Hier Antisemitismusvorwürfe, dort eine entspannte Atmosphäre. Was macht die Documenta fifteen in Kassel aus?
Dreißig Veranstaltungsorte, mehr als 1500 beteiligte Künstlerinnen und Künstler, viele Themen. Hier die wichtigsten Aspekte der Documenta fifteen:
Lumbung
Die Documenta fifteen will den Werten von Lumbung folgen. Das indonesische Wort für Reisscheune steht für das Teilen – ursprünglich von der Ernte, aber auch im übertragenen Sinne von Ressourcen und Wissen. Deshalb hat das Team von Ruangrupa verschiedenste Kollektive eingeladen, die eigenständig Beiträge für Kassel erarbeiteten. Außerdem werden Kinder und lokale Communitys miteinbezogen.
Citizenship
Das Berliner Zentrum für Kunst und Urbanistik hat einen alten Dachstuhl zum Boot umfunktioniert. Anfang Juni ist das „Citizenship“ in Richtung Kassel gestartet. Angetrieben wird es von Solarzellen und umfunktionierten Fahrrädern. An die 400 Menschen haben mitgebaut, auch bei der Versorgung hoffen die Passagiere auf Unterstützung von den Bewohnern der 55 geplanten Stationen. Zur Halbzeit der Documenta soll das Citizenship in Kassel einlaufen.
RuruHaus
Das Kuratorenteam Ruangrupa hat sich Themen wie Humor, Nachhaltigkeit und Bescheidenheit auf die Fahnen geschrieben. Und Regeneration, auch die des Publikums. So viele Sitzgelegenheiten, Sessel, Sofas und Sitzsäcke gab es noch nie in einer Ausstellung. Herzstück der Documenta fifteen ist das RuruHaus, ein Welcome Center in der Fußgängerzone. Hier gibt es Infos, Sofas, Getränke, Toiletten in schöner Atmosphäre.
Bettenhausen
Die Documenta hat Standorte in Bettenhausen bezogen, einen von Arbeitervierteln geprägten Stadtteil. Die Location sind sehenswert: Das Hallenbad Ost, 1929 im Bauhaus-Stil errichtet, wurde nach langem Leerstand in einen Veranstaltungsort umgebaut, der mit Witz das Schwimmbad-Inventar nutzt. In der Kirche St. Kunigundis prallen Christentum und Voodoo aufeinander. Und auf dem Hübner-Areal bespielt die Documenta fifteen Produktionshallen.
Barrieren abbauen
Ob es die Begleithefte oder Saaltexte sind – sie kommen ohne Fachjargon und Fremdwörter aus. Gute Verständlichkeit und leichte Lesbarkeit sind oberstes Gebot. Es gibt zu allen 30 Veranstaltungsorten Hinweise zu Barrierefreiheit und Service-Angeboten vor Ort. Fast sämtliche Videos wurden ins Deutsche übersetzt, auch die Rundgänge werden in zahlreichen Sprachen angeboten – auch in Indonesisch, Arabisch, Türkisch oder Ukrainisch, in Leichter- oder Gebärdensprache.
Antisemitismusvorwurf
Der Vorwurf, dass die Künstlergruppe „Question of Funding“ der israelkritischen Boykottbewegung BDS nahestehen, wurde bisher nicht bewiesen. Der Zentralrat der Juden hält es aber auch für antisemitisch, dass keine jüdisch-israelischen Künstler ausgestellt werden. Die Politik steht hinter Ruangrupa, die Diskussionen werden weitergehen: Mohammed Al Hawajri kombiniert Bilder von Angriffen der israelischen Armee auf das Palästinensergebiet mit klassischen Gemälden, darunter Picassos „Guernica“, das auf die Zerstörung Guernicas durch Nazi-Deutschland anspielt.