Sky ist erfolgreich – und andere Medienkonzerne machen Kaufangebote. Foto: AFP

Netflix erlebt ein neues Rekordhoch an der Börse. Und der Mitbewerber Sky steht in Europa besser da denn je. Trotzdem kooperieren die Rivalen jetzt – weil mächtige Konkurrenz droht.

Stuttgart - Wirtschaftsexperten senkten Mitte des Jahres 2010 den Daumen. Die Analysten hielten den zuvor beinahe Pleite gegangenen Videoverleiher Netflix, der sich nun als Streaming-Anbieter neu erfinden wollte, für maßlos überschätzt: Die US-Firma war an der Börse bereits wieder 10 Milliarden Dollar wert. Am vergangenen Freitag stieg die Aktie von Netflix in ganz andere Höhen. Rund 130 Milliarden (106 Milliarden Euro) ist der mit anspruchsvollen Eigenproduktionen wie „House of Cards“ hervorgetretene Abonnementdienst nun wert.

Diese Zahl kann man am besten einordnen, wenn man sie in Relation zu Hollywoods mächtigstem Studio setzt, zu Walt Disney. Disney ist rund 155 Milliarden Dollar (125 Milliarden Euro) wert – Netflix könnte das in absehbarer Zeit einholen.

Markt im raschen Wandel

Den jüngsten Schub an der Börse hat die Ankündigung bewirkt, noch in diesem Jahr werde Netflix in Europa mit dem von Großbritannien aus gelenkten Konkurrenten Sky zusammenarbeiten. Sky-Kunden können dann im Kombipaket auch das Netflix-Angebot sehen. Das soll bis Ende des Jahres alleine 700 Serien aus Eigenproduktion umfassen. Einzelne Serien oder Gesamtpakete hat Netflix immer wieder mal an andere Anbieter lizenziert. Der aktuelle Deal aber hat eine andere Qualität.

Seit dem enormen Aufschwung des Markenimages durch Qualitätsserien erobert Netflix Märkte lieber im Alleingang. Mit 118 Millionen Kunden weltweit ist der Branchenprimus weit größer als Sky, dem bis Ende 2018 um die 25 Millionen Abonnenten zugetraut werden. Im Verdrängungswettbewerb der Streaming-Spezialisten wäre das derzeit von Großbritannien aus gelenkte Sky also ein logischer, unter Druck zu setzender Gegner für Netflix.

Man kann nicht groß genug sein

Die Kooperation der beiden zeigt, wie sehr der Markt sich verändert. Nicht mehr Spezialisten bauen ihn auf und bedienen ihn, die großen Konzerne greifen nach dem gestern noch als vermeintliche Nische belächelten Geschäft. Amazon Prime Video ist bereits als starke Konkurrenz zu Netflix und Co. etabliert, Technologiefirmen wie Apple, Facebook und andere haben Großes vor, klassische Film- und TV-Produzenten wie Walt Disney wollen ihre Inhalte künftig erst recht selbst anbieten. Netflix und Sky erwarten offenbar rasch eskalierende Marktschlachten, für die man gar nicht groß genug sein kann.

Hinter der Fassade der Sky-Netflix-Kooperation dreht sich derweil ein sehr viel komplexeres Räderwerk. Sky gehört zu rund 39 Prozent dem Medienzaren Rupert Murdoch, der seit Jahren versucht, die Firma ganz zu übernehmen. Nach den Abhörskandalen, die Murdochs Boulevardblätter in Großbritannien zu verantworten haben, zögern die dortigen Regulierungsbehörden ihre Zustimmung aber konsequent immer weiter hinaus.

Spiel der Allianzen

Nun verkauft Murdoch sein Hollywoodstudio 20th Century Fox, diverse Filmproduktionshäuser und Kabelkanäle und eben auch seine Sky-Anteile an Walt Disney. Disney ist an der völligen Kontrollmacht an Sky genauso interessiert wie zuvor Murdoch. Wobei für Außenstehende allerdings völlig unklar bleibt, welche strategische Rolle die Marke Sky neben den angekündigten eigenen Disney-Kanälen später einmal spielen soll.

Disney hat im Bieterwettbewerb um Murdochs Film- und TV-Firmen Comcast ausgestochen, den weltgrößten Kabel-TV-Provider, dem unter anderem das Hollywoodstudio Universal und der TV-Sender NBC gehören. Nun hat Comcast als Revanche ein deutlich höheres Angebot für die Sky-Aktien gemacht als Murdoch. So könnte der Kabelriese den in letzter Zeit erfolgsverwöhnten Managern von Disney die Beute noch im letzten Moment aus den Fängen ziehen – und obendrein via Sky in eine Allianz mit Netflix gegen Disney, Apple, Amazon, Facebook eintreten. Die Manöver am Streaming-Markt, darf man prognostizieren, werden in den nächsten Jahren einen würdigen Ersatz für „Game of Thrones“ bieten.

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