Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss viel schneller gehen, fordert die Energie- und Klimaökonomin Claudia Kemfert. Sie erklärt, warum Wasserstoff für Autos Verschwendung ist – und wie die Kosten für den Klimaschutz gestemmt werden können.
Stuttgart - Sie gilt als eine der renommiertesten Expertinnen für Energie- und Klimaökonomie: Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Im Interview erklärt sie, welche Klimaschutz-Maßnahmen die nächste Bundesregierung umsetzen sollte – und wie das bezahlt wird.
Frau Kemfert, wie schneidet die scheidende Bundesregierung im Hinblick auf den Klimaschutz ab?
Es wurde schon Einiges auf den Weg gebracht, aber ganz sicher nicht genug. Schließlich gilt es, die Klimaverträge von Paris zu erfüllen. Der Kohleausstieg ist richtig, aber kommt zu spät. Die Emissionen müssen schneller sinken, als jetzt geplant. Es fehlt an der Umsetzung, aber es fehlt nach wie vor auch an Willenskraft.
Welche Maßnahmen muss eine neue Bundesregierung zügig umsetzen?
Zuallererst muss sich das Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien massiv erhöhen: Wir brauchen eine Vervierfachung des Ausbautempos bei der Solarenergie und eine Verdreifachung bei der Windenergie. Das Zweite ist der Verkehrssektor: Gleise statt Straßen, mehr Ladeinfrastruktur für Elektromobilität. Wir benötigen eine menschen- statt autogerechte Mobilität. Dazu gehören auch ein Tempolimit auf Autobahnen und erhöhte Emissionsgrenzwerte für Fahrzeuge.
Und das Dritte ist der Gebäudebereich. Hier braucht es mehr Unterstützung für die energetische Gebäudesanierung und die Nutzung von erneuerbaren Energien. Auch der Industrie muss man helfen, klimaneutral zu werden, etwa durch den Einsatz von Erneuerbaren und von grünem Wasserstoff.
Das klingt nach sehr hohen Kosten, die auf uns zukommen.
Besonders wenn wir nicht handeln, sind die Kosten gigantisch – davon hat die Hochwasserkatastrophe in diesem Jahr einen Eindruck gegeben. Beim Klimaschutz gilt: Der Nutzen ist sehr viel größer als die Kosten. Denn wir investieren in Zukunftsmärkte – und das schafft Innovation, Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Klimaschutz lohnt sich, auch für den Staat. Doch solche Investitionen müssen angeschoben werden; je früher, desto billiger wird es.
Aktuell ist die Wirtschaft noch sehr stark auf die fossile Energiewelt ausgerichtet. Es gibt sehr viele umweltschädliche Subventionen, die vortäuschen, dass ein Leben auf Basis von Kohle oder Öl preiswert ist. Das ist es aber de facto nicht. Umgekehrt wird so der Umstieg zu erneuerbaren Energien behindert. Dazu gehören zum Beispiel Strompreisausnahmen für energieintensive Unternehmen, dazu gehören das energiesteuerfreie Kerosin oder das Dieselprivileg. Allein durch die Abschaffung solcher Subventionen könnte man eine enorme wirtschaftliche Dynamik in Gang setzen, die uns den Klimazielen näherbringt.
Ist der CO2-Preis das Mittel, um nötige Investitionen zu finanzieren?
Allein über den CO2-Preis wird man die Klimaziele nicht erreichen können. CO2 -Preissteigerungen mögen sehr sinnvoll sein, sind aber politisch kaum durchsetzbar. Daher ist es wichtig, flankierende Maßnahmen einzusetzen. Wir plädieren für eine jährliche Pro-Kopf-Klimaprämie, bei dem das CO2-Steueraufkommen komplett an die Bürger zurückfließen. Bei einem CO2-Preis von 150 Euro ergäbe das eine Rückerstattung in Höhe von 220 Euro pro Jahr. Pro Person! Damit würden viele, aber vor allem einkommensschwache Haushalte, die in der Regel einen kleineren CO2-Fußabdruck haben, deutlich entlastet.
