Die Mitarbeitenden bei Karstadt bauen sich in der finalen Phase des Warenkaufhauses gegenseitig auf: Vor den bereits leeren Regalen besprechen sich Betriebsrat Dietmar Weigelt, Kidist Yonas und Marion Könnecke (von rechts). Foto: Simon Granville

Nach dem Aus des Warenhauses im Leo-Center verkaufen die Mitarbeitenden noch in dieser Woche die letzten Waren. Dann geht das Rolltor endgültig runter.

Noch in dieser Woche ist Schluss mit Karstadt in Leonberg. Das Warenkaufhaus schließt endgültig seine Türen – nach insgesamt 51 Jahren als Mieter im Leo-Center. Die finale Schlüsselübergabe an den Center-Betreiber ECE wird dann am 31. August sein. Drei Insolvenzen haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den vergangenen Jahren überstanden. Zweimal wurde Leonberg von der Liste der Schließungskandidaten gestrichen. Doch in diesem Jahr gab es keine Rettung mehr. Das Aus wurde im Juni besiegelt, die Kündigungen wurden ausgesprochen.

 

Ein letzter Rundgang mit dem Karstadt-Betriebsrat Dietmar Weigelt. Aus der Geschäftsführung wollte niemand bei diesem Termin dabei sein. Vom Warenbestand, der einst auf vier Etagen und insgesamt etwa 9000 Quadratmetern Verkaufsfläche angeboten wurde, ist nicht mehr viel übrig. Die letzten Schnäppchen sind noch in einem überschaubaren abgesperrten Bereich im Erdgeschoss zu haben. „Wenn der Verkauf beendet ist, fegen wir noch einmal alles sauber und dann ist Schluss“, sagt Weigelt, der 25 Jahre in Leonberg arbeitete und für die Logistik, also Warenannahme und -verteilung, zuständig war. Seine Emotionen lässt er nicht hinterm Berg. „Das wühlt schon auf, für viele endet hier ja auch ein Stück Lebensgeschichte“, sagt der 58-jährige Familienvater, der einst den Beruf des Kochs erlernte.

Zuletzt seien es noch etwa 65 Beschäftigte im Warenkaufhaus gewesen, für die ein Sozialplan erarbeitet wurde. „Viele sind bereits weg.“ Manche haben einen neuen Arbeitsplatz gefunden, andere bekamen einen Job in einer anderen Karstadt-Filiale. Und manche haben sich für die Auffanggesellschaft entschieden. Hier würde für acht Monate noch bis maximal 80 Prozent des Lohnes gezahlt. In dieser Zeit könne man sich neu sortieren und orientieren, sich anderweitig bewerben oder diese Phase für eine Weiterbildung nutzen.

Die Rolltreppen sind stillgelegt

Die Rolltreppen ins Obergeschoss und noch ein Stockwerk höher in die ehemalige Sportabteilung sind bereits stillgelegt und mit einem Baustellenband abgesperrt. Der Weg ins Untergeschoss führt nur noch zur Filiale der Postbank. Auch in diesem Bereich sind alle Waren weg. Dort wo früher Bettwäsche, Handtücher, Haushaltswaren oder Handarbeitsutensilien ausgestellt waren, stehen nur noch leere Regale oder andere diverse Möbel-Systeme und warten darauf, weggeräumt, verkauft oder gar weggeworfen zu werden. Seit einigen Wochen wurden die Preise sukzessive reduziert. Zuletzt bis zu 80 Prozent, wie auf den bunten Schildern überall zu lesen ist. „Ich hätte nie gedacht, dass der Abverkauf mit Hilfe unserer Eigenvermarktung so gut und auch reibungslos funktioniert“, sagt Dietmar Weigelt und spricht dabei auch ein Lob an die Leonberger Kundschaft aus. „Aus anderen Schließungsfilialen hat man schon mal gehört, dass sich manche Leute daneben benommen haben“, sagt der Betriebsrat.

Die letzten Karstadt-Tage sind nicht nur für Dietmar Weigelt eine Achterbahn der Gefühle. „Im Moment haben wir so viel Arbeit und keine Zeit, nachzudenken“, sagt eine Mitarbeiterin in Führungsposition, die seit 43 Jahren bei Karstadt in unterschiedlichen Abteilungen gearbeitet hat, aber nicht gerne mit Namen zitiert werden möchte. „Ich weiß, dass bei mir der mentale Zusammenbruch kommt, wenn hier alles vorbei ist“. Dann erst wird sie sich die Zeit nehmen, zu schauen, wie es mit ihr selbst weitergeht. „Parallel zu meiner Arbeit habe ich das nicht hinbekommen.“ Viele Kunden hätten es bedauert, dass das Warenhaus schließe. „Und vor allem ältere Menschen müssen jetzt auf eine wichtige Nahversorgung verzichten“, sagt die Mitarbeiterin, während sie Waren umräumt.

Viele ehemalige Kolleginnen schauen vorbei

Eine ehemalige Kollegin, die schon seit einigen Wochen nicht mehr da ist, schaut noch einmal vorbei und wechselt ein paar Worte mit dem Betriebsrat. „Jetzt muss ich aber gehen, sonst wird es komisch“, meint sie plötzlich und kämpft mit den Tränen, sagt: „Das alles ist auch für unsere Kunden schlimm.“ Einen Moment später begegnet Dietmar Weigelt einer weiteren früheren Kollegin und deren kleinem Jungen, der jetzt in die Schule kommt. „Ich bin noch auf Jobsuche und hoffe, dass das zeitlich mit der Kinderbetreuung zu vereinbaren sein wird“, erzählt sie. Weigelt kennt die tragische Geschichte dieser Frau, die vor zwei Jahren aus Syrien als Flüchtling übers Mittelmeer kam, nachdem sie beide Elternteile verloren hatte. „Sie war eine tolle Mitarbeiterin und ein Beispiel, dass Integration am Arbeitsplatz gut funktioniert.“ Eine andere ehemalige Karstadt-Mitarbeiterin dreht auch noch mal eine letzte Runde und verabschiedet sich. „Ich bin seit einem Jahr weg und mache jetzt Grabpflege, was mich richtig gut erdet. Das war die beste Entscheidung. Schade, dass ich sie nicht schon früher getroffen habe.“ Doch auch sie wird emotional beim Anblick der leeren Flächen und leeren Regale – und verschwindet rasch.

Am Mittwochabend hat die Karstadt-Geschäftsführung alle Mitarbeitenden zum Essen eingeladen. Wie die Stimmung bei dieser „Abrissparty“ war, kann man sich gut vorstellen. „Trotz zuletzt zahlreicher Tiefen war es eine gute Zeit bei Karstadt, und vor allem die letzten harten Jahre haben uns richtig zusammengeschweißt“, sagt Dietmar Weigelt, der selbst das Angebot der Auffanggesellschaft annimmt. „Ich brauche jetzt die Zeit, um runterzukommen, dann sehe ich weiter. Ich werde die Situation als Chance sehen, irgendwo neu zu starten. Wir Karstadt-Mitarbeiter sind sehr flexibel, das haben wir in den letzten Jahren bewiesen.“