Abschied vom Schmuddelimage: Der Stuttgarter Street-Art-Maler Jack Lack profitiert vom neuen Interesse an gesprühten Bildern, mittlerweile bekommt er auch bezahlte Aufträge von Firmen. Doch der Künstler sieht auch ein Problem.
Stuttgart - Bloß keine Akademie! Er ist stolz darauf, Autodidakt zu sein. Auch wenn es immer mehr seiner Kollegen an staatliche Kunsthochschulen zieht – der Street-Art-Maler Jack Lack hätte Angst, dass ihm ein Professor seinen Stil austreiben könnte, weil Realismus nicht in die aktuellen Theoriediskurse passt. Mit bürgerlichem Namen heißt Jack Lack Roman de Laporte. Von Esslingen bis Melbourne bringen seine Wandszenen graue Stadtecken zum Leuchten. Unlängst errang der 26-Jährige beim 2. Südwestdeutschen Kunstpreis den zweiten Platz. Stuttgarter kennen vielleicht das Doppelbild aus Engel und Madonna, das er auf einen Pfeiler unter der Paulinenbrücke sprühte. Dass er kein Fachstudium absolviert hat, bedeutet nicht, dass Jack Lack seinen Job nicht gelernt hat. „Street-Art“, sagt er, „ist auch ein soziales Ereignis. Wir malen oft gemeinsam und können deswegen viel voneinander abschauen.“
Jedes Werk ist auf seine Umgebung hin geplant
Schon nach wenigen Minuten am Telefon merkt man, welche Freude dem jungen Künstler nicht nur die Arbeit, sondern auch das Reden darüber macht. Etwa, wenn er von einem Arbeitsaufenthalt in Thailand schwärmt: „Da bekommt man die schrägsten Autolacke. In Farbdosen, die in der Sonne platzen.“
Sein Pseudonym hat indes weniger mit einer Präferenz für Lackfarben zu tun als vielmehr mit seiner (pandemisch ausgebremsten) Reisefreudigkeit: „Auf Jack Lack kam ich, weil es wie ‚Jetlag‘ klingt.“ Vor allem eine Sache fasziniert ihn an seinem Medium: „Man kann Graffiti nicht transportieren, sie bleiben mit dem Ort, an dem sie entstehen, materiell verbunden.“ Das zwinge dazu, jedes Werk auf seine Umgebung hin zu planen.
Begonnen hat der Wahlstuttgarter mit kalligrafischen Zeichnungen. Doch Schriftzüge befriedigten ihn bald nicht mehr. „Ich wollte Emotionen wecken!“ So verlegte er sich auf Menschen- und Tiermalerei. Einer gewissen Gefälligkeit, die besonders Letzteres mit sich bringen könnte, tritt er aber entgegen. Beispielsweise, indem Linien die Motive zerschneiden oder indem das technisch-industrielle Umfeld ins Bild hineinragt. Für das vom Kunstmuseum Stuttgart initiierte Projekt „Secret Walls Gallery“ im Hauptbahnhof schuf er beispielsweise eine blaue Schlange, die Güterwaggons zerquetscht.
Graffiti hat den Beigeschmack von Ghettokultur und Illegalität abgestreift
Diese Reibungskräfte zwischen Naturthema und grauer Betonkulisse vermisst der Künstler bei traditioneller Tafelmalerei, mit der er sich aber gleichwohl beschäftigt. „Im Winter malt es sich auf Leinwänden im Atelier angenehmer als draußen in der Stadt.“
Jack Lacks Karriere ist typisch für den Prestigegewinn des Graffitigenres, das den Beigeschmack von Ghettokultur und Illegalität abgestreift hat. Nachts über die Bahngleise schleichen, an einer finsteren Ecke die Sprühdosen aus dem Rucksack holen und wieder verschwinden käme für Jack Lack schon aus praktischen Gründen nicht infrage: Schließlich komponiert er sehr aufwendig. „In einer Nacht würde ich gar nicht fertig.“ Auf die Vorzeichnung folgen mehrere Schichten Farbe. Den natürlichen Lichteinfall bezieht er ebenfalls mit ein, um die plastische Wirkung zu steigern.
Nicht nur Museumskuratoren schätzen Street-Art mittlerweile als eigenständige kreative Ausdrucksform. Auch Immobilienbesitzer haben erfahren, dass gute Graffiti vor weniger ästhetischen Kritzeleien schützen. Bestehende Werke zu übermalen gilt in der Szene nämlich als No-Go. Deswegen erhält Jack Lack immer öfter bezahlte Bildaufträge von Firmen. Für ein baden-württembergisches Energieunternehmen sprayte er bunte Riesenvögel auf eine Gasdruckregelanlage in Feuerbach. Auch an seinem Zweitwohnsitz im niederländischen Groningen ist der Vielbeschäftigte neuerdings gefragt. Er kann es sich sogar leisten, wählerisch zu sein: „Jobs für Firmenlogos nehme ich nicht an.“ Für den Fall, dass die Karriere als Street-Artist doch noch ins Stocken geraten sollte, absolviert er parallel ein Psychologiestudium.
Stadt fördert Graffiti
Was aber inspiriert ihn zu seinen Themen? Bei dem Stuttgarter Brückenpfeiler etwa habe er sich zunächst in Büchern und im Internet verschiedene Darstellungen von Engeln beziehungsweise Madonnen angeschaut. Ausgewählte Aspekte der Vorlagen wurden dann zu einem persönlichen Best-of kombiniert und verfremdet. Bei der Arbeit vor Ort standen die Zuschauer zeitweise im Halbkreis um ihn herum: „Sie fanden es spannend, wie nach einer abstrakt wirkenden Vorzeichnung allmählich ein erkennbares Motiv aus der Dose gezischt kam.“
Stadtvertreter haben die Arbeit des Künstlers am innerstädtischen Drogi-Hotspot begrüßt und finanziell gefördert. Muss ein kritischer Geist da nicht hellhörig werden und befürchten, dass er sich zum Helfershelfer der Gentrifizierung macht? Erst die Aufwertung durch Kunst, dann ein schickes Café und am Ende sind alle Menschen ohne passendes Bankkonto verschwunden. Dieses Problem, räumt der Künstler ein, sehe er tatsächlich, die Szene diskutiere bereits darüber. „Aber die Paulinenbrücke“, glaubt Jack Lack, „wird noch lange so bleiben, wie sie ist.“
Street-Art-Künstler und Weltenbummler
Zur Person: Jack Lack alias Roman de Laporte wurde 1995 in Schorndorf geboren und wuchs in Esslingen auf, wo er auch Abitur machte. Bereits zu Schulzeiten interessierte ihn Street-Art. Heute lebt der Künstler abwechselnd in Stuttgart und Groningen. Dort studiert er nach Stationen in Nijmegen und Melbourne parallel zur künstlerischen Tätigkeit Psychologie.
Ehrung: Beim 2. Südwestdeutschen Kunstpreis der Kreissparkasse (KSK) Esslingen errang Jack Lack den zweiten Preis (2500 E.). Der Wettbewerb stand unter dem Motto „Pop:Street:Art“, Siegerin Barbara Gräwe ist ebenfalls eine Vertreterin der Graffitiszene. Eine Ausstellung zum Kunstpreis läuft noch bis 9. Juli in der KSK Esslingen.