Werbung für die Handball-Weltmeisterschaft in Katar Foto: dpa

Das kleine Emirat will gern ein bisschen mehr sein als ein sandiger Zipfel im Persischen Golf in einem Meer aus Öl und Gas. Der Imagewandel hat seinen Preis, zeigt aber langsam Wirkung.

Stuttgart - Weil alles ein bisschen so wirkt wie eine Fata Morgana, war es vermutlich kein Fehler, dass der Scheich sich dieser Tage höchstpersönlich bemühte. Und wenn es stimmt, was Tamim bin Hamad al-Thani der überschaubaren Zahl von Journalisten während der Handball-Weltmeisterschaft erzählte, dann weiß er über den Kempa-Trick und die Drei-Schritte-Regel mindestens so gut Bescheid wie über die Fördermengen an Öl und Erdgas in Katar. Bodenschätze, die seinem Wüstenstaat einen Reichtum bescheren, der in Dagobert Duck schlimme Neidgefühle wecken würde.

Kein Zweifel: Der Scheich ist reich. Und weil er auch klug ist, schwante schon dem 2013 verblichenen Hamad bin Khalifa al-Thani, dass es gar nicht so gut ist, wenn sich sein kleines Emirat so ausschließlich über die unterirdischen Energievorräte definiert. Sein Sohn, der sich gern als Vordenker und Reformer präsentiert, entwickelte aus den Gedanken seines Vaters die „Vision 2030“.

Katar – 2,155 Millionen Einwohner und halb so groß wie Hessen – will in den kommenden 15 Jahren zum Drehkreuz der arabischen Welt aufsteigen. Zum Hotspot für Geschäftsreisende, zu einem weltweit beachteten Finanz- und Wissenschaftszentrum. Modern, mondän, fortschrittlich, weltoffen, geschäftstüchtig. Das klingt vielleicht ein bisschen zu ehrgeizig für ein Volk, das vor 50 Jahren noch bettelarm in einfachen Zelten logierte. Aber es ist auch nicht nur eine schöne Geschichte aus Tausendundeiner Nacht.

Die Zahl der Landungen auf dem neuen Großflughafen in Doha jedenfalls steigt, und immer häufiger betreten Großmuftis der internationalen Leibesertüchtigung das Land, das ihnen Verheißung verspricht. Dass sich in diesen Tagen die besten Handballer der Welt in der supermodernen Lusail Multipurpose Hall messen, ist so betrachtet nicht mehr als eine Etappe auf dem Weg zum ganz großen Ziel. „Wenn der Zeitpunkt passt“, versichert Tamim bin Hamad al-Thani, „dann holen wir die Olympischen Spiele ins Land.“ Zweimal hat sich Katar schon beworben. Vergeblich. Aber ganz so aussichtslos wie manche glauben, ist die Causa vermutlich nicht.

Die besten Golfer treffen sich schon jetzt jeweils im Januar im Doha Golf Club, um schnell mal das Preisgeld von 1,8 Millionen Euro auszuspielen. Tage später schlagen die Tennis-Cracks auf – bei den Qatar Open. Es gibt eine Radrundfahrt, ein Motorradrennen und ein großes Tischtennisturnier. 40 internationale Großveranstaltungen jährlich. Vergangenes Jahr gastierten die Schwimmer mit der Kurzbahn-WM, dieses Jahr die Boxer – für die Rad-Weltmeisterschaft 2016 wird eigens ein Berg aufgeschüttet. Und als sich zuletzt die Vertreter des internationalen Leichtathletik-Verbands (IAAF) noch ein bisschen zierten, half Katar mit einem zusätzlichen Sponsorenpaket von 30 Millionen Euro.

Mit einem Schlag waren auch Läufer, Werfer und Springer der Meinung, dass es bei Lichte betrachtet wenig Argumente gibt, der arabischen Welt die Segnungen der Leichtathletik-WM 2019 vorzuenthalten. Die findet der unerträglichen Sommerhitze wegen nun zwar im Oktober statt wie gewohnt im August statt, aber das ist in den Augen der Funktionäre zu vernachlässigen angesichts eines Gabentisches, den sonst kaum jemand zu bieten hat: großzügige Reisekostenzuschüsse, exklusive Hotels, perfekte Sportstätten mit umweltschonenden Klimaanlagen, Steuerfreiheit.

So ähnlich dürfte es wohl auch bei der skandalumwitterten Vergabe der Fußball-WM 2022 gelaufen sein. Aber wer jetzt von Korruption spricht und empört mit dem nackten Finger auf die reichen Männer im Kaftan zeigt, der sollte wissen, dass sich Katar nur zunutze machte, was in der hemmungslos vermarkteten Welt der internationalen Sportverbände seit langem schon die Tagesordnung bestimmt: das Spiel ohne Grenzen.

