Lewis Hamilton (li.) und Max Verstappen: Einer der beiden wird den WM-Titel 2021 gewinnen – fragt sich nur, wer auf wessen Wohl trinken muss... Foto: imago/HochZwei

Red Bull ist in Austin eine Wende im Titelkampf in der Formel 1 gelungen. Max Verstappen geht mit zwölf Punkten Vorsprung auf Rekordweltmeister Lewis Hamilton und viel Rückenwind in die nächsten Rennen.

Stuttgart - In Katar sollten sie schon mal größere Mengen an Rosenwasser ordern und sicherheitshalber vielleicht den Vorrat an Schampus für Nichtmuslime aufstocken. Wenn in der Formel-1-WM alles so läuft, wie es sich ein Renngott in einem Red-Bull-Taurinrausch ausdenken würde, könnte Max Verstappen im drittletzten Rennen am 21. November den Titel abräumen. Der Niederländer müsste in Mexiko und Brasilien gewinnen, Rivale Lewis Hamilton beide Male eine biedere Punktediät einlegen, dann wäre Verstappens Krönung in Arabien möglich. Zwölf Zähler hat der 24-Jährige mehr auf dem Punktekonto als der Brite. Gut, die Katar-Prognose basiert auf mehr Utopie als Realität, dennoch zeigt der Blick nach vorn: Der Bursche aus dem Red-Bull-Rennstall hat das Momentum auf seiner Seite, wie man sagt. „Die letzten drei Rennen waren Mercedes-Strecken. Anstatt mit einem Rückstand kommen wir mit zwölf Punkten Vorsprung nach Mexiko“, frohlockte Helmut Marko, der Motorsportberater des Dosenimperiums, „Mexiko und Brasilien sollten uns noch besser liegen, das stimmt uns optimistisch.“

 

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Des einen Freud, des andern Leid. Nach Platz zwei beim Grand Prix in den USA mit nur 1,3 Sekunden hinter dem Niederländer, dürfte das Unbehagen bei Lewis Hamilton aufsteigen, dass es in dieser Saison nicht zu Titel Nummer acht reichen könnte. „Ich weiß nicht, was wir hätten anders machen können. Das war das, was wir hatten“, stöhnte der Rekordweltmeister desillusioniert. Es sind drei Punkte, die im Augenblick für Max Verstappen sprechen. Taktik-Kniffe In der Türkei waren sich Hamilton und die Mercedes-Bosse über die Strategie uneins und vergaben eine bessere Platzierung als Rang fünf. In den USA müssen sich weder die Leute in der Kommandozentrale noch der Fahrer im Cockpit einen krassen Denkfehler vorwerfen lassen – dennoch ging die Strategie nicht auf, was bedeutet: Sie war nicht optimal, Red Bull war cleverer. Hamilton bot grandioses fahrerisches Können, sein Start war herausragend, seine Aufholjagd beeindruckend, der Umgang mit den Reifen stark. Der Silberpfeil war auf Medium-Reifen aber nicht schnell genug, Red Bull hatte sich für einen sehr aggressiven ersten Stopp sowie frühen zweiten entschieden – der Schlüssel zum Sieg. „Wir gingen davon aus, dass unsere Strategie mit einem späteren Stopp ausreichen würde, um sie am Ende zu bekommen“, erklärte Mercedes-Teamchef Toto Wolff, „wir waren am Ende nah dran, aber nicht nah genug.“ Mit einem früheren ersten Stopp wären Hamiltons Chancen auf einen Sieg deutlich gestiegen. Psycho-Kiste Mercedes hat nicht irgendeinen Grand Prix verloren, sondern den in Austin. Texas war bisher Mercedes-Territorium, zuvor wurden die Silberpfeile in der Hybridära nur einmal auf texanischem Boden geschlagen, als Kimi Räikkönen 2018 gewann. Die Favoritenrolle war klar zugeteilt, im ersten Training lag Mercedes eine Sekunde vor Red Bull – doch wegen der Bodenwellen musste das Auto höher gelegt werden, plötzlich wurde aus dem Megavorsprung im Qualifying ein Minirückstand. Und auch im Rennen lag Hamilton nach seinem starken Start erst in Front, um dann doch nur Zweiter hinter Verstappen zu werden. Die Tiefschläge in Austin könnten ein Knack- und Wendepunkt im Titelrennen gewesen sein. Denn nun stehen in Mexiko und Brasilien zwei Strecken an, die wie eigens auf den Red Bull zugeschnitten sind. Paket-Lösung Zwölf Punkte trennen die WM-Rivalen, das klingt so, als würde Hamilton im Zentimeterabstand im Windschatten von Verstappen kleben. Doch der Niederländer liegt deutlicher vorn, denn das Red-Bull-Paket aus Fahrer, Auto und Team ist Dauersieger Mercedes absolut ebenbürtig – mal schnell nach kleineren Patzern oder Rennpech eine ordentliche Punktzahl gutmachen, wie das gegen Ferrari gelungen ist, funktioniert nicht mehr. Es ist eher spiegelverkehrt: Red Bull nutzt gnadenlos jede Schwäche von Mercedes und Hamilton aus. Sollte der Rekordweltmeister nicht mindestens einen der beiden nächsten Großen Preise gewinnen oder Verstappen eine Nullrunde hinlegen, wird es sehr, sehr eng mit Titel Nummer acht. „Ich habe gesagt, wenn wir die WM gewinnen wollen, brauchen wir zehn Siege. Es fehlen also noch zwei“, prognostizierte Helmut Marko. Die Rechnung könnte aufgehen, da muss der Renngott im Taurinrausch gar nicht erst mitmischen.