Ein Förderverein in Engen im Hegau will eine alte Kapuzinerkirche öffnen. Ihr Schatz ist die Gruft unter der Kirche.
Josef Watz wohnt noch nicht lange in Engen. Seit zwei Jahren lebt er in der Kleinstadt inmitten des Hegaus. Wer neu ist, sieht oft mehr als die Alteingesessenen, die schon immer da waren und für die schon immer alles da war. Eines Tages zog der Pensionär Watz mit Hund Bubi seine Runde unterhalb des Krankenhauses. Vor einem wuchtigen und doch unscheinbaren Bauwerk hält der Hund, er wühlt im Laub. Herr und Hund standen vor der alten Kapuzinerkirche von Engen. Die Neugier von Josef Watz war erwacht. Was verbarg sich hinter den Mauern? Warum war dieser Ort kaum bekannt?
Der ehemalige Informatiker gewann schnell Mitstreiter. Sie gründeten einen Förderverein, der Geld sammeln, sanieren und informieren will. Dabei ging es nicht nur um die sichtbare Hülle, sondern um etwas Unsichtbares. Den Bürgern wurde nämlich schnell klar, dass es sich mit der Kirche wie mit einem Kartoffelacker verhält: Die eigentlichen Werte liegen unter der Erde. Der Bau verfügt über eine stattliche Gruft, die über die Kirche begehbar ist. Im Kirchenschiff ruht eine Holzplatte, die man nach oben ziehen kann. Über abgenutzte Stufen gelangt man in die Gruft der Bettelmönche.
Ein kulturelles Juwel
Der Besucher befindet sich nicht nur drei Meter tiefer – er betritt zugleich eine andere Welt. Die Grablege befindet sich in einem tonnenförmig gewölbten Gang. In starke Mauern rechts und links des Gangs wurden nach 1725 insgesamt 37 Grabnischen eingelassen, die nach der Beisetzung vermauert wurden. Damit kein Toter ohne Namen bleibt, wurden der Name des Verstorbenen, seine Lebensdaten sowie sein sozialer oder klerikaler Rang in den feuchten Putz geschrieben. Bis heute sind die Namen lesbar, sobald man eine Taschenlampe an die Wand hält. In der Gruft selbst ist es – mindestens bisher – zappenduster. Das kann sich ändern, der Förderverein denkt an Führungen, die das kulturelle Juwel erschließen sollen.
Die Zeit drängt. Die Inschriften stammen aus den Jahren, in denen die Brüder einen verstorbenen Bruder beisetzten (1725 bis 1820). Die ersten Putztafeln sind bereits abgefallen, die Schrift ist zerstört und damit die Buchstaben-Identität des Toten ausgelöscht. „Wir suchen händeringend Informationen zusammen, wer dahinter liegt“, sagt Watz, der Vorsitzende des Fördervereins. Die sterblichen Überreste der Brüder mit ihren charakteristischen Kapuzen verbergen sich hinter den Platten. Eine ist gesprungen. Wer mit der Taschenlampe ins tiefe Dunkel leuchtet, schreckt kurz zurück. Ein Haufen Knochen, von unbekannter Hand geschichtet, wird in der Luke sichtbar.
Die Kapuziner vertraten eine Auffassung von Christsein, die sich stark am Evangelium orientierte. 1525 spalteten sie sich von den Franziskanern ab. Die Nachfahren des Franziskus von Assisi erschienen ihnen als bequem und zu angepasst. Die Rebellen aus den eigenen Reihen strebten zurück in die radikale Armut. Sie zogen von Stadt zu Stadt und nährten sich vom Betteln. Um sich vor schlechtem Wetter zu schützen, war ihr brauner Habit mit einer langen Kapuze ausgerüstet. Das Gewand wurde namensgebend für den ganzen Orden – und hat sich bis heute im populären Cappuccino erhalten, dessen Kaffee-Sahne-Braun an die Kutte dieser katholischen Brüder erinnert.
Durch ihre Hingabe an die Armen, ihre kräftigen und bildhaften Predigten wurden die Kapuziner in der Bevölkerung schnell populär. Sie waren volkstümlich und traten ohne akademischen Dünkel auf. Das kam gut an. Auch in Engen waren sie als Sanitäter und Krankenwärter willkommen. Ihre Kirche wird auch als Spitalkapelle bezeichnet.
Nicht nur in Engen, auch an anderen Standorten bauten die Kapuziner ihre Grüfte – eine Tatsache, die die Forschung immer wieder beschäftigt. Denn wie verträgt sich das Ideal von Armut und persönlicher Bescheidenheit mit der Architektur von Grabanlagen, die ausgeprägt herrschaftlich sind? Mit Grüften, von denen ein Anspruch auf Ewigkeit ausgeht?
