In den Gewächshäusern von Canopy im kanadischen Smith Falls bearbeiten Mitarbeiter Cannabispflanzen. Foto: PA Wire

Als erstes führendes Industrieland der Welt hat Kanada jetzt den Anbau und Verkauf von Cannabis legalisiert. Das Geschäft mit den Produkten der angeblichen Wunderpflanze blüht schon jetzt.

Smith Falls - Es sieht fast aus wie in einer gewöhnlichen Gärtnerei – wären da nicht einige Besonderheiten. Alle Arbeiter in dem Gewächshaus, die Blätter von den ein Meter hohen Pflanzen reißen und in Plastiksäcke werfen, tragen Haarnetze und Handschuhe, viele auch Mundschutz. Besucher müssen einen Schutzanzug überziehen. Eine Chipkarte mit Sicherheitscode ist der Türöffner. Sicherheit und Hygiene sind wichtig. Denn hier wächst ein sensibles Gut: Cannabis.

Das Gewächshaus gehört Tweed, einem großen kanadischen Produzenten von medizinisch eingesetztem Marihuana. Hier in Smith Falls, einer Kleinstadt westlich der Hauptstadt Ottawa, haben Tweed und das Mutterunternehmen Canopy Growth Corporation ihren Sitz. Beide expandieren. In mehr als 30 Hallen wächst und gedeiht es auf rund 17 000 Quadratmetern. Bald soll die Anbaufläche allein in Smith Falls doppelt so groß sein. Der Holding Canopy mit ihren mehr als ein Dutzend Töchtern gehören etwa 100 000 Quadratmeter lizenzierte Anbaufläche für Cannabis. Mit den schon begonnenen sowie den geplanten Erweiterungen strebe man an, in einigen Jahren über 560 000 Quadratmeter Anbaufläche zu verfügen, sagt ein Sprecher.

Der persönliche Besitz ist auf 30 Gramm beschränkt

Die Cannabis-Expansion hat den Segen des kanadischen Gesetzgebers. Ab dem 17. Oktober sind der Verkauf und der Konsum der Droge in Kanada komplett legal. Beide Kammern des Parlaments haben einem entsprechenden Gesetz zugestimmt. Damit das Gesetz endgültig in Kraft treten kann, muss nun noch die Generalgouverneurin des Landes ihr Okay geben – eine reine Formsache. Die neue Regelung sieht vor, dass volljährigen Staatsbürger per Bestellung oder in autorisierten Geschäften Haschisch kaufen dürfen. Der persönliche Besitz ist auf 30 Gramm beschränkt.

Vielversprechend ist das Cannabis-Geschäft schon länger. Für medizinische Zwecke wie Schmerztherapien ist der Einsatz der Produkte aus der berauschenden Pflanze schon seit 2001 erlaubt. In Kanada gibt es derzeit rund 200 000 Cannabispatienten. Das Investmenthaus Eight Capital schätzt, dass es 2024 viermal so viele sein werden. Mitte 2016 gab es in Kanada circa 30 Unternehmen, die eine Lizenz zum Anbau von Cannabis für medizinische Zwecke hatten. Aktuell sind es 90, die darauf bauen, bald auch von der Nachfrage nach „Freizeit-Marihuana“ zu profitieren.

Der lokale Arbeitsmarkt blüht auf

Überzeugt davon, dass Änderungen in der Gesetzgebung kommen werden, war der Canopy-Gründer Bruce Linton schon 2012 auf der Suche nach einer Produktionsstätte – und wurde in Smith Falls fündig. Der 51-Jährige, der aus der Telekommunikationsbranche kommt, glaubte an seine Chance: „Die Stadt hatte Hunderte Arbeitsplätze verloren, aber da gab es weiter die großen leer stehenden Hallen mit Anschluss an das Elektrizitätsnetz. Genau das, was wir brauchten.“ Seine Planung ging auf. Allein im vergangenen Jahr wurde die Zahl der Angestellten in Smith Falls auf rund 350 verdoppelt. „Unsere Stadt profitiert von dieser Entwicklung“, sagt Mitarbeiterin June Forsyth, die dort eingesetzt ist, wo die Blüten getrocknet und vakuumverpackt werden. Sie stellt einen Beutel auf eine Palette. Inhalt: Marihuana.

