Christus am Kreuz Foto: dpa

Das leiden Jesu am Kreuz und seine Auferstehung sind für Christen zwei Seiten desselben Heilsereignisses – Dazwischen liegt der Karsamstag.

Stuttgart - Was geschah zwischen Karfreitag und Ostern, nach der Kreuzigung und vor der Auferstehung? In der Theologie der österlichen drei Tage (lateinisch: Triduum Paschale oder Triduum Sacrum) ist der Karsamstag der Tag der Grabesruhe des Herrn. Nach Christi Tod am Kreuz herrscht Trauer und Stille – in den Evangelien genauso wie in christlichen Kirchen. Christus ist gestorben, um die Welt zu erlösen und durch seine freiwillige Hingabe in einen gewaltsamen Tod von Tod und Verdammnis zu befreien. Am Ostersonntag geschieht das größte aller Heilsmysterien: Der, der den Tod durchlebte, steht von den Toten auf. Das Leben siegt über den Tod.

Christus geht zu den Verdammten

In der traditionellen christlichen Vorstellung, wie sie in den ersten Jahrhunderten von Kirchenvätern formuliert wurde, ist Jesus nach seinem Kreuzestod in die Hölle, die Gehenna (hebräisch) hinabgestiegen und hat in der Vorhölle die Seelen der Gerechten seit Adam befreit. Im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es: „Hinabgestiegen in das reich des Todes.“ Doch was geschah dort in der tiefsten Verlorenheit, wo die wohnen, die sich von Gott abgewandt haben und für immer verdammt sind?

Die epochale Erfahrung des Gottesverlustes wird an Karsamstag mit einem Tag in Verbindung gebracht, an dem Gottes Sohn tot ist und Gott selbst schweigt. Ostern bricht mit diesem Schweigen. Gott spricht zum Menschen. Die Ungewissheit nach dem Tode Jesu ist vorüber, das Dunkel der Geschichte wird von hellstem Licht verdrängt. Die Welt feiert die Auferstehung des Erlösers und Heilands, der ein für allemal den Tod überwunden hat.

Die Höllenfahrt – Legende oder Wahrheit?

Doch die Zeit dazwischen, Karsamstag ist das große Rätsel im österlichen Geheimnis. Sie ist geprägt vom schmerzhaften vermissen Gottes, seiner Gottferne. Die meisten heutigen Theologen schweigen über den Karsamstag. Wie könnte es auch anders sein in postaufklärerischer zeit, in der die Theologie den Mythen und Legenden abgeschworen hat. Der evangelische Theologe Rudolf Bultmann hat in seinem Entmythologisierungsprogramm der Karsamstag-Theologie den Gar ausgemacht. Der Höllenabstieg Jesu hat sich für ihn erledigt.

Hans Urs von Balthasar und die Theologie des Karsamstags

Umso bemerkenswerter ist es, dass die Höllenfahrt Christi nicht tot zu kriegen ist. Der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar hat sich ihr wie kein anderer Theologe der Neuzeit gewidmet und sie wie eine verstaubte Reliquie hervorgeholt.

Zur Person: Hans Urs von Balthasar (1905 -1988) war ein Schweizer römisch-katholischer Priester und einer der bedeutendsten theologischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Er zählt auch zu den Vorbereitern des Zweiten Vatikanischen Konzils. Durch seine Veröffentlichungen erschloss er das Erbe der frühen Kirche neu für die Theologie und den christlichen Glauben. Aufgrund seiner Verdienste beabsichtigte Papst Johannes Paul II. ihn zum Kardinal mit der Titeldiakonie San Nicola in Carcere zu ernennen, er starb jedoch zwei Tage vor der Aufnahme ins Kardinalskollegium.

Kein historisches Faktum

Auch von Balthasar hält den Höllenabstieg Christi für mythologisch. Es ist kein historisches Faktum, sondern eine Metapher im Rahmen einer heilsuniversalistischen Theologie. Allerdings bleibt von Balthasar nicht an der gängigen Kritik stehen, sondern denkt weiter und fragt nach dem impliziten Sinn des Mysteriums. Die frühe Kirche hat gerade im Höllenabstieg Christi den Grund für die Rettung der Toten gesehen. Von Balthasar greift diesen Gedanken auf und vertieft ihn zu einer Karsamstags-Theologie, wie sie in der Theologiegeschichte einmalig ist.

