Kampf gegen Ebola So rettet die US-Armee Leben

Von Michael Weissenborn 

Soldaten der 101. US-Luftlandedivision auf dem Flughafen der liberianischen Hauptstadt Monrovia. Foto: AFP
Soldaten der 101. US-Luftlandedivision auf dem Flughafen der liberianischen Hauptstadt Monrovia. Foto: AFP

Das US-Militär errichtet in Liberia Behandlungszentren. Das Stuttgarter Afrika-Kommando koordiniert den Großeinsatz. Der Stützpunkt Ramstein ist ein wichtiges Drehkreuz.

 Arzt und Angst

„Ich war vorsichtig, aber ich hatte keine Angst. Das ist mein Beruf“, sagt David K. Weiss, Kapitän zur See bei der US-Marine und leitender Sanitätsoffizier beim Stuttgarter US-Afrika-Kommando (Africom). Im Oktober war er in die liberianischen Hauptstadt Monrovia geflogen, um sich bei einem Kurzbesuch direkt vor Ort ein Bild von der tödlichen Ebola-Epidemie in Westafrika und dem Engagement des US-Militärs im Kampf dagegen zu machen. „Die Krise ist beängstigend, aber von der Reaktion der liberianischen Regierung war ich beeindruckt“, berichtet der deutschstämmige 50-jährige Notfallmediziner aus Houston, der seit etwas mehr als zwei Jahren in Stuttgart stationiert ist. „Die haben vor jedem öffentlichen Gebäude die Temperatur der Besucher gemessen.“

Stuttgart und Hilfen

Jetzt hilft Weiss bei Africom in Stuttgart den militärischen Teil des Großeinsatzes der US-Regierung in Westafrika zu organisieren. Hunderte US-Bürger sind schon nach Westafrika geflogen, Tausende werden noch folgen. Zum amerikanischen Ebola-Einsatz gehören Ärzte, Krankenpfleger, Wissenschaftler, Soldaten, Piloten, Techniker und Pioniere. Viele sind Freiwillige, die für Hilfsorganisationen oder die Regierung arbeiten. Die meisten aber, die für die von US-Präsident Barack Obama Mitte September befohlene Operation Vereinigte Unterstützung (United Assistance) arbeiten, gehören dem US-Militär an.

Seuchen und Schutz

„Wir versuchen unsere Bevölkerung zu schützen und die Menschen in aller Welt“, sagt John Mammano, US-Luftwaffenoberst und am Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa (Eucom) stellvertretender Medizinchef. Sein Chef, US-Verteidigungsminister Chuck Hagel, bekräftigte erst jetzt wieder vor Soldaten: „Seuchen sind eine Gefahr für die Sicherheit unseres Landes.“ Deshalb sei es „eindeutig im Interesse der USA“ mit seinen militärischen Fähigkeiten im Kampf gegen Ebola zu helfen. Für sein Engagement erhielt Washington sogar Lob von unerwarteter Seite. Tankred Stöbe, Vorstandschef der deutschen Sektion der eigentlich pazifistischen Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, stellte jüngst den in seinen Augen zu zögerlichen EU-Staaten den US-Militäreinsatz als Vorbild hin: „Bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemie werden alle Kapazitäten benötigt, inklusive das Militär“, sagte Stöbe der „Frankfurter Rundschau“.

Mission und Vorbereitung

Für das US-Militär ist das eine ungewöhnliche Mission, die derzeit bis zum Frühjahr 2016 geplant ist. Zwar haben die Soldaten jede Menge Erfahrung mit humanitären Einsätzen nach Wirbelstürmen oder Erdbeben in aller Welt. Auch wurde das Afrikakommando im Jahr 2008 vorrangig zu Krisenreaktion und vorbeugenden Stabilitätsoperationen gegründet. „Auf diese Art von Einsätzen bereitet sich das US-Militär seit der Gründung von Africom vor“, sagt Generalleutnant Steven Hummer, der stellvertretende Africom-Kommandeur, unserer Zeitung.

Strategie und Finanzen

Doch diese Krise entwickelt sich noch, angetrieben von einem unvorhersehbaren Krankheitserreger, gegen den es noch kein Heilmittel gibt. Angeführt wird das US-Engagement von der zivilen Entwicklungsagentur USAID, dem Africom als oberstes strategisches Militärkommando zuarbeitet. Zur Finanzierung der gesamten Hilfsoperation fordert Präsident Barack Obama vom Kongress umgerechnet 4,8 Milliarden Euro.

