Szene aus „The Riot of Spring“ Foto: Jochen Klenk

Von Aufbrüchen“ – mit diesem Motto hat das Badische Staatstheater seine Spielzeit überschrieben. Anlass für den Choreografen Terence Kohler, mit Coco Chanel und Igor Strawinsky in Karlsruhe zwei Künstler zum Tanzen zu bringen, die Neues wagten. Und auch, um an eigene Aufbrüche zu erinnern.

Karlsruhe - Es ist es wie die Heimkehr des verlorenen Sohns. Acht Jahre nach der Uraufführung seiner „Tempeltänzerin“ ist Terence Kohler zurück in Karlsruhe und darf mit einem Coco Chanel und Igor Strawinsky gewidmeten Ballett wieder einen ganzen Abend mit seiner ehemaligen Kompanie bespielen.

Viel rumgekommen ist der Australier bei seiner Suche nach mehr künstlerischer Freiheit in der Zwischenzeit, hat in Antwerpen und Peking, in Helsinki und Hongkong für Tanzstoff gesorgt. Beim Bayerischen Staatsballett ist er seit 2009 „choreographer in residence“, für Schläpfers Ballett am Rhein wird er im Januar „one“ gestalten.

Birgit Keil, mit ihrer Tanzstiftung und als Karlsruher Ballettchefin frühe Förderin Kohlers, nimmt den Abtrünnigen mit offenen Armen auf. Für das Jubiläum ihrer Tanzstiftung, die im Oktober im Stuttgarter Schauspielhaus mit einer Gala ihren 20. Geburtstag feierte, gab sie „Souvenirs“ bei Kohler in Auftrag. Nun folgte im Großen Haus des Badischen Staatstheaters mit „Das kleine Schwarze / The Riot of Spring“ ein Abendfüller, der Coco Chanel und Igor Strawinsky zu Helden eines Balletts macht, das zweigeteilt bleibt, weil es die nicht sicher verbürgte Liebesgeschichte zwischen seinen Helden nicht überstrapazieren will.

Kohler interessiert sich vielmehr für die Kreativität zweier Künstler, die Neues wagten und für Skandale gut waren: Chanel, indem sie Frauenmode mit dem Entwurf des „kleinen Schwarzen“ revolutionierte. Strawinsky, indem er mit seinem „Frühlingsopfer“ das Publikum herausforderte und Musikgeschichte schrieb. Auf den Tumult, den die Premiere im Mai 1913 verursachte, spielt Kohler schon im Titel seines Strawinsky-Balletts an, indem er das Opfer („rite“) zum Aufruhr („riot“) wandelt.

Wie entsteht Kunst? Welche Rahmenbedingungen braucht, welche Opfer fordert sie? Das sind die Fragen, die den Choreografen zu diesem Abend bewegten. Auch die Erinnerung an den eigenen künstlerischen Aufbruch in Karlsruhe, wo Kohler als Tänzer den Freiraum fürs Choreografieren vermisste, mag möglicherweise bei der Konzeption mitgeschwungen haben.

In der Summe also beste Voraussetzungen für einen spannenden Tanzabend, auch deshalb, weil sich Kohler in Karlsruhe schon mit seinem ersten Handlungsballett, 2006 mit „Anna Karenina“, als dramaturgisch geschickter Erzähler zeigte. Durchaus spannend geht er auch den Aufbruch an: Er schickt Blythe Newman als „Geist der Zeit“ schon vor dem eigentlichen Beginn seines Stücks als zeitlose Widerspenstige ins Rennen, die sich mit überdehnten, zuckenden Bewegungen regelrecht aus dem Lauf der Dinge herauswindet und stellt ihr später ein Corps Gleichgesinnter zur Seite.

Doch von dieser zeitlosen, überraschenden Schönheit ist „Das kleine Schwarze / The Riot of Spring“ nur am Anfang und zum Schluss. Dazwischen: Anekdötchen um eine Modeschöpferin, die Revuen besucht, Festgesellschaften empfängt und ihre Modelmusen zu Strawinskys „Apollon musagète“ auf Stühlen herumrollt; Anekdötchen um einen Komponisten, dessen Genialität darin Ausdruck findet, dass er sein Piano mit den Füßen bearbeitet und sich mit seinem Choreografen über Rhythmus und Zählweise streitet; Anekdötchen um eine Choreografie, deren Skandalkraft bei Kohler darin besteht, dass sie Füße entgegen der Balletttradition einwärts statt auswärts dreht.

Dass Jordi Roigs Ausstattung etwas uninspiriert alle so kleidet, als kämen sie direkt aus der Zeit auf die Bühne, in der das Stück spielt, nimmt man als authentischen Rahmen hin – einschließlich Nijinkys folkloristisch eingefärbtem Tanzensemble samt Bär und Wallebart-Priester. Dass dieser Rahmen aber auch dramaturgisch berechenbar, dazu tänzerisch wenig dynamisch gefüllt wird, nimmt viel Spannung.

Wäre da nicht das im zweiten Teil beeindruckend dramatisch aufspielende Orchester, wäre man am liebsten mit den Buh-Rufern aufgestanden, die Kohler im Publikum platziert hat, um die „Sacre“-Empörung von damals ins Heute zu transportieren. Allein dadurch, dass man eine Zeit und ihre Ereignissen spiegelt, wie es Kohler in „Das kleine Schwarze / The Riot of Spring“ tut, kommt man ihr nicht näher.

Was Kreativität ausmacht, wie Aufbrüche gelingen? Keine leichte Analyse, vor allem nicht, wenn man sie zu mutlos angeht. Dass er den eigenen Bildern nicht vertraut, ist das große Manko dieses Abends. So bringt eine Filmprojektion den Ersten Weltkrieg ins Spiel. Verstanden: Das Verschwinden der Männer schafft eine neue Situation für Frauen wie Coco Chanel. Doch dann marschieren „echte“ Soldaten auf und sorgen mit Tornister, Gewehr und Stahlhelm für Kriegsromantik. Ebenso im zweiten Teil: Im O-Ton lässt da Strawinsky die „Sacre“-Ereignisse Revue passieren. Das ist unterhaltsam; doch der Tanz wird so zur bloßen Bebilderung.

Zu sehen in elf weiteren Vorstellungen bis zum 10. Juni 2016

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