Kampf ums Ministerium Gabriel bedauert angeblich Frustfoul

Von Thomas Maron 

Noch-SPD-Chef Martin Schulz hat bereits aufgegeben, Außenminister Sigmar Gabriel will hingegen offenbar weiter gegen sein politisches Aus kämpfen. Foto: dpa
Noch-SPD-Chef Martin Schulz hat bereits aufgegeben, Außenminister Sigmar Gabriel will hingegen offenbar weiter gegen sein politisches Aus kämpfen. Foto: dpa

Nachdem er Andrea Nahles attackiert und Martin Schulz verhöhnt hat, lässt Außenminister Sigmar Gabriel nun Gesten der Einsicht verbreiten. Dass er noch eine Chance bekommt, gilt in der SPD-Führung als unwahrscheinlich. Aber was kann man in dieser Partei derzeit schon gänzlich ausschließen?

Berlin - Der geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel gibt nicht auf. Das jedenfalls ist die Einschätzung in der engeren Führung der SPD. Wie sonst, so ist zu hören, sollten Berichte von Vertrauten Gabriels zu interpretieren sein, wonach dieser Äußerungen aus der vergangenen Woche inzwischen bedaure. Unmittelbar nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen war bekannt geworden, dass Gabriel das Außenamt in der Neuauflage einer großen Koalition an Noch-Parteichef Martin Schulz abgeben soll. Gabriel hatte daraufhin in einem Interview der Funke-Mediengruppe vernichtende Kritik an SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles und Schulz geübt. Besonders empörten sich die Genossen darüber, dass Gabriel seine eigene Tochter Marie instrumentalisiert habe, um Schulz zu verhöhnen. Sie habe ihn mit dem Hinweis getröstet, er könne jetzt mehr Zeit mit der Familie verbringen statt „mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht“, so Gabriel. Ein unerträgliches „Frustfoul“ sei dies gewesen, für das die „rote Karte“ angemessen sei, hieß es daraufhin an der Parteispitze.

Bedauern als letzter Strohhalm

Diese Passage tue ihm inzwischen leid, verlautet nun aus dem Umfeld Gabriels. Es ist dies, so die allgemeine Einschätzung, wohl der letzte Strohhalm, nach dem Gabriel greift, um nicht in der politischen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. „Er kämpft, und solange er kämpft, ist dieses Buch noch nicht geschlossen“, heißt es im Führungszirkel der Partei.

Dennoch glauben die wenigsten, dass Gesten des Bedauerns Gabriel noch retten werden. Zwar hat Martin Schulz am Freitag nach dem Verzicht auf den Parteivorsitz auch seinen Anspruch auf das Außenamt aufgegeben. Außerdem gibt es für Sigmar Gabriel keinen geborenen Nachfolger, auch wenn bereits die Namen von Familienministerin Katarina Barley und Justizminister Heiko Maas kursieren. Aber Gabriels Äußerungen seien nun einmal ein weiterer Beleg dafür, wie abgründig und unberechenbar der Niedersachse sei, sagen die vielen Gabriel-Gegner innerhalb der SPD, zu denen man getrost auch Andrea Nahles und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz zählen kann. „Gabriel hätte nur ein einziges Mal 18 Stunden lang die Klappe halten müssen, dann wäre an ihm als Außenminister kein Weg vorbei gegangen“, sagt einer aus der Parteispitze. So habe er sich wieder einmal selbst alles verbaut.

Landesverbände haben Schulz bedrängt

Es sei nämlich schon vor dem Gabriel-Interview am Donnerstag absehbar gewesen, dass Schulz den Wortbruch, den er mit dem geplanten Einzug ins Kabinett angekündigt hatte, nicht überstehen würde. Aus mehreren Landesverbänden sei Schulz bedrängt worden, auf das Ministeramt zu verzichten statt auf den Parteivorsitz, heißt es in SPD-Kreisen. Aber Schulz habe sich nicht abhalten lassen und sei dann von der Wucht der Empörung, die ihn nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen aus den Parteigliederungen in Form von Mails und Zuschriften erreichte, völlig überrascht gewesen. Als Schulz Gefahr lief, vom größten Landesverband Nordrhein-Westfalen öffentlich zum Rückzug aufgefordert zu werden, gab der Nochparteichef schließlich auf. Mit Gabriels Interview habe diese Kapitulation rein gar nichts zu tun, heißt es, auch wenn dessen Äußerungen Schulz dem Vernehmen nach persönlich tief verletzt haben.

Keine weiteren Personalien

An diesem Dienstag wird die Parteispitze versuchen, die Lage zu beruhigen, um endlich in eine Debatte über den ausgehandelten Koalitionsvertrag eintreten zu können. Da der angeschlagene Schulz jetzt so schnell wie möglich abtreten will, ist geplant, dass Vorstand und Präsidium Andrea Nahles zur kommissarischen Vorsitzenden küren. Nahles muss dann innerhalb von drei Monaten von einem Sonderparteitag bestätigt werden. Weitere Personalien sollen vor dem Mitgliederentscheid zum Koalitionsvertrag, der am 4. März ausgezählt wird, nicht bekannt werden. Als sicher gilt lediglich, dass Olaf Scholz Finanzminister und Vizekanzler werden soll.

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