Trauert der guten alten Zukunft von früher nach: Karl Valentin Foto: dpa

Der Landkreis Esslingen hat sein Standortmagazin neu aufgelegt – und verzichtet dabei auf den Blick in die Zukunft, der dem Vorgängerheft noch als Leitfaden gedient hat.

Esslingen - Dem weitsichtigen Münchener Denker und Philosophen Karl Valentin (1882-1948) wird die Erkenntnis zugeschrieben, wonach die Zukunft früher auch schon mal besser gewesen sei. Wohl eingedenk dessen hat der Landkreis Esslingen sein Standortmagazin überarbeitet. Wo im Jahr 2014 noch die Zukunft zu Hause war – Untertitel: „Where the future is at home“ – lautet die Überschrift des neu veröffentlichten Heftes nun „Wirtschaft 4.0 zwischen Neckar und Alb“.

Der Verzicht auf die Zukunft im Titel ist konsequent, denn auf dem Einband des 72 Seiten umfassenden Büchleins weisen fünf von sechs Fotomotiven direkt in die Vergangenheit. Da schmiedet der Schmied (Schmiedetechnik, etwa 2800 Jahre vor Christus von den Hethitern erfunden), da hobelt der Schreiner (Hobel, etwa seit 1200 vor Christus in Gebrauch), da leuchtet das Esslinger Alte Rathaus (Kauf- und Steuerhaus, errichtet im Jahr 1422) und da thront der Reußenstein über dem Neidlinger Tal (Ritterburg, errichtet um das Jahr 1270).

Die Detailansicht eines Doppeldecker-Motorflugzeugs (Vorkriegsmodell, um 1920), aufgenommen anlässlich des Oldtimer-Treffens auf dem Kirchheimer Fluggelände Hahnweide, rundet die zeitlose Ahnengalerie ab. Für den Blick nach vorn muss das zugegebenermaßen futuristische, aber auch gesichtslose Fabrikgebäude des japanischen (!) Maschinenbauunternehmens Fanuc an dessen Standort in Neuhausen herhalten.

Der Roboterspezialist aus Fernost ist eines von 20 Unternehmen, das im Innern des Magazins als Arbeitgeber vorgestellt wird. Im Gegenzug finanzieren die Unternehmen das Heft, das kostenlos bei der Wirtschaftsförderung des Landkreises Esslingen bezogen werden kann. Für nichts bekommen der geneigte Leser oder die geneigte Leserin also ein Heft in die Hand, das, so steht es in der Pressemitteilung aus dem Esslinger Landratsamt, ihnen „einen informativen Überblick über ihre Heimat“ gibt. Die Vertreter der lokalen Wirtschaft, denen sich das Standortmagazin ebenfalls empfiehlt, hätten ein repräsentatives Medium für Kunden, Lieferanten und Partner an der Hand, mit dem sie gleichzeitig für den Wirtschaftsstandort werben könnten. Und ansiedlungswillige Unternehmen und arbeitssuchende Fachkräfte bekämen bei dessen Lektüre schließlich einen Überblick über die Vorzüge des 530 000 Einwohner zählenden Landkreises.

Und letztendlich, das steht so nicht in der Pressemitteilung, kommen auch die Freunde des unfreiwilligen Humors nicht zu kurz. Denn im Kapitel „Region mit hohem Freizeitwert“ öffnet sich ihnen unverhofft ein weiteres Fenster in die vergangene Zukunft – bei der Lobpreisung der „beliebten Esslinger Veranstaltung Zwiebelfest“, bei der neun Wirte die Gäste auf dem Marktplatz eine Woche lang mit regionalem Essen und Getränken versorgen würden. Dumm nur: Das Zwiebelfest vermittelt inzwischen, nachdem die Stadt den Wirten nach 32 Jahren den Stuhl vor die weißen Hocketse-Zelte gestellt hat, nur noch die Ahnung einer einst besser gewesenen Zukunft, ganz im Valentinschen Sinne.

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