Der kleine Wüstenstaat nützt den Sport exzessiv als Kommunikationsplattform für seine Botschaften und den damit verbundenen Imagetransfer: Sport und Infrastruktur statt Panzer und Raketen. Für das Profil eines sympathischen und respektierten Mitglieds der Weltgemeinschaft ist den selbstbewussten Arabern kein Preis zu hoch.

Und damit auch jeder erfährt, was Katar zu leisten imstande ist, sendet der 1996 gegründete landeseigene Sender Al Dschasira rund um den Globus und rund um die Uhr. Und als sei es kaum mehr als ein Trinkgeld, pumpt Qatar Sport Investments Millionen aus dem Öl- und Gasverkauf in populäre europäische Vereine wie den FC Barcelona oder Paris St. Germain.

Dass die Tradition des Leistungssports im Emirat so fest verankert ist wie Kamelreiten auf Sylt, ist auf dem Weg zur Weltmacht des Sports zwar ein Hindernis, aber kein unüberwindbares Problem. Wie zum Beweis ragt westlich von Doha seit 2006 die Aspire Academy for Sports Exellence aus der Wüste, die größte Sportanlage der Welt. Ein kreisrundes Areal mit neun Kilometer Umfang. Das Fünf-Sterne-Hotel im Zentrum, 300 Meter hoch, ist der olympischen Fackel nachgeahmt. Es gibt 14 Fußballplätze, eine Schwimmhalle, Anlagen für Tennis, Squash, Volleyball, Basketball, Leichtathletik, Golfplätze, eine Sportklinik und den Aspire ­Dome, die größte Multifunktionssporthalle der Welt. Das Khalifa International Stadium macht sich gerade fit für die Fußball-WM 2022. Dann soll es 60 000 Zuschauern Platz bieten. Zwischen 200 und 300 Kinder im Alter zwischen 12 und 18 Jahren trainieren in der Aspire Academy täglich für die wichtigste Rolle, die ihnen von der Herrscherfamilie zugedacht wurde – als sportliche Botschafter ihres Landes. Sieben Betreuer pro Schüler stehen fünfmal die Woche bereit.

Weil für den Wüstenzwerg das Beste gerade gut genug ist, lockt das Land mit viel Geld Trainer, Sportler, Mediziner und Physiotherapeuten aus der ganzen Welt. „Das ist absolut einzigartig“, schwärmt der deutsche Fußballtrainer Uli Stielike, der von 2009 bis 2012 Fußballteams in Katar betreute.

Begeistert sind auch der FC Bayern München und der FC Schalke 04, die sich im Wüsten-Paradies regelmäßig auf die Bundesliga-Rückrunde vorbereiten. Werbewirksam auf Kosten der Gastgeber, versteht sich und mit jener ambivalenten Moral versehen, die dem kommerzialisierten Sport die Reste seiner Glaubwürdigkeit raubt. „Ich denke, man sieht, dass die Katarer ihrer Verantwortung gerecht werden“, sagte der Schalker Sportvorstand mit Blick auf die Missstände, die Menschenrechtsorganisationen immer mal wieder beklagen.

Auf den Baustellen für die Fußball-WM jedenfalls herrschen nach Expertenmeinung noch immer Zustände wie im Mittelalter. Und einflussreiche Geschäftsleute in Katar sträuben sich unverändert gegen jede Reform. „Der Reichtum dieser Leute gründet auf einem ausbeuterischen System“, wettert Nicholas McGeehan von Human Rights Watch. Clemens Prokop, Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV), fordert, Vergaben von Großveranstaltungen künftig daran zu knüpfen, „dass die Arbeiten an den Sportstätten unter menschenwürdigen Bedingungen stattfinden“. Immerhin kündigte das Arbeitsministerium eine Lockerung des unwürdigen Kafala-Systems an, wonach Gastarbeiter nur dann wieder ausreisen dürfen, wenn ihnen ihr Bürge die Erlaubnis erteilt. Als Indiz für die Stärkung der kümmerlichen Frauenrechte werten Optimisten den Umstand, dass bei den Olympischen Spielen 2012 erstmals drei Athletinnen aus Katar am Start waren – im Tischtennis, Schwimmen und Schießen.

Der Weg zur international anerkannten und geschätzten Sportnation ist also noch weit. Weiter noch als für den Busfahrer, der während der Handball-WM die Journalisten zu den Pressekonferenzen fährt. Nach zweieinhalbstündiger Irrfahrt stieg er entnervt auf die Bremse und hob entschuldigend die Hände: „I only know one way.“ Ich kenne nur einen Weg. Manchmal ist es der falsche.

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