Der Schwaikheimer Chor Swinging Notes mit Chorleiter Nikolai Singer (vorne) reist nach New York Foto: Swinging Notes/Nicole Porobek

Die Einladung zum Konzert in der Carnegie Hall überraschte die Swinging Notes – umso größer ist die Freude. Denn die Sängerinnen und Sänger fühlen sich der Metropole am Hudson River besonders verbunden. Nun sammeln sie Spenden für die Reise.

Schwaikheim - Als Nikolai Singer am 11. September vor genau 18 Jahren zur Gründungs-Chorprobe der Swinging Notes nach Schwaikheim fuhr, glaubte er nicht, dass überhaupt irgendjemand kommen würde: Alle standen unter dem Eindruck der Terroranschläge in New York City, nur Stunden zuvor hatten Islamisten dort zwei Flugzeuge ins World Trade Center geflogen, die Zwillingstürme zum Einsturz gebracht und mehr als 2700 Menschen in den Tod gerissen.

Einmal gerne am Ground Zero singen...

„Und dann waren da 50 Leute. Alle ­waren ziemlich mitgenommen“, erinnert sich der Chorleiter aus Waiblingen an die Geburtsstunde der Swinging Notes. Sie hätten lange überlegt, ob sie sich überhaupt treffen sollten an jenem 11. September 2001, sagt Wesna Münzing vom Vorstand des Chores. Die Entscheidung fiel letztlich positiv aus – und wirkt bis heute nach: Gerne würden die Swinging Notes einmal am Ground Zero singen.

Dieser Wunsch könnte bald wahr werden: Auf seinem Youtube-Kanal veröffentlicht Singer immer wieder Videos von seinen Chören. Zufällig entdeckten Verantwortliche der New Yorker Carnegie Hall diese Aufnahmen – und luden die Swinging Notes zu einem internationalen Chor­event im Januar 2020 ein. Die erste Mail habe er noch für Spam gehalten, verrät der 57-Jährige mit einem Grinsen. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mich jemand fragt, ob ich in der Carnegie Hall auftreten will.“ Erst auf eine weitere Nachfrage habe er dann reagiert. Auch die 35 Chormitglieder konnten es nicht fassen. 21 von ihnen werden mitkommen. „Das kann nicht jeder möglich machen“, sagt Wesna Münzing. So manchen schrecke der lange Flug ab, andere bekämen nicht so einfach Urlaub. Und dann ist da noch die finanzielle Frage: Allein die Teilnahmegebühr für den Auftritt beträgt pro Sänger 790 Dollar, hinzu kommen die Kosten für Flüge und Unterkunft. Das macht rund 2500 Euro für jeden. „Wir haben einige, die sich wirklich schwertun, das Geld zusammenzukratzen“, sagt das Chormitglied Uta Weiß.

Einladung für Spam gehalten

Deshalb hat die 55-Jährige auf der Internetplattform Go Fund Me eine Spendenkampagne gestartet. „Mein Sohn hat uns auf die Idee gebracht“, erzählt sie. Seit Juni läuft die Aktion. Bisher sind insgesamt, also nicht nur über das Online-Portal, 1200 Euro eingegangen. „Ich hoffe, das wird jetzt im September nach den Ferien noch mehr.“ Denn einige der Chormitglieder seien froh über jeden Euro, den sie nicht zahlen müssten, ergänzt Münzing.

Der Auftritt in der Carnegie Hall sei eine einmalige Chance, betont Nikolai Singer. „Die Akustik ist einfach grandios, das Ambiente ist überwältigend“, schwärmt er. Und noch etwas weckt in dem 57-Jährigen große Begeisterung: Die Musik von Karl Jenkins, die er vor vielen Jahren zum ersten Mal in einem Elektronikmarkt hörte. Damals kam das Lied „Adiemus“ aus den Boxen. „Das war für mich eine Entdeckung. Die Musik war so anders und so wunderschön“, erzählt der Chorleiter. Gemeinsam mit anderen Chören aus aller Welt werden die Swinging Notes am 20. Januar „The armed Man: A Mass for Peace“ von Karl Jenkins singen, insgesamt stehen dann rund 250 Sängerinnen und Sänger auf der Bühne, begleitet von einem Sinfonieorchester. Die Friedensmesse umfasst 13 Stücke. „Der erste Titel haut einen schon um. Er beginnt mit einer ganz einfachen, kurzen Melodie und endet mit gewaltigen Tönen und Akkorden“, sagt Singer mit leuchtenden Augen. „Himmlisch“ sei Jenkins’ Musik.

Das Stück ist eine große Herausforderung

Für Laiensänger bedeutet „The armed Man“ allerdings eine große Herausforderung. „Nikolai, das geht doch gar nicht“, habe er am Anfang oft gehört, gibt der Chorleiter zu. „Es ist sehr anspruchsvoll, ich denke, wir haben alle Respekt davor. Mit manchen Tönen muss man schon kämpfen“, erzählt Wesna Münzing. Gerade im Sopran gebe es sehr hohe Töne, die die Sängerinnen an ihre Grenzen bringen, räumt Singer ein.

Eine Chorprobe pro Woche reicht nicht mehr aus. Deshalb üben die Sänger auch zu Hause mit Aufnahmen, die der Chorleiter individuell auf ihre jeweiligen Stimmen angepasst hat. „Nach den Ferien geht es richtig los – Chorwochenende ist das Zauberwort“, sagt Nikolai Singer. Ein bisschen seien die Vorbereitungen wie das Lernen auf eine Prüfung, sagt Michael Weiß, der einzige Bass-Sänger. Der Chorleiter stelle hohe Anforderungen, „aber deswegen sind wir ja auch gut“.

Chorleiter ist nie ganz zufrieden

Nikolai Singer sieht die Fortschritte der Swinging Notes, auch wenn er sagt: „Ich bin nie zufrieden.“ Frage man ihn nach Konzerten, wie es gelaufen sei, antworte er immer „S’isch gange“, erzählt er und lacht. „Aber jeder weiß, wie ich es meine. Ich bin stolz auf meine Sänger. Was wäre ich ohne sie?“, betont er. Für ihn besteht eine Herausforderung momentan darin, allen gerecht zu werden – auch den Chormitgliedern, die nicht mit nach New York fahren. Die anderen wiederum hoffen, dass sie neben den Proben und dem Auftritt in der Carnegie Hall die Gelegenheit haben, am Ground Zero zu singen. Ob das erlaubt ist, wissen sie noch nicht. „Aber wir hoffen, dass das alles so funktioniert“, sagt Wesna Münzing.

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