„Man kann auch mit sich alleine glücklich sein.“ Die Kartenlegerin Nicole Püschel arbeitet auch im Paradox in Göppingen. Foto: Tilman Ehrcke

Nicole Püschel alias Nici legt ihren Kunden die Karten. 90 Prozent der Klienten sind Frauen. Hauptthema: die Liebe.

Eine Frau hat eine heimliche Affäre. Sie hofft, dass sich der verheiratete Mann für sie entscheidet. Klammert sich an jeden Strohhalm und wünscht sich, dass jemand in die Zukunft schauen und für Klarheit sorgen kann. „Die Liebe ist das größte Thema“, sagt Nicole Püschel, Kartenlegerin aus Göppingen. 90 Prozent der Ratsuchenden seien Frauen, „sie sind viel mutiger“. Liebt er mich? Denkt er an mich? Habe ich eine Chance?​

 

Die Prophetin versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden. Es dreht sich um das Gefühl der Ablehnung, Bindungsängste, Blockaden. „Meist geht es ja um einen selber und nicht um diesen einen Menschen. Und um die Bereitschaft für Veränderung und darum, sein Glück nicht von anderen abhängig zu machen. Die Menschen müssen selbst entscheiden, ob sie blind und lachend in die Kreissäge reinlaufen“, unterstreicht die 43-Jährige. Denn: „Ein Mann, der will, der tut.“ Und: „Man kann auch mit sich alleine glücklich sein.“

Klienten sollen selbst erkennen, wohin ihre persönliche Reise geht

Die wahre Kunst sei daher nicht allein das Kartenlegen. Vielmehr gehe es darum, seinem Gegenüber den Spiegel vorzuhalten und manchmal auch klar zu machen, dass es sich nicht lohnt, in einer Dauerschleife festzusitzen. Die Klienten sollen selbst erkennen, wohin ihre persönliche Reise geht. Nicht nur in der Liebe, manchmal auch im Job, sagt Nicole Püschel, die als Nici ihrem Handwerk nachgeht. Die Karten sind dabei ihr Werkzeug, dann suche man nach Optionen und Lösungsansätzen.​

Dabei sei sie „saumäßig ehrlich“, sagt sie, Märchen zu erzählen, sei nicht ihr Ding. Auch wenn sie die Wahrheit sagt: „Sie sind alle wiedergekommen und es ist noch nie jemand schreiend davongelaufen“, meint die Kartenlegerin und lacht. Wichtig sei, den Kunden und Kundinnen klar zu machen, auf Signale zu achten: Sagt er häufig ab? Meldet er sich nicht mehr? Ein bisschen Lockerheit in die Sache zu bringen und auf die Klienten „psychologisch einzuwirken“, könne auch nicht schaden: „Ich sage dann oft: Da kommt sicher noch ein anderer Prinz.“ Manchmal kommt sie aber auch zu dem Schluss, dass die Liebelei noch nicht durch ist. Zeitlich festlegen will sie sich aber nie, Wann-Fragen klammert sie aus: „Im Universum gibt es keine Zeit.“ Tabus sind auch Krankheiten oder das Thema Schwangerschaft, „bei Tod und Teufel würde ich ins Schicksal eingreifen“. Außerdem lässt sie von rechtlichen Dingen wie einem Sorgerechtsstreit die Finger. ​

Schon immer die Psychologin im Bekanntenkreis gewesen

Wichtig ist, dass ihr Kunde die Karten buchstäblich auf den Tisch legt, Dinge, die ihn beschäftigen, offen und ehrlich ausspricht: „Ich spüre, wenn was verschwiegen wird und dann fehlt ein Baustein für meine Arbeit.“ Ihre Mutter schenkte ihr im Alter von 15, 16 Jahren Tarot-Karten. Nicole Püschel legte sie sich selbst aus Spaß, wie sie sagt, und auch ihren Freundinnen, sie sei schon immer die Psychologin im Bekanntenkreis gewesen. Irgendwann viel später zog sie das Ganze professionell auf. Seit 2017 ist die Wahrsagerin selbstständig und berät ihre Klienten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, darunter viele Stammkunden, persönlich, am Telefon, per WhatsApp oder online in allen Lebensfragen. ​

Seit einigen Wochen schaut sie mit Interessierten auch im Laden Paradox in Göppingen in die Zukunft – vormittags, nach Terminvereinbarung außerhalb der Öffnungszeiten, um die Privatsphäre zu schützen. Das Geschäft läuft gut, sagt die 43-Jährige, „es ist viel los auf der Welt, die Menschen suchen einen Halt“. Inzwischen hat sie auch mehr als 80 Kartendecks selbst entwickelt, die sie verkauft und für ihr Handwerk auch selbst benutzt, „das eigene Design gibt eine bessere Energie“. Karten mit Disney-Figuren seien derzeit der Renner.

Ist das nicht alles Hokuspokus? Nicole Püschel schüttelt den Kopf: „Ich habe eine Gabe dafür, eine gute Menschenkenntnis und eine gute Intuition und bin ziemlich treffsicher. Mit Energie, Bewusstsein und Gedanken. Es ist inspirierend, in die Seele der Menschen zu schauen.“ Die Kartenlegerin wirkt zufrieden, in sich ruhend. „Mein Leben ist schön, ich bin zufrieden. Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder und einen Hund“, erzählt die Göppingerin. Eigene Erfahrungen und Lösungsansätze lasse sie in ihre Arbeit mit den Kunden einfließen. Sie legt auch für sich selbst und ihren Mann die Karten. Nicole Püschel ist überzeugt: „Lieber glücklich alleine als unglücklich zu zweit.“ Ihr zweites Credo: „Nicht stehen bleiben im Leben.“​

Ende des 18. Jahrhunderts in Mode gekommen

Technik
 Das Kartenlegen ist ein Teilbereich der Wahrsagung. Die sehr neuzeitliche, Ende des 18. Jahrhunderts in Mode gekommene Technik benutzt spezielle oder standardisierte Spielkarten, um in einem Gespräch zwischen Wahrsager und Kunde oder in einer Legung für sich selbst etwas über Situationen, Personen und zugehörige Fragen aussagen zu wollen.

Werkzeug
Unabhängig von der Tauglichkeit als Prognose, die bereits im 18. Jahrhundert infrage gestellt wurde, ist die Technik bis heute beliebt. Ob man an Kartenlegen glauben kann, ist eine persönliche Entscheidung. Viele sehen es als Werkzeug zur Selbstreflexion und für Einblicke in das Unterbewusstsein.​