Kanzler Olaf Scholz (Mitte) mit IBM-Forschungschef Dario Gil (re.) und einem Quanten-Chip, zu dem er sagt: „Die größten Fortschritte sehen oft nicht beeindruckend aus.“ Foto: /Stefanie Schlecht

Im Beisein von Bundeskanzler Olaf Scholz weiht die IBM in Ehningen ihr neues Quanten-Rechenzentrum ein. Das soll neue Forschungen ermöglichen für Unternehmen in ganz Europa. Die hiesige Wirtschaft spielt zunächst nur die Nebenrolle.

Wenn es um technologische Fortschritte geht, passt mitunter die Optik nicht so recht zum Gesagten. Als Bundeskanzler Olaf Scholz bei der IBM in Ehningen am Dienstag ein neues Quanten-Rechenzentrum einweihte, tat er das nicht etwa auf großer Bühne. Der eigentliche Akt des obligatorischen Band-Durchschnitts geschah in einem fensterlosen Nebenraum, der in etwa das Ambiente eines Heizkellers verströmt. Auch die Geräuschkulisse war entsprechend: Eine Kühlpumpe zischte unüberhörbar. Der Euphorie tat das keinen Abbruch, die Scheren klackten und die Prominenz lächelte zufrieden.

 

Tatsächlich schenkte dem eigentlichen Protagonisten des Tages kaum jemand Beachtung: An Edelstahl-Trägern hinter dem Kanzler hingen zwei neue Quantencomputer von IBM, zusammengeschaltet zu einem System. In der Sprache der Ingenieure bedeutet dies, dass zu dem 2021 installierten „Quantum System One“ noch zwei weitere mit je 127 Qubits hinzukommen. Außerdem wurde der bestehende Computer von 2021 von 27 auf 156 Qubits erweitert. Damit ist die Leistungsfähigkeit bedeutend gesteigert. Dies sei insofern besonders, da Ehningen damit erst das zweite Quanten-Rechenzentrum der IBM nach Poughkepsie (USA) ist und das erste in Europa. Entsprechend groß ist die Aufregung im Konzern.

Scholz vor einem Modell des Rechenzentrums /Stefanie Schlecht

Der Landkreis Böblingen werde damit zum „Epizentrum“ der Quantentechnologie auf dem ganzen Kontinent, sagte die IBM-Europachefin Ana Paula De Jesus Assis. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut werde die neuartige Technologie zugänglich gemacht für Wirtschaft und Wissenschaft, nicht nur in der Region, sondern weit darüber hinaus. Deutlich wurde dieser internationale Anspruch nicht zuletzt dadurch, dass die gesamte Veranstaltung auf Englisch stattfand. Nur seine Rede hielt der Bundeskanzler auf Deutsch und auch nicht neben dem auf minus 273 Grad Celsius gekühlten Superrechner – der inhaltliche Teil fand im großen Auditorium statt.

Scholz: „Deglobalisierung ist ein Irrweg“

Scholz beschwor die deutsch-amerikanische Partnerschaft, die insbesondere durch die IBM sichtbar werde: „Internationale Zusammenarbeit ist ganz wichtig, die Deglobalisierung ein Irrweg.“ Strafzöllen und Handelsschranken erteilte er eine Abfuhr. Nachdem sich die Chip-Entwicklung jahrelang in Billiglohnländer verlagert habe, kehre manche Hochtechnologie wieder nach Deutschland zurück. Scholz: „Es ist wichtig, die Produktion von Halbleitern in Deutschland voranzutreiben, auch wenn Intel in Magdeburg sich verzögert.“

Insbesondere bei Schlüsseltechnologien wie dem Quantencomputer dürfe sich Deutschland nicht abhängig machen von anderen Ländern. Entsprechen freudig ist er über die Entscheidung der IBM für die 9500-Einwohner-Gemeinde. Bei aller Euphorie für die wundersame Technik blieben alle Redner im Ungefähren, wenn es um konkrete Anwendungen ging. So beschwor der weltweite IBM-Forschungschef Dario Gil zwar die Wichtigkeit des Zentrums in Ehningen, das „ein Herzstück in unserer Strategie bildet.“

Scholz mit IBM-Deutschland-Chef Wolfgang Wendt /Stefanie Schlecht

Die IBM sei dabei, einen neuen Industriezweig aufzubauen, „dafür brauchen wir ein Ökosystem“, sagte Gil. Dieses Schlagwort fiel in so gut wie jedem Redebeitrag – blieb aber oft eine Worthülse. Denn tatsächlich steht die Wirtschaft bei der konkreten Anwendung der Technologie noch ganz am Anfang. Die Superrechner arbeiten grundsätzlich anders als herkömmliche Rechner und können ihren technologischen Vorteil vor allem bei hochkomplexen Berechnungen ausspielen – wenn die benötigten Daten entsprechend aufbereitet sind.

Chip arbeitet mit geladenen Atomen

Das Geheimnis des Quantencomputers liegt im Chip selbst, der kaum größer ist als ein Daumennagel. Er besteht aus sogenannten Qubits, womit Quantenbits gemeint sind, die aus geladenen Atomen bestehen. Diese werden per Mikrowellenstrahlung angesteuert und wieder ausgelesen. Der Clou: Diese allerkleinsten Recheneinheiten können nicht nur ‚Eins’ oder ‚Null’ als Zustand annehmen, sondern beide Zustände gleichzeitig oder sogar potenziell unendlich viele dazwischen. Das bringt eine enorme Beschleunigung der Operation mit sich.

Zum Einsatz kommt die Technik derzeit vor allem bei komplexen Simulationen, deren herkömmliche Berechnung noch sehr lange dauert: etwa die Vorhersage des Wetters oder die Simulation komplexer Materialoberflächen auf Molekularebene. Als eines der wenigen Unternehmen aus der Region, die mit dem Quantencomputer arbeiten, wurde der Zulieferer Bosch genannt. Er forscht in Renningen etwa an der Reduktion seltener Erden in der Entwicklung von Elektromotoren. Doch: „Von einem konkreten Anwendungsfall sind wir noch fünf bis sieben Jahre entfernt“, sagt Bosch-Forschungschef Thomas Kropf.

Das blaue Band als Symbol der Einweihung /Stefanie Schlecht

Trotzdem: Dass die neue Technologie in räumlicher Nähe zur Verfügung steht, sei für Bosch ein großer Vorteil. Kropf: „Dies beschleunigt unsere Forschung und Entwicklung.“ Von allen Seiten gelobt wurde außerdem die enge Zusammenarbeit zwischen den Akteuren in Wirtschaft, Politik und Forschung. Auf dem Podium hob die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) die Initiative Quantum BW hervor, in die bereits 168 Millionen Euro geflossen seien. Der Ehninger Bürgermeister Lukas Rosengrün (SPD) sagte: „Innovation findet nicht im Homeoffice statt, sondern dann, wenn kluge Köpfe gemeinsam vor Ort sind.“