Haschisch auf Bestellung oder in autorisierten Läden

Trotz der wirtschaftlichen Bedeutung, die Cannabis erlangen kann, stehen hinter der Legalisierung von Marihuana in erster Linie andere Überlegungen. Die Regierung von Premier Justin Trudeau will den illegalen Markt austrocknen, dem organisierten Verbrechen Gewinn entziehen, den Verkauf steuern und möglichst verhindern, dass Minderjährige die Substanz konsumieren. „Es war zu leicht für unsere Kinder, an Marihuana heranzukommen – und für Kriminelle, daraus Profit zu schlagen. Heute ändern wir das“, schrieb Trudeau nach der letzten Parlamentsabstimmung auf Twitter.

Der durchschnittliche Basispreis für ein Gramm Marihuana wird zwischen sieben und neun Dollar (bis zu sechs Euro) liegen. Eine Verbrauchssteuer von einem kanadischen Dollar (0,65 Euro) pro Gramm soll erhoben werden, hinzu kommt die Mehrwertsteuer von rund 13 Prozent. Drei Viertel der Steuereinnahmen aus dem Verkauf gehen in die Provinzkassen, der Rest an den Bund.

In Deutschland, wo medizinisches Marihuana nur über Apotheken bezogen werden kann, ist der Grammpreis etwa doppelt so hoch. Canopy beliefert hierzulande, über seine Tochter Spektrum Canabis im baden-württembergischen Sankt Leon-Rot, 900 Apotheken. Mitte 2016 hatten die Kanadier die Lizenz der deutschen Behörden für den Export erhalten und konnten nach der Freigabe des medizinischen Marihuanakonsums in Deutschland im März 2017 mit der Lieferung beginnen.

Wer den Stoff nicht rauchen will, kann Kapseln nehmen

Der süßliche Kiffgeruch schlägt einem auf der Cannabisfarm im kanadischen Smith Falls nicht entgegen. „Man braucht eine Hitzequelle, damit sich die Wirkstoffe entfalten“, erklärt Caitlin O’Hara, die Besucher durch die Hallen führt. „Wenn man im Büro sitzt und arbeitet oder die Pflanzen bearbeitet und Blüten verpackt, besteht also keine Gefahr, dass man high wird“, sagt sie. O’Hara ist aus eigener Erfahrung vom Nutzen der Cannabisprodukte überzeugt. Vor einigen Jahren erlitt sie eine Rückenverletzung und therapierte sich mit Cannabis.

Zweifel an der medizinischen Wirkung

Kritiker weisen allerdings darauf hin, dass Cannabis nicht als pflanzliches Wundermittel überbewertet werden dürfe: Es gebe nur wenige wissenschaftliche Studien zum Erfolg durch Behandlungen mit Cannabis. Eight Capital lässt sich davon nicht beirren. Das Investmenthaus sieht in dem Sektor „eine sich entwickelnde Wachstumsgeschichte“. Es schätzt, dass sich der Konsum von Marihuana auf einen Wert von umgerechnet sechs Milliarden Euro belaufen könnte, mit einem Anteil von zwei Milliarden Euro für medizinische Zwecke.

Ein Wagen voller Beutel mit Cannabisblüten wird an den Besuchern vorbeigeschoben. Ein Mitarbeiter öffnet die dicke Stahltür zum Tresorraum. Alle Produkte werden in dieser speziell gesicherten Halle aufbewahrt. „So sicher oder noch sicherer als ein Tresor in einer Bank“, sagt Caitlin O’Hara. Langsam wachsen die Vorräte. Zur Jahresmitte will man bereit sein, den Markt zu beliefern.

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