Für ihn ist die Höllenfahrt des Erlösers heilsrelevant. Dass heißt ohne sie wäre das österliche Geheimnis nicht zu verstehen. Dabei ist klar, dass die Hölle kein Ort ist, sondern – wie schon die christlichen Mystiker erklärten – ein innerer Zustand. es ist die völlige Gott-Abwesenheit. Für die Toten in der Hölle ist Gott tot.

Indem Christus hinabsteigt , gibt es für sie wieder Hoffnung und Rettung. Die, die auf ewig verloren sind, werden gerettet. Christus trägt Gottes unendliche Liebe selbst dorthin, wo ewige Finsternis und Verdammnis herrschen.

Die Freiheit und das Böse

Mit der Erschaffung des Menschen hat Gott seinem Geschöpf auch die Freiheit geschenkt – Freiheit sich gegen seinen Schöpfer zu wenden und in sündhafter Verblendung Gottes Erlösungsangebot auszuschlagen. Die Hölle ist gleichsam bevölkert von solchen, die Nein zu Gott gesagt haben und nun fern von ihm vegetieren.

Gibt es für sie keinerlei Erlösung mehr? Ist ihre Verlorenheit eine ewige? Die Konsequenz liegt nahe. Und genau hier erhält der Karsamstag seine Brisanz, macht er doch Ernst damit, dass Christus am Kreuz nicht nur die absolute Einsamkeit erfahren hat, sondern diese Einsamkeit auch zu jenen trägt, die einsam in der Hölle leben. Als Toter ist er den Toten gleich geworden und macht die Erfahrung der Hölle. Als Erlöster unter Unerlösten.

Topografie des Jenseits: Gibt es die Hölle als Ort?

Es gibt für von Balthasar kein Topografie des Jenseits, nicht Himmel. Hölle oder Fegefeuer. Er betrachtet diese streng theologisch als Zustände der absoluten Nähe und Ferne Gottes. Mit Blick auf die Hölle bedeutet dies, dass sie als Situation des Gottverlustes gedeutet wird. Ein Verlust, der nur durch Christus selbst wieder gut gemacht werden kann, indem er am Ort der Gottferne Gottes nähe bringt.

Man sieht, dass dieses heilsdramatische Karsamstags-Geschehen letztlich einer trinitätstheologischen Erläuterung bedarf. Gott, der Vater, sendet seinen Sohn in die Welt. Gestorben am Kreuz als Zeichen unbedingter Liebe, wird der Gesandte solidarisch mit denen, die den Schöpfer verleugnet haben.

Entscheidend für von Balthasar ist, dass mit Christi gang zu den Toten sich die Wende bereits ereignet hat. Die österliche Auferstehung muss nicht heil machen, was vernichtet ward, sondern der Tod am Kreuz hat dieses Heilsgeschehen irreversibel in Gang gesetzt. Das Geschehen begründet schließlich die Hoffnung, dass wir alle gerettet werden.

Der Tod als Weg zum Leben

Der Karfreitag ist von der Auslieferung Jesu gekennzeichnet. An ihm wird der Sohn aus Liebe und zum Heil der Welt ausgeliefert. Er tut dies aus freien Stücken und bleibt doch der immer Handelnde. Der Tod Jesu bringt es nun mit sich, dass er wirklich tot ist. Also nicht in einem Zwischenzustand, sondern ein Toter unter den Toten.

Wie er im Leben solidarisch war, so ist er es auch im Tod. Im Karsamstag drückt sich eine Erinnerungssolidarität Jesu mit denen aus, die verdammt sind. Jesu restloser Einsatz für das Leben schließt die Hingabe an den Tod mit ein. So wird der Tod von der Dynamik der absoluten Liebe bestimmt.

Von Balthasar nimmt den Tod Jesu radikal ernst. Es ist keine Chiffre für ein symbolisches Tun. Jesus ist tot. Und durch seinen Tod teilt er dieses Schicksal mit den Kraftlosen. Er macht die Erfahrung der „poena damni“, der sündigen Söhne Adams , deren Stelle er stellvertretend auf sich nimmt, so wie er sie für die Lebenden am Kreuz auf sich nahm.