Totenstadt in der Erde
Ein Vergleich lohnt sich: Während das Gebeinhaus in Engen bescheiden ist, zeigen sich andere Anlagen als monumentale Komplexe. In Palermo gruben die dortigen Kapuziner eine Totenstadt in die Erde. Nicht nur die Mitglieder, sondern Bürger und Adlige der sizilianischen Metropole ließen sich dort beisetzen. Für die Männer mit der XL-Kapuze brachte dies einen willkommenen Zusatzverdienst, sie ließen sich den Platz in der Gruft honorieren. Zudem wachten die Ordensleute über die Toten, sie öffneten und schlossen die Anlage und schützten die Nekropole vor Raub und Grabschändung. Die Leichname waren durchaus gefährdet: Auf sehr sizilianische Art waren die Toten nicht etwa irdisch begraben, sondern konserviert worden, bevor man sie in ihre guten Kleider gesteckt und mit starkem Draht an die Wand gebunden hatte. Bis heute schauen die Leichname von Soldaten, Marktfrauen und Ratsherren auf staunenden Besucherinnen hinunter. Sie wirken wie lebend und sind durch diese Art der Darstellung dazu verdammt, die nächsten Jahrzehnte in dieser Pose zu verbringen.
An Glanz schwerlich zu übertreffen ist wohl die Kapuzinergruft in Wien – mitten in der Inneren Stadt gelegen. Sie dient bis heute als Grablege der Familie Habsburg. Der Kontrast ist sinnfällig: Die ehemaligen Kaiser und Erzherzoginnen der einst mächtigen Familie lassen sich in prunkvollen Särgen aus Zinn oder Bronze bestatten. Gleichzeitig feiern die aufwendigen Halbreliefs an den Seiten der Sarkophage die Majestät des Todes und damit die Tatsache, dass ein toter Kaiser auch nur ein toter Mensch ist, der um sein Seelenheil fürchtet und in seinem prächtigen Gehäuse dem Jüngsten Gericht entgegendämmert.
Joseph Roth hat den Grabkammern der Bettelmönche sogar in einem wundersamen Buch ein Denkmal gesetzt. Sein Roman „Kapuzinergruft“ (1938) kreist um den Untergang der K.-u.-k.-Monarchie. Für diese Zäsur steht auch die kaiserliche Gruft, die von einem Kapuzenbruder bewacht wird.
So imperial geht es im überschaubaren Engen nicht zu. Die urige Schönheit von Kapelle und Gruft ist kein Punkt, der im Reiseführer steht. Beide sind keine Reiseführer-Sehenswürdigkeiten, sie überlebten im Verborgenen. Die Gruft liegt unter der Kapelle, die nicht zugänglich ist. Das Gebäude ist zwar voll eingerichtet und mit Bildern im Stil der Nazarener geschmückt; doch wird es nicht mehr gebraucht. Bereits 1802 waren die Brüder mit der namensprägenden langen Kapuze aus Kirche und Konvent vertrieben worden, als die neuen Herren aus dem Hause Fürstenberg übernahmen. Später ging das Ensemble an die Stadt Engen im Hegau. Die Kommune nutzte das Gotteshaus einige Jahre als Spitalkirche.
Seit vielen Jahren steht das Gotteshaus leer. Während es durch die Fenster zog, wuchs das schlichte Gebäude allmählich zu. Es wurde vergessen.
Hochzeiten und Taufen in der Gruft?
Seine Lage begünstigte den einsetzenden Dornröschenschlaf. Das Gebäude steht am Hang unterhalb des Krankenhauses. Es liegt auf der Schattenseite. Die Sonnenseite bildet die malerische Altstadt von Engen, die alle Blicke auf sich zieht, seitdem diese in den 80er Jahren denkmalgerecht saniert worden war. „Die Spitalkirche steht schon viel zu lange leer“, sagt Gerd Schneider, der die Gruft besonders gut kennt und immer wieder vor deren abschüssigen Stufen warnt. Die Alternative lautete schlicht: dem weiteren Verfall ruhig zusehen – oder etwas unternehmen. Da entschieden sich die Akteure fürs Hochkrempeln der Ärmel.
Die Reaktivierung von Gruft und Gotteshaus soll kein Selbstzweck sein. „Wir denken daran, die Kirche für Hochzeiten anzubieten“, sagt etwa Gabriele Hering, die am Förderverein beteiligt ist. Auch Taufen seien möglich, schließlich sei die Kirche solide mit Bänken ausgerüstet. Oder Konzerte.
Der Förderverein räumt aber auch ein: Bisher ist das Interesse der Bevölkerung noch bescheiden. Aber das kann sich ja ändern, sagt Frau Hering. Kürzlich verteilte der Förderverein einen Tag lang Informationen, er sammelte Geld. Knapp 80 Euro kamen zusammen. Das reicht für die Bearbeitungsgebühr, um die das Denkmalamt für die Genehmigung einer Informationstafel bittet. Josef Watz sagt schmunzelnd: „Wir machen das doch alles ehrenamtlich.“
Für Josef Watz ist klar: Er wird für die Pflege der Kapuzinerkirche kämpfen. Das hat bei ihm einen besonderen Grund, der weit entfernt liegt: Seine Familie stammt aus dem Banat, jenem historischen Dreiländereck zwischen Ungarn, Serbien und Rumänien. Dort wurde sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vertrieben. Auch was Generationen zurückliegt, ist deshalb nicht vergessen. Der Verlust der Heimat ist eine tiefe Wunde, die keine Zeit nicht heilen kann. Watz wird weiterhin mit Hund Bubi um das Gelände spazieren und über das Rückholen der Kirche in das öffentliche Bewusstsein nachdenken. Er sagt, eindrücklich: „Ein zweites Mal lasse ich mir die Heimat nicht nehmen.“