Salafisten verteilen in deutschen Fußgängerzonen kostenlose Koran-Ausgaben, um Anhänger zu rekrutieren. Foto: dpa

In Frankfurt am Main ist Ende Oktober die bundesweit erste Beratungsstelle gegen Salafismus eröffnet worden. Sie soll sowohl gefährdete junge Menschen selbst als auch ihre Familien, Freunde, Schulkameraden und Lehrer beraten.

Herr Mücke, Sie wollen in ihrer Beratungsstelle in Frankfurt die Radikalisierung junger Menschen verhindern. Warum haben die radikalen Islamisten momentan so viel Einfluss auf ­Jugendliche?
Die Islamisten verstehen es, jungen Menschen, die eine Orientierung suchen, diese anzubieten. Und zwar eine Orientierung, die sehr einfach ist, ein Schwarz-Weiß-Denken. Sie sagen nicht: Ihr müsst euren eigenen Kopf anstrengen, sondern ihr müsst einfach unseren Regeln folgen. Gehorsam ist alles – und das ist für manche junge Menschen, für die vieles nicht so klar ist, attraktiv. Auf der anderen Seite bieten sie eine Gemeinschaft an, ein Zugehörigkeitsgefühl.
Wie alt sind die jungen Menschen, die zu Ihnen in die Beratungsstelle kommen?
Die gefährdeten Jugendlichen sind zwischen 14 und 23 Jahre. Sie dürfen sich das aber nicht so vorstellen, dass die jungen Menschen zu uns kommen.
Sondern?
Die meisten sind ja nicht ausstiegswillig. Daher suchen wir sie auf, und wir versuchen, Kontakt herzustellen.
Wie genau findet man den Kontakt zu gefährdeten Jugendlichen?
In den meisten Fällen über die Angehörigen. Das heißt, wir sind da und bieten Gespräche an – manchmal auch erst mal über Briefkontakt unter der Türe durch. Wenn einer gar nicht reden will. Aber wir drängen uns nicht auf, wir zeigen Präsenz und Gesprächsoffenheit. Wenn wir wissen, in welche Moschee ein Jugendlicher geht, schauen wir, dass die Kollegen beim Freitagsgebet dabei sind und mit den Imamen auch sprechen. Es kann aber auch sein, dass der junge Mensch von sich aus kommt, weil er desillusioniert ist. Das Projekt in Hessen gibt es seit dem 15. Juli, wir haben heute zu 50 Angehörigen und zu 20 gefährdeten jungen Menschen Kontakt.
Was raten Sie Angehörigen, die sich an Sie wenden?
Es kommt darauf an, die Beziehung zu stabilisieren und aufrechtzuerhalten. Die Eltern, meistens die Mütter, haben große Angst, wenn sie ins Zimmer reingehen fragen sie sich jedes Mal: Ist mein Sohn noch da, oder ist er schon weg? Man muss versuchen, nicht in Kampfbeziehung mit dem Kind zu gehen. Man muss die Sorgen deutlich machen. Aber vor allem muss man lernen, mit den eigenen Ängsten umzugehen. Eltern hilft es, mit anderen darüber zu reden. Es hilft, wenn sie erfahren, dass es auch anderen Eltern so geht.
Was machen Sie, wenn die Jugendlichen gar nicht auf Ihre Bemühungen reagieren? Sind Ihnen dann nicht die Hände gebunden?
Geduld haben und dranbleiben.Das Schwierigste ist zwar die Kontaktaufnahme, aber wenn man den Kontakt hat und wenn man für diesen jungen Menschen Interesse zeigt, hat man eine Chance. Aber eine Deradikalisierung verläuft nicht von heute auf morgen. Das Denken ist in den Köpfen erst einmal drin. Die jungen Menschen müssen erst wieder ankommen. Wenn man sich für diesen Kampf entschlossen hat, hat man sich keine Gedanken mehr darüber gemacht, wie das eigene Leben hier in Deutschland konkret aussehen könnte. Wir müssen gemeinsam schauen, wie sie wieder integriert werden können, wie sie einen Ausbildungsplatz finden und so weiter. Ein, zwei Jahre dauert das schon.
Was ist das bundesweit Einzigartige an der Arbeit in Hessen?
In Hessen haben drei Ministerien, Inneres, Justiz und Soziales, ein Kompetenzzentrum gegründet. Hier wird ressortübergreifend vorangegangen. Und diese Koordinierungsstelle zum Thema Extremismus hat uns beauftragt, ein umfangreiches Programm zu machen. Wir haben daher Prävention, Intervention und Ausstiegsbegleitung zusammengelegt. Das hilft uns natürlich.
Warum?
Wenn wir zum Beispiel in einem Präventionsworkshop merken, oder in der Schule, dass ein junger Mensch gefährdet ist, dann können wir auch hier direkt mit diesem Gefährdeten arbeiten. Außerdem ist es das einzige Programm, das zur Zielsetzung hat, mit gefährdeten Jugendlichen aus der neo-salafistischen Szene zu arbeiten. Neben der Vernetzung ist es einzigartig, dass wir nicht über diese Jugendlichen reden, sondern direkt mit ihnen arbeiten.
Wie wird die Beratungsstelle finanziert?
Aus dem Landeshaushalt. Komplett. Auch ein Novum. Viele Projekte werden aus europäischen Mitteln im Rahmen von Modellprojekten finanziert, aber es fehlt für eine erfolgreiche Deradikalisierungsarbeit eine Verstetigung. Es gab viele sehr gute Projekte, die aber nach drei Jahren nicht mehr weiter laufen, weil es Modellprojekte waren.
Und wie lange ist die Finanzierung für die hessische Beratungsstelle gesichert?
Solange das Problem da ist. Es heißt zwar manchmal Modellprojekt, aber deswegen, um für andere Bundesländer als Vorbild zu dienen.
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