Eine lange Phase der Ungewissheit: Gegen den VfB-Spielführer Atakan Karazor ist bereits seit Sommer 2022 in Spanien ein Verfahren anhängig. Foto: imago//Silas Schüller

Atakan Karazor wartet weiter auf sein Debüt für die Türkei. Diesmal wurde der VfB-Kapitän, gegen den ein Verfahren wegen sexueller Nötigung läuft, wegen heftiger Proteste gegen ihn erst gar nicht nominiert.

Vielleicht wäre es ja eine gute Idee der Kollegen, Atakan Karazor in der Bundesliga mal halbhoch im Strafraum anzuspielen. Jedenfalls machte es auf dem Trainingsplatz des VfB Stuttgart überhaupt keinen Unterschied, ob die Flanken nun von links oder von rechts kamen: Der Kapitän des Fußball-Bundesligisten, der alles andere als ein Kopfball-Ungeheuer ist und der in 115 Erstligapartien keinen Treffer erzielt hat, brachte fast sämtliche Zuspiele ohne jede Chance für die Keeper Dennis Seimen und Stefan Drljaca volley im Tor unter.

 

Während Karazor in dieser Woche im Stuttgarter Neckarpark also seine Treffsicherheit unter Beweis stellte, bereitete sich die türkische Fußball-Nationalelf zeitgleich in Kayseri in Zentralanatolien ohne ihn auf ihre Spiele in der Nations League vor. An diesem Samstag empfangen die Türken in der Gruppe vier der Liga B Wales. Mit einem Sieg könnte das Team von Trainer Vincenzo Montella den Gruppensieg noch vor dem letzten Spiel in Montenegro perfekt machen – und somit den Aufstieg in die Liga A.

Fit, aber dennoch nicht nominiert

Es geht also um etwas für die Türken, die dennoch freiwillig auf Atakan Karazor verzichtet haben. Obwohl dieser gut in Form und nicht verletzt ist – und obwohl im türkischen Team auf der Position im defensiven Mittelfeld, wo der VfB-Profi spielt, akuter Handlungsbedarf besteht.

Dennoch wurde der Stuttgarter Kapitän vom türkischen Nationalverband TFF nicht für die Länderspiele nominiert. Wie zu hören ist, gab es bei der TFF Stimmen sowohl für als auch gegen diesen Schritt. Letztlich setzte sich aber das Lager durch, welches die Causa Karazor ganz offensichtlich aussitzen will, bis sich der Sturm der Entrüstung gelegt hat.

Die Ereignisse rund um sein gescheitertes Debüt im Nationaltrikot des Heimatlandes seiner Eltern aufgrund von massiven Fanprotesten haben auch dem Spieler zugesetzt. So hat der 28-Jährige, gegen den in Spanien seit Sommer 2022 ein Verfahren wegen sexueller Nötigung anhängig ist, unmittelbar nach der Rückkehr von seiner ersten, ohne Spieleinsatz zu Ende gegangenen Länderspielreise mit der Türkei Mitte Oktober das Gespräch mit dem VfB-Management um Sportvorstand Fabian Wohlgemuth gesucht.

Derlei Treffen mit der Sportlichen Leitung sind zwar für jeden Nationalspieler nach Länderspielreisen obligatorisch, doch die VfB-Sportbosse waren in Karazors Fall auch als einfühlsame Zuhörer und Ratgeber gefragt. Öffentlich möchte sich der Spieler zu diesem Thema aber nicht äußern.

Fall wird zum Politikum

Anfang Oktober hatte sich der Mittelfeldmann, der als gebürtiger Essener auch für Deutschland spielen könnte, „aus rein sportlichen Gründen“ für das Nationalteam vom Bosporus entschieden, wo ein Teil seiner Familie lebt. Folglich war Karazor, der den VfB auch unter dem Applaus der Türken kurz zuvor bei Real Madrid aufs Feld geführt hatte, von Trainer Montella für den Länderspielblock gegen Montenegro und Island nominiert worden.

Sehr schnell ist sein Fall dann aber zu einem Politikum geworden in einem Land, in dem sexualisierte Gewalt gegen Frauen ein sehr aktuelles Thema ist. Schließlich hat die Zahl der Morde an Frauen und Mädchen durch frühere Partner oder Ehemänner mit mehreren Hunderten pro Jahr ein derart hohes Niveau erreicht, dass auch Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan härtere Strafen fordert.

Inmitten der laufenden Protestwelle fiel dann das angedachte Debüt Karazors. Plötzlich fand sich der defensive Mittelfeldspieler in Partie eins gegen Montenegro (1:0) „aus technischen Gründen“, wie es hieß, jedoch nicht einmal im Kader wieder. Auswärts gegen Island (4:2) saß er dann in Reykjavik zwar auf der Bank, spielte aber nicht. Wollten die Türken Karazor also nicht mehr sportlich an sich binden, was bei einem Einsatz unwiderruflich der Fall gewesen wäre? Karazor, der am 13. Oktober im Kreise des Nationalteams seinen 28. Geburtstag feierte, musste jedenfalls infolge der Stimmungslage in der Türkei einen Shitstorm über sich ergehen lassen.

Keine Anklage erhoben

Im Sommer 2022 war der VfB-Profi nach einer Partynacht auf Ibiza von einer 18-Jährigen der Vergewaltigung bezichtigt worden, saß mehrere Wochen in Untersuchungshaft – und wurde letztlich gegen Kaution in mittlerer sechsstelliger Höhe freigelassen. Auch zweieinhalb Jahre später ist nun weder Anklage erhoben noch das Verfahren eingestellt worden, was mit der Überlastung der spanischen Justiz zu tun haben dürfte – aber beim VfB auf allergrößtes Unverständnis stößt. Weil die Unschuldsvermutung gilt, war es für den Club aus Cannstatt auch kein Problem, Karazor im Sommer als Nachfolger des nach Dortmund abgewanderten Waldemar Anton zum Kapitän zu ernennen.

„Die jüngsten Fälle von Gewalt gegen Frauen und Kinder haben uns alle erschüttert. Ich hoffe, dass diese zu einem Ende kommen“, sagte derweil Ceyhun Kazanci, der stellvertretende Präsident des türkischen Fußballverbandes TFF, als er Mitte Oktober die Notwendigkeit sah, vor die TV-Kameras zu treten: „Jede Person ist unschuldig, bis ihre Schuld bewiesen ist. Wir glauben, dass Atakan unschuldig ist.“ Doch letztlich fehlte es der Mehrheit im türkischen Verband an Kraft und Willen, diesen Glauben mit einer erneuten Nominierung von Atakan Karazor zu unterfüttern.