Christi Solidarität mit den Toten und Verdammten

Seine Solidarität mit den Toten besteht nicht allein darin, dass er seinen Tod bejaht und am Kreuz stirbt, sondern dass er die Wirklichkeit des Todes durchlebt. Von Balthasar treibt diesen Gedankengang bis zum Letzten weiter. „Christus ist bis in die abgründigsten Tiefen des Meeres hinabgestiegen, als er in die tiefste Hölle hinabfuhr, um die Seelen seiner Erwählten daraus zu befreien“, schreibt der Kirchenvater Gregor der Große. „Gott hat diesen Abgrund in einen weg verwandelt.“

In der Kenosis des Kreuzes, der Entäußerung des Sterbens, nimmt der triumphierende Christus den Weg zu seinem göttlichen Vater wieder auf und bringt aus dem Abgrund der Hölle jeden Menschen mit sich. Denn nun, seit Christus in die Hölle hinabstieg, gibt es keinen Abgrund mehr, der von Gott nicht eingeholt und mit Liebe erfüllt ist.

Es gibt keinen Abgrund mehr, in den der Mensch geraten könnte, ohne dass darin Christus zu finden wäre. Christus ist überall und hat alle wiedereingeholt, die schon verloren waren. „Reintegratio in Christo“ nennen dies die Kirchenväter: die Wiedereinholung der Welt der Lebenden und der Toten durch den gekreuzigten und auferstandenen Erlöser.

Gott ist in der Verlassenheit nahe

Der Gedanke, dass Jesus am Karsamstag im Grabe ruht, tot ist, hat bei aller Schrecklichkeit doch etwas Tröstliches: Christus ist uns in der Gottverlassenheit nahe. Nicht erst im Tod, schon im Leben. In Augenblick der Verzweiflung, Angst, des Schmerzes, des Verlustes, der tiefsten Trauer und des Nicht-mehr -weiter-Wissens ist er da. Auch wenn wir seine Nähe nicht spüren, weil sich die dunklen Wolken über unsere Hoffnung gelegt haben, ist er da. Christus teilt mit uns diese Erfahrung, weil er selbst sie erfahren hat. Er ist nicht nur wahrer Gott, sondern auch wahrer Mensch, der alle Mühen des Menschseins mit uns geteilt hat.

Die Konsequenz dieser Karsamstags-Theologie ist ungeheuerlich: Es gibt keine Gottesferne mehr – selbst nicht in selbstgewählter Gottverlassenheit. Der Mensch kann sich allein im Universum wähnen, doch Gott ist immer um ihn und ihn ihm.

Hoffen wider alle Hoffnung

Doch ist eine solche Hoffnung nicht wahnwitzig? Ist sie durch die Bibel gedeckt? Geht man damit nicht allzu leichtfertig über die Gräber und Schlachtfelder der Geschichte hinweg? Und was geschieht mit Massenmördern wie Hitler oder Stalin, die wir doch auf ewig in der Hölle schmoren sehen? Müssen die Täter nicht ihre gerechte Strafe finden? Was ist mit der ausgleichenden Gerechtigkeit, die für den Philosophen Immanuel Kant die eigentliche Begründung für eine Theodizee, die Rechtfertigung Gottes angesichts des Leids in der Welt ist.

Von Balthasar hat diese eschatologische Offenheit gegenüber den Infernalisten, die die Hölle mit all den Sündern der Geschichte bevölkern wollen, immer verteidigt. Was wäre, wenn nicht Gott, sondern der Mensch die Deutungshoheit für das Geschehen nach dem Tod hätte? Dann wäre die Verdammnis die Strafe für das Böse in der Welt. Doch das ist eine heilsindividualistische Verkürzung, in der man sich nur um das eigene Seelenheil kümmert – und noch um das der Guten.

Radikalität der Liebe

Die Solidarität Christi mit den Toten beinhaltet aber eine ganz andere Radikalität: nämlich die der Liebe, die so unendlich groß ist, dass sie alles – auch das abgrundtiefe Böse – zu wandeln vermag. Nur weil wir Menschen dieses Geheimnis nicht verstehen, weil es unseren Denk- und Wertehorizont übersteigt, bedeutet dies nicht, dass es nicht wahr ist.

Niemand, kein Papst, kein Christ, kein Mensch ist befugt, Gottes Barmherzigkeit geringer zu veranschlagen als seine Gerechtigkeit. In beidem ist es die absolute Liebe, die handelt und vergibt. Kein Tod kann das Leben in seinen Klauen gefangen halten. Das ist die Trost spendende Botschaft der österlichen drei Tage und von Karsamstag.

„Von den Toten auferweckt“

„Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist euer Glaube nichtig, dann seid ihr noch in euren Sünden, also sind auch die in Christus Entschlafenen verloren.“, heißt es im Neuen Testament im 1. Korintherbrief (15, 117-18). Und weiter: „Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden, als Erstling derer, die entschlafen sind. Da nämlich durch einen Menschen der Tod kam, kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. (15, 20-21).

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