Zelte und Baumaterial

Africom zur Seite steht das ebenfalls in Stuttgart beheimatete Europakommando der US-Streitkräfte. Zwar kommen nach Angaben des US-Militärs die allermeisten der knapp 3000 Soldaten, die ins Krisengebiet nach Westafrika entsandt werden, nicht aus Deutschland. Doch als Logistikknoten spielen die deutschen US-Militärstützpunkte eine zentrale Rolle: So kommt ein Teil der Soldaten auf dem Weg aus den USA nach Afrika zur Zwischenlandung auf die US-Luftwaffenbasis Ramstein in der Pfalz. Und dort werden auch viele der vor Ort gekauften Hilfsgüter von den Zelten bis zu den Baumaterialien aus dem nahen US-Militärdepot in Germersheim verladen. „Ramstein ist eines der wichtigsten zentralen Drehkreuze für den Lufttransport“, erklärt Donald Liles von der Logistikagentur des US-Verteidigungsministeriums. Andere Knotenpunkte befinden sich in den USA: Militärflughäfen in New Jersey oder in Nordkalifornien sowie Häfen in Florida oder in Texas. „Das ist ein echter globaler Einsatz“, meint der Logistiker Liles.

Elitesoldaten und Experten

In Stuttgart haben fast alle rund 1500 militärischen und zivilen Mitarbeiter von Africom in den vergangenen drei Monaten mit Hochdruck an der großangelegten Hilfsoperation mitgearbeitet. Hinzu kommen noch einmal Hunderte von Fachleuten des Europa-Hauptquartiers. Vor Ort in Westafrika kümmert sich das US-Militär vorrangig um Liberia. Ein kleineres Kontingent ist dafür auch am Flughafen der senegalesischen Hauptstadt Dakar stationiert. Das britische Militär hilft in Sierra Leone und die Franzosen in ihrer ehemaligen Kolonie Guinea. Im liberianischen Monrovia führt ein amerikanischer Zwei-Sterne-General der berühmten 101. Luftlandedivision („Schreiende Adler“) das Kommando.

Sorgen und Ängste

Der Auftrag der 1100 Elitesoldaten: bis zu 17 Ebola-Behandlungszentren mit jeweils 100 Betten aufbauen und versorgen, medizinisches Personal für diese Zentren ausbilden sowie Labors errichten und betreiben, um Blutproben schneller auf Ebola hin untersuchen zu können. Außerdem hat das US-Militär in der Nähe des Flughafens in Monrovia auch gerade ein erstklassiges Feldlazarett mit 25 Betten für krank werdende Helfer fertiggestellt. „Diese Soldaten haben im Ebola-Krisenstaat Liberia geholfen, hatten aber keinen direkten Kontakt mit Patienten“, betont Militärarzt Weiss, um die Sorgen der Familienangehörigen zu zerstreuen. Aber auch um etwaige Bedenken der deutschen Bevölkerung auszuräumen.

Quarantäne und Kontrolle

Das Pentagon hat nämlich für die aus Afrika zurückkehrenden Soldaten neben fünf Stützpunkten in den USA und einem in Italien auch die US-Heereskaserne Smith Barracks im rheinland-pfälzischen Baumholder als Standort für eine niedrigstufige dreiwöchige Quarantäne der Soldaten vorgesehen. Das Militär in Stuttgart nennt das „kontrollierte Beobachtung“. Gemeint ist, dass bis zu 200 Rückkehrer in dieser Isolationszeit von den übrigen Soldaten der Garnison getrennt untergebracht werden und auch mit ihren Angehörigen allenfalls per Telefon oder Internet Kontakt haben dürfen. In dieser Zeit werden die Soldaten auch täglich medizinisch untersucht. Das Land Rheinland-Pfalz und das Bundesverteidigungsministerium haben den Plänen nach Informationen unserer Zeitung bereits zugestimmt. Die nötige Genehmigung durch das Auswärtige Amt in Berlin steht allerdings noch aus.

Rückkehr und Richtlinien

Die ersten 20 US-Soldaten warten in Afrika aber schon auf ihre Rückkehr nach Deutschland. „Wir folgen den Richtlinien der US-Seuchenbehörde und den noch strengeren Richtlinien des Verteidigungsministeri­ums“, unterstreicht General Hummer. Dazu zählten die tägliche medizinische Untersuchung und Beobachtung in Afrika und auf den Heimatstützpunkten. „Es gibt kein Null-Risiko, wir erwarten aber null Patienten“, beruhigt auch Ian Rybczynski, Eucom-Arbeits- und Gesundheitsschützer.

Zahlen und Fortschritte

Den neuesten Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge hat sich die Ebola-Infektionsrate in Liberia und auch in Guinea abgeschwächt. In Sierra Leone dagegen steigen die Zahlen weiter. Und auch in Mali wurden inzwischen fünf Todesfälle gezählt. Mehr als 5400 Patienten sind gestorben, mehr als die Hälfte von ihnen allein in Liberia. Und dennoch: „Vielleicht sehen wir erste Anzeichen von Fortschritten“, meint der Marinearzt Weiss vorsichtig optimistisch. Doch die Epidemie sei noch längst nicht besiegt. Vor allem fehle es noch immer an einer ausreichenden Zahl von medizinisch geschultem Personal. „Die Aufgabe ist schwierig und die Arbeitszeit lange“, meint der Marineinfanterist Hummer. „Aber letztlich werden mit Hilfe des US-Militärs Leben gerettet.“

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