Mitarbeiter vor dem Daimler-Werk in Untertürkheim halten sich zu den Kartell-Vorwürfen bedeckt. Foto: dpa

Auch viele Mitarbeiter von Daimler am Standort Untertürkheim erwarten, dass die Kartellvorwürfe zeitig aufgeklärt werden. Einstweilen stehen sie hinter ihrem Arbeitgeber und können sich nicht vorstellen, dass die Vorwürfe berechtigt sind.

Stuttgart - Um die Mittagszeit herrscht an Tor 2 des Daimler-Werks Untertürkheim reger Betrieb. Doch nur wenige, die den Eingang beim Karl-Benz-Platz passieren, mögen sich zu den jüngsten Vorwürfen gegen ihren Arbeitgeber äußern, schon gar nicht mit ihrem Namen.

„Es ist doch noch gar nicht klar, was dahinter steckt“, sagt ein Maschinenbauingenieur über die Kartell-Vorwürfe. Der 60-Jährige setzt hinzu: „Das sind doch eher Fehler der Vergangenheit.“ Angesichts der vielen Compliance-Schulungen, die bei Daimler auf allen Ebenen stattgefunden haben, kann sich der Ingenieur nicht vorstellen, dass an der Konzernspitze in jüngerer Zeit so regelwidrig gehandelt wurde. Skeptisch ist der langjährige Daimler-Mitarbeiter eher beim Thema Diesel. „Die Nachrüstung ist schwierig“, erklärt er.

Die Vorwürfe seien noch zu vage

„Es kommt zurzeit ein bisschen viel auf einmal“, findet ein anderer. Auch der Elektroingenieur ist aber der Meinung: „Man muss abwarten, man kennt die Hintergründe noch zu wenig.“ Eine klarere Meinung hat auch der Mittfünfziger zum Dieselproblem. „Dass man das mit einem Software-Update hinkriegt, daran habe ich Zweifel“, sagt der Mann, der schon mehr als zwei Jahrzehnte bei Daimler arbeitet. „Meine Kollegen und ich haben hier schon einiges erlebt“, erzählt er. Zum Beispiel Anfang der 1990er Jahre den Abbau Zigtausender Arbeitsplätze. „Damals ging es uns schlechter“, stellt er fest. „Das bringt uns nicht den Ruin, ich bin gelassen.“

Ein anderer, der das Tor Richtung Stadtbahn verlässt und im Regen stehen bleibt, sieht das anders. „Wir werden den Schaden haben“, sagt der 41-jährige Konstrukteur. Vor dem Hintergrund der vielen Compliance-Seminare für die Mitarbeiter kann auch er sich nicht vorstellen, dass es „weitreichende Absprachen“ der Autohersteller gab.

Kritik am „Autoindustrie-Bashing“

Ähnlich geht es einem 46 Jahre alten Maschinenbauingenieur. „Aber ich bin überrascht“, muss er zugeben. Derzeit könne man aber noch wenig sagen zu den Vorwürfen. „Da muss mehr Fleisch dran.“ Den Ingenieur stört, dass in der Öffentlichkeit alles in einen Topf geworfen werde. Im Falle des Dieselskandals etwa sei Daimler nicht mit VW vergleichbar. „Systematischen Betrug“ kann sich der 46-Jährige bei seinem Arbeitgeber nicht vorstellen. Die Differenz der Abgaswerte zwischen Prüfstand und Straße habe dem „rechtlichen Rahmen“ entsprochen. Die Frage sei, warum diese Differenz größer geworden sei.

„Es darf keine Vorverurteilung geben“, betont sein 39 Jahre alter Kollege, ein Diplomkaufmann. Er hat den Eindruck, dass in der Öffentlichkeit ein allgemeines „Autoindustrie-Bashing“ betrieben werde.

Vorwürfe an die Politik

Auch ein 41 Jahre alter Mechatroniker, der in der Entwicklung von Elektroantrieben arbeitet, beklagt die „Stimmungsmache“ gegen die Autoindustrie. Dabei seien die jüngsten Vorwürfe doch „sehr schwammig“. Und wenn jemand versagt habe, findet er, „dann ja wohl die Politik“. Den 41-Jährigen ärgert, dass statt der Zukunftsthemen nun „Altlasten auf den Tisch kommen und die öffentliche Meinung prägen“.

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