Ganz Europa ächzt unter der Inflation, die jüngsten Zinserhöhungen waren unstreitig. Doch mit der Geschlossenheit könnte es bald vorbei sein, meint Barbara Schäder.
Nach langem Zögern stemmt sich die Europäische Zentralbank (EZB) mit kräftigen Zinserhöhungen gegen die Inflation. Doch die Geldströme, die die Notenbank ab 2015 in den Markt gepumpt hat, zirkulieren dort noch immer. Um das zu ändern, müsste die EZB dem Beispiel der US-Notenbank folgen und den riesigen Bestand an Staatsanleihen und anderen Wertpapieren in ihrer Bilanz reduzieren.
Zwar hat die EZB Ende Juni aufgehört, mit dem Kauf solcher Papiere immer noch mehr Geld in Umlauf zu bringen. Wenn aber eine der Anleihen in ihren Büchern ausläuft, also vom Schuldner getilgt wird, investiert die Notenbank die Einnahmen aus dieser Rückzahlung in neue Wertpapiere. Sie entzieht dem Markt also bislang kein Geld. Dazu müsste sie aufhören, auslaufende Anleihen durch neue zu ersetzen.
Das hätte allerdings zur Folge, dass die Finanzierungskosten der Eurostaaten weiter steigen. Vor allem für die hochverschuldeten Mittelmeerländer wäre das ein Problem. Mit den Leitzinserhöhungen der vergangenen Monate sind die Renditen italienischer Staatsanleihen bereits von gut drei auf über vier Prozent geklettert.
Meloni kritisiert Zinserhöhungen als riskant
Die neue italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni übte in ihrer Antrittsrede bereits scharfe Kritik an der Notenbank: Die Zinserhöhungen würden „von vielen als gefährlich eingeschätzt“, sagte sie.
Zwar hat die EZB schon im Sommer klargestellt, dass sie eingreifen würde, wenn sich die Finanzierungsbedingungen einzelner Staaten dramatisch verschlechtern sollten. Deren Anleihen würde sie dann doch wieder kaufen. Allerdings wäre schwer vermittelbar, wenn die Notenbank mit einer Hand den Geldhahn zudreht, um dann einen anderen zu öffnen.
Gleichwohl will sie im Dezember über einen möglichen Bilanzabbau diskutieren. Damit zeichnet sich ein neuer Konflikt zwischen den Vertretern der nord- und südeuropäischen Länder im EZB-Rat ab. Mit der Geschlossenheit im Kampf gegen die Inflation könnte es also schon bald vorbei sein.