Post an Heiligabend verunsicherte die Bewohner des Kastanienhofs. Foto: Caroline Holowiecki

An Heiligabend flatterte den Bewohnern einer Altenresidenz in Stuttgart-Möhringen die Kündigung des Servicevertrags durch den ASB ins Haus. Wenig später wurde sie zwar zurückgenommen, ein Pflegebedürftiger erzählt, warum er sich dennoch sorgt.

Möhringen - An Heiligabend erhält man Geschenke. Im Kastanienhof in Möhringen war das anders. Da gab es Kündigungen – per Einschreiben. „Da war der Heilige Abend verhagelt“, sagt ein Mann, der in der betreuten Wohnanlage lebt. Gekündigt hat der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB). Die Wohlfahrtsorganisation hat im Jahr 2018 einen Servicevertrag über die Betreuung in der Seniorenresidenz abgeschlossen. Der sollte laut Einschreiben am 31. März enden. Es rechne sich nicht mehr.

Rund-um-die-Uhr-Präsenz mit Hausnotruf

Die Idee sei einst gewesen, dass alle Bewohner der 42 Appartements nahe dem Probstsee einen Vertrag mit dem ASB abschließen und im Gegenzug eine Rund-um-die-Uhr-Präsenz mit Hausnotruf gewährleistet wird. „Wie Sie sicher wahrgenommen haben, werden immer mehr Wohnungen an Personen vermietet, welche keinen Servicevertrag mit dem ASB abgeschlossen haben. Das bedeutet für den ASB, dass die Dienstleistung für Sie mit großem Verlust durchgeführt wird“, steht im Brief. Man sei daher gezwungen, die Präsenzzeiten zu kürzen und den Grundservice Ende März einzustellen. Zusatzleistungen des ambulanten Pflegedienstes könnten aber weiter in Anspruch genommen werden. Zudem wird dem Mann im Schreiben angeboten, in ein Haus umzuziehen, in dem es den Grundservice weiter gibt. Eine solche Einrichtung ist etwa am Sillenbucher Markt.

Der Mann, der lieber anonym bleiben will, ist konsterniert. Der hochbetagte Senior sagt, er habe den Pflegegrad zwei. Er benötigt im Alltag viel Unterstützung, „ich kann nicht ohne Pflege sein“, und genau aus diesem Grund sei er in den Kastanienhof gezogen. Und jetzt? Umziehen? Sich wieder auf ein neues Umfeld einstellen, neue Ärzte und Apotheken suchen? „Da sind auch ältere Leute, die noch länger hier wohnen. Das ist eine Katastrophe“, klagt er. Das alles habe die Hausgemeinschaft vollkommen unvorbereitet getroffen, und dann auch noch an Heiligabend, „das war die Krönung“.

Kein Interesse an den ASB-Dienstleistungen

Auch dem ASB ist inzwischen aufgegangen, dass das Ganze ungut gelaufen ist. Bereits kurz nach Weihnachten kam deshalb die Rolle rückwärts. Nämlich die schriftliche Rücknahme der Kündigung und eine Entschuldigung. Der ASB-Geschäftsführer Lars-Ejnar Sterley räumt gegenüber unserer Zeitung ein, die unfestliche Weihnachtspost veranlasst zu haben, um Fristen einzuhalten, gleichwohl bekennt er: „Das war keine gute Kombination.“ Stattdessen soll nun noch im Januar eine Videokonferenz mit Bewohnern und Angehörigen stattfinden. Dort will man die Beweggründe darlegen. Laut Lars-Ejnar Sterley besteht nur für gut die Hälfte der Wohnungen ein Servicevertrag, so sei der Conciergeservice nicht mehr darstellbar. „Das werden wir nicht mehr leisten können“, sagt er. Knackpunkt laut seiner Aussage: Seit einem Eigentümerwechsel werden die Wohnungen im 1996 eröffneten Komplex auch „mit Mietern belegt, die nicht hilfsbedürftig sind“, also kein Interesse an den ASB-Dienstleistungen haben.

Lars-Ejnar Sterley betont: Bei der Videokonferenz sollen mögliche Lösungen besprochen werden. So sei etwa eine Änderung des Angebots denkbar. Der Senior hofft, dass es bei der zurückgezogenen Kündigung bleibt, denn die Sicherheit einer 24-Stunden-Versorgung braucht er. Der Mann ist ein Ur-Möhringer, hat hier im Ort seine Bekanntschaften. Umziehen will er möglichst nicht müssen. Er sagt: „Das ist ein richtiger Käse. Das macht mir schon Angst.“

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