter der Wüste Katars schlummert das drittgrößte Erdgasvorkommen.

Doha/Stuttgart - Wer seit der Jahrtausendwende den Wüstenstaat Katar besucht hat, erinnert sich vor allem an eines – Baukräne, überall Baukräne. Aktuell dienen sie der Vorbereitung auf die Fußball-WM 2022. Aber auch schon vor dem Zuschlag für Katar wurde gebuddelt, was das Zeug hält: Die meisten der mehreren Dutzend Wolkenkratzer in der Hauptstadt Doha sind nach der Jahrtausendwende entstanden, am Stadtrand hat das Emirat die künstliche Insel „die Perle“ aufschütten lassen.

Dort wird in Restaurants – anders als im Rest des islamischen Staats – Alkohol an Gäste ausgeschenkt, anlässlich der WM kommen zahlreiche weitere Annehmlichkeiten für Touristen hinzu: Für mehr als 100 Milliarden Euro lässt das Emirat neue Straßen, Hotels, Stadien und Schnellbahntrassen errichten, zusätzlich einen Seehafen der Superlative und einen neuen Flughafen. Mit der Infrastruktur wachsen Wohlstand und Einwohnerzahl: Das Bruttoinlandsprodukt legte jahrelang zweistellig zu, die Bevölkerung hat sich zwischen 2006 und 2011 auf rund 1,7 Millionen verdoppelt. Inzwischen sollen in Katar um die zwei Millionen Menschen leben.

Das Geld für den gigantischen Ausbau schöpft Staatsoberhaupt Scheich Tamim bin Khalifa Al Thani wie zuvor sein Vater Hamad aus den reichhaltigen Öl- und Gasvorhaben Katars. Wachstum bescheren vor allem Großprojekte im Öl- und Gassektor, etwa 70 Prozent der industriellen Wertschöpfung entfallen auf Raffinerie-Produkte. Um für die Zeit nach Versiegen der Ölquellen gerüstet zu sein, hält das Emirat zudem über seinen Staatsfonds Beteiligungen an europäischen Großkonzernen wie dem Autobauer VW (17 Prozent), dem Baukonzern Hochtief und der Schweizer Großbank Crédit Suisse. Die arabischen Geldgeber sind beliebt, Staatsfonds gelten allgemein als besonnene Anleger.

Treue Abnehmer für luxuriöse Sport- und Geländewagen von Porsche

Überhaupt hat sich das Land bisher zumeist Freunde gemacht: Die wohlhabenden Araber sind treue Abnehmer für luxuriöse Sport- und Geländewagen von Porsche, vier Jahre war das Emirat zudem mit zehn Prozent an den Porsche-Stammaktien beteiligt. Zudem betreibt Volkswagen in Dohas Technologiezentrum ein Labor zur Erforschung von Leichtbau-Materialien. Das Scheichtum, ohnehin stark in Völkerverständigung, Bildung und Kunst engagiert, profitiert zusätzlich von europäischem Know-how.

Seit aber bekanntgeworden ist, dass die Bedingungen auf den Großbaustellen von Katar Dutzende oder gar Hunderte Arbeiter das Leben gekostet haben, bekommt das Bild von der sauberen Monarchie Risse. Gestorben sind nicht Katarer, sondern Gastarbeiter aus Nepal, Indien, Pakistan oder Sri Lanka. Kaum eine Region weltweit nutzt die Dienste von Gastarbeitern in solchem Ausmaß wie die Staaten am Golf – und zwar nicht erst seit den Vorbereitungen zur Fußball-WM.

Über 80 Prozent der Bewohner Katars sind Ausländer, der Großteil arbeitet für 150 bis 400 Euro im Monat. Zum Vergleich: Ein katarischer Lehrer verdient rund 9000 Euro monatlich. Von den rund 300.000 gebürtigen Katarern sind fast alle in Regierungsorganisationen beschäftigt, wo sie stolze Gehälter beziehen – zumindest diejenigen, die überhaupt arbeiten. Zuletzt hatte der Wüstenstaat mit 73.000 Euro ein mehr als doppelt so hohes Pro-Kopf-Einkommen wie Deutschland.

Die zahlreichen Investitionsvorhaben dürften bis zum Anpfiff der WM eine weitere halbe Million Gastarbeiter locken. Schafft es das Mini-Land am Golf aber nicht, deren Arbeitsbedingungen deutlich zu verbessern, könnte die WM in Katar das erste und zugleich letzte Fußballspektakel auf arabischem Boden werden.

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