Jamal Afful und Ina Häcker von der TSG Stuttgart gewinnen bei den Titelkämpfen in Norwegen jeweils Gold. Das Erfolgsrezept: mentale Stärke, Revanchegelüste – und Honig.
Für Jamal Afful begann der Weg zum Erfolg mit einer bitteren Niederlage. Für Ina Häcker begann er mit dem Umstand, genau das richtige noch fehlende Teil eines Teams zu werden. Doch beide Pfade führten letztlich dazu, dass die Shotokan-Karatekämpfer der TSG Stuttgart nun den Titel „Europameister“ tragen dürfen. Bei der diesjährigen Karate-EM im norwegischen Bergen setzte sich Afful im Kumite, dem direkten Zweikampf im Semikontakt, gegen die europäische Konkurrenz durch. Und Häcker gewann zusammen mit der deutschen Mannschaft im Kata, der Demonstration einer festgelegten Abfolge von Techniken, die Goldmedaille. Allerdings verlangten diese Erfolge beiden Athleten sehr viel ab.
Noch vor einem Jahr hatte Jamal Afful eine der bittersten Stunden in seiner sportliche Karriere erlebt. Denn seinerzeit hatte er schon einmal im Finale der Karate-Europameisterschaft gestanden. Kämpfen konnte er allerdings nicht, weil ihn sein Gegner im Halbfinale mit unfairen Mitteln malträtiert hatte. Zwar wurde der Übeltäter disqualifiziert, aber Afful konnte verletzungsbedingt nicht im Kampf um Gold antreten – und wurde somit, obwohl ungeschlagen, nur mit der Silbermedaille belohnt.
Doch anno 2026 sollte alles anders werden. „Ich habe da unglaublich viel Motivation rausgezogen und schon mal angekündigt, dass ich diesmal die EM gewinnen werde“, sagt der 20-Jährige, der sich mit einem immensen Fleiß auf den zweiten Anlauf in Richtung Gold vorbereitet hat. Ein halbes Jahr lang absolvierte er täglich zwei bis drei Trainingseinheiten. Zuerst muss Kraft aufgebaut werden, dann die Muskelausdauer, schließlich verfeinert und verbessert der Athlet Technik und Geschwindigkeit. Die wichtigste Komponente ist allerdings die mentale Stärke, die es zu entwickeln gilt: „Gute Technik hat jeder, der auf dem Niveau dieses Wettkampfes antritt“, sagt Afful. „Der Unterschied ist meistens Kopfsache.“
Das zeigte sich vor allem im zweiten Duell, das der Stuttgarter in Bergen bestreiten musste: Hatte er seinen ersten Kampf gegen den Engländer Jack Higbee noch klar dominiert, erwies sich der Tscheche Tomas Kucera als deutlich dickerer Brocken. Erst in der Verlängerung setze sich Afful mit 2:1 Punkten durch. „Ich habe mir immer wieder gesagt: Das lass’ ich mir nicht nehmen“, schildert Afful. Dieses Mantra trug ihn auch durch die restlichen Kämpfe, ebenso ein weiterer wichtiger Helfer: Honig. „Ein echter Energie-Booster – besser als jeder Proteinriegel oder Energy-Drink“, sagt Afful.
Jamal Afful: „Noch mal richtig den Hahn aufgemacht“
Nachdem er den Schweizer Rego Varga und den Slowenen Jan Klasnek ausgeschaltet hatte, war ihm die Silbermedaille sicher. Im Finale wartete dann das denkbar größte Kaliber auf den Stuttgarter Athleten: der Belgier Hugo Mulolo, U-18-Weltmeister sowie Junioren-Europameister. Doch der Erste, der in diesem Kampf punktete, war Afful. Es hätte der Sieg sein können, wenn seine Kombination aus einem Fußfeger mit anschließendem Schlag ins Gesicht nicht ein wenig zu unsauber ausgefallen wäre. So gab es lediglich einen Zähler für den Deutschen, den Mulolo kurz darauf egalisierte. Doch Afful hatte noch ein Ass im Ärmel: „Mein kleiner Bruder Jayden hat einen ähnlichen Kampfstil und eine ähnliche Figur wie Hugo Mulolo“, sagt er. „Ich wusste, wie man mit so einem Gegner umgeht, und habe dann noch mal richtig den Hahn aufgemacht.“ Der Lohn: ein Körpertreffer, der ihm das 2:1, den Sieg und damit Gold einbrachte.
Schwierige Bedingungen für Ina Häcker
Ein halbes Jahr intensives Training mit zwei bis drei Einheiten pro Tag brachte auch Ina Häcker hinter sich – allerdings unter stark erschwerten Bedingungen. Die Stuttgarterin war erst im vergangenen Jahr in das sehr erfolgreiche deutsche Kata-Team mit Leonie Diffene (Magdeburg) und Kathrin Heinz (Baden-Baden) geholt worden, nachdem die Bonnerin Melissa Rathmann ihre Karriere beendet hatte. Nun ist es aber elementar, dass beim Teamwettbewerb die Abfolge der Kampftechniken möglichst synchron erfolgen. Was die gemeinsamen Übungseinheiten erschwerte: Ina Häcker absolviert zurzeit ein Auslandssemester in Spanien. Und so musste jedes gemeinsame Training sorgfältig geplant und sehr intensiv durchgeführt werden. „Es waren nicht die optimalsten Bedingungen“, räumt Ina Häcker ein.
Doch vielleicht waren es just die eher ungünstigen Umstände, die am Ende ein paar Prozent mehr an Leistung aus den Sportlerinnen herausgekitzelt haben. Im Kata-Teamwettkampf treten die konkurrierenden Mannschaften nacheinander an. Jede Darbietung wird, gemessen am Schwierigkeitsgrad, der Präzision in der Technik und der Ausstrahlung, von den Kampfrichtern nach einem Punktesystem bewertet. „Wir waren als Dritte dran“, sagt Häcker. „Danach war klar, dass wir schon mal besser waren als die zwei Teams vor uns." Bronze hatte das deutsche Trio also schon in der Tasche – doch nun begann das Zittern, ob die Führung vielleicht doch noch verloren gehen würde. Die Sorge hätte es nicht gebraucht: Häcker, Diffene und Heinz gewannen vor England und Tschechien.
Ina Häckers Durst nach Edelmetall ist mit dem Triumph in Bergen jedoch nicht gestillt: „Ich habe zwei klare Ziele: die EM im nächsten Frühjahr und die Weltmeisterschaft im Oktober“, kündigt sie an. Etwas verhaltener äußert sich Jamal Afful: „Ich werde mich jetzt erst mal um die sozialen Kontakte kümmern, die ich so lange wegen des Sports vernachlässigt habe“, sagt er. „Dann werde ich eine Entscheidung treffen, wie es mit Karate weitergeht.“