Der frühere Stürmer vom VfB Stuttgart zählt bei Dynamo Moskau zu den Lieblingen der Fans.

Stuttgart - Russlands erste Liga gehört nicht gerade zu den bevorzugten Bühnen eines Fußballprofis. Kevin Kuranyi hat es trotzdem gewagt. Und ist inzwischen in Moskau fast so bekannt wie der Kreml.

Der Fan von Dynamo Moskau hatte es gut mit ihm gemeint. Er organisierte eine Unterschriftensammlung, die an den deutschen Bundestrainer gerichtet war. "Sehr geehrter Herr Löw. Bitte nehmen Sie Kevin Kuranyi wieder in der Nationalmannschaft auf. Seine Leistungen sind seit Monaten überragend."

Die Angelegenheit war Kevin Kuranyi ein bisschen peinlich. Und irgendwann haben die Fans dann auch die Finger davon gelassen. Aber es zeigte eindrucksvoll, dass der Stürmer mit seiner unkomplizierten Art die russischen Herzen wärmt. Das ist hilfreich in einem Land, in dem die Seelen gern auch mal um den Gefrierpunkt schwanken. Ein Glas Wodka gilt zwar als probates Mittel gegen aufkeimende Stimmungstiefs, auch ein gutes Fußballspiel kann helfen; mit dem Wodka hat Kevin Kuranyi allerdings seine Probleme. "Du bekommst das ständig angeboten", erzählt er, "doch ich lehne immer ab mit dem Hinweis: Ich muss noch trainieren." Das klappt häufig, aber nicht immer. Neulich donnerte ein russischer Freund das Glas auf den Tisch und sagte: "Nastrovje, morgen ist trainingsfrei."

Acht Tore schoss Kuranyi bisher in dieser Saison

Mit dem Fußball hat der ehemalige Stürmer vom VfB Stuttgart naturgemäß weniger Schwierigkeiten. Acht Tore schoss Kuranyi bisher in dieser Saison und er lieferte zehn Vorlagen. Dynamo (47 Punkte) steht hinter Zenit St. Petersburg (52) und ZSKA Moskau (50) auf Rang drei der Premier-Liga, und nicht wenige Fans in Russland sagen, dass dies zu einem großen Teil sein Verdienst ist. Doch bescheiden wie er ist, weist Kuranyi darauf hin, dass die junge Mannschaft unter dem neuen Coach wunderbar funktioniert. Sergei Silken kam, als Dynamo den Saisonstart verbeutelt hatte und aus dem Pokal geflogen war. Jetzt läuft es wieder wie geschmiert, und die Experten vergleichen das Spiel der Mannschaft mit dem Tempo-Fußball von Borussia Dortmund aus der vergangenen Saison. Neben Kevin Kuranyi stürmt der ehemalige Leverkusener Andrej Woronin, der vom FC Liverpool an die Wolga kam. Kuranyi sagt: "Das funktioniert wie aus einem Guss. Wir sind die Leitfiguren im Team."

Überhaupt gibt es nach einem Jahr und drei Monaten erstaunlich wenig, womit Kuranyi seinen Wechsel von Schalke 04 zu Dynamo Moskau infrage stellen könnte. Am ehesten noch der Umstand, dass die Suche nach einem Barbier, der die Kunst beherrscht, sein barockes Bartgeflecht ums Kinn zu pflegen, mehr Zeit in Anspruch nimmt als die Polizei erlaubt. Der Bursche mit den drei Staatsbürgerschaften (Brasilien, Panama, Deutschland) scheint ansonsten auf wunderbare Weise die Mischung aus Lebenslust und Ernsthaftigkeit zu verkörpern, die den Nerv der Moskowiter trifft. Manchmal, erzählt der Stürmer, stehe er mit großen Augen auf dem Roten Platz. Dann dreht er sich langsam um die eigene Achse. So, als wäre er die Hauptrolle in einem Film, den das Leben mit ihm dreht. "Die Farben, die Pracht des Goldes, die ganze Atmosphäre dort. Das nimmt mich irgendwie gefangen", sagt Kuranyi und wähnt sich wie "in einem Märchen".

Vertrag mit Dynamo läuft noch bis 2013

Mit seiner Frau Viki und den beiden Kindern Vivien (3) und Karlo (6) wohnt er in einem schmucken Häuschen im Norden der Stadt, nur ein paar Minuten vom Trainingsgelände entfernt. "Die Staus in Moskau sind noch schlimmer als in Stuttgart", sagt Kevin Kuranyi und grinst wie ein Lausbub. "Das schönste Lächeln Russlands" überschrieb eine Moskauer Gazette den Beitrag über den Kosmopoliten aus Deutschland. Kein Wunder. Der Bursche verdient mit seinen 29 Jahren rund 5,7 Millionen Euro pro Jahr - ein wenig Schwabe ist er eben doch.

Sein Vertrag mit Dynamo läuft noch bis 2013. Und auch wenn in ihm das Feuer für die Bundesliga immer noch brennt, könnte er sich vorstellen, in Moskau noch ein paar Jährchen dranzuhängen. Er will mit Dynamo gern noch einen Titel holen.

"Das Märchen ist bald erzählt", sagt ein russisches Sprichwort, "aber das Werk nicht so schnell getan."

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