Bis spätestens 2038 will Deutschland aus der Kohleenergie aussteigen. Viele bezweifeln, dass der Energiebedarf für Deutschland dann aus erneuerbaren Energien gedeckt werden kann.
Eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien ist schon 2035 möglich, wenn wir das Ausbautempo deutlich erhöhen. Zwei Dinge sind da wichtig: Erstens: Wir benötigen eine dezentrale Energieversorgung samt Digitalisierung. Erneuerbare Energien sind Teamplayer, wie brauchen alle Arten überall. Also auch im Süden; kein Bundesland darf sich entziehen. Und sie müssen digital miteinander vernetzt werden. Zweitens: Ökostrom muss, sobald er produziert wird, sofort genutzt werden und nicht verschwendet werden.
Warum das? Bei der Nutzung konventioneller Energien wie Öl oder Kohle verschwenden wir viel Energie; die Wirkungsgrade sind viel geringer als bei der direkten Nutzung von Ökostrom. Das gilt auch für die Umwandlung von Ökostrom zum Beispiel in Wasserstoff. Daher gilt: Efficiency first. Nutzen wir Ökostrom sofort etwa durch Elektromobilität oder Wärmepumpen, dann halbiert sich der Primärenergiebedarf, selbst wenn der Strombedarf steigt. Wir sparen Energie und Geld. In den Bereichen, die man nicht direkt elektrifizieren kann – insbesondere im Industriebereich sowie Flug- oder Schiffsverkehr – wird man auf emissionsfreie Kraftstoffe setzen müssen, zum Beispiel grünen Wasserstoff oder Bioenergie.
Warum kein Wasserstoff oder synthetischer Kraftstoff für Autos?
Es ist reine Verschwendung. Emissionsfrei und nachhaltig ist allein der grüne Wasserstoff. Der muss mit viel Ökostrom hergestellt werden. Wasserstoff ist also kostbar, quasi der Champagner unter den Energieträgern. Manche träumen davon, Kohle, Öl und Gas einfach durch Wasserstoff zu ersetzen. Das bedeutet aber: Wir müssten bis zu achtmal so viel Ökostrom ausbauen wie derzeit geplant. Und wir streiten jetzt schon um jede Windanlage.
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Realistisch betrachtet gilt: Nicht Wasserstoff, sondern Öko-Strom ist das neue Öl. Ökostrom ist effektiv und flexibel einsetzbar. Am günstigsten ist es, wenn wir ihn unmittelbar nutzen. Gerade im Automobilbereich haben wir durch die Elektromobilität viel effizientere Möglichkeiten. Der kostbare Wasserstoff sollte nur da zum Einsatz kommen, wo wir keine elektrische Alternative haben, etwa in der Industrie. „Champagner in den SUV-Tank“ hilft weder dem Klima, noch der Wirtschaft, sondern ist pure Dekadenz.
Deutschland hat an den weltweiten CO2-Emissionen nur einen geringen Anteil. Spielt es überhaupt eine große Rolle, ob oder was wir hier tun?
Wer keinen ausreichend Klimaschutz machen will, also faul ist, zeigt mit dem Finger auf andere. Eine billige Ausrede. Nüchtern betrachtet sind wir, was klimaschädliche Emissionen pro Kopf angeht, unter den ersten zehn Ländern weltweit. Außerdem schleppen wir einen riesigen Rucksack bereits entstandener Emissionen mit uns herum, weil wir durch unsere Kohlekraftwerke in den letzten 60 Jahren gewaltige Emissionen verursacht haben. Besser als durch selbstgefälliges Nichtstun sollten wir durch Ingenieurskunst glänzen: Mit technischen Innovationen könnten wir beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle einnehmen – und hätten davon sogar wirtschaftliche Vorteile.
Kann es noch gelingen, die Erderhitzung auf 1,5-Grad zu begrenzen?
Ja, das Ziel ist noch erreichbar. Es wird enorm schwer, und wir brauchen globale Anstrengungen. Aber da passiert aktuell Einiges – in den USA, in Japan oder in der EU zum Beispiel. Selbst China hat sich vorgenommen, klimaneutral zu werden. Insofern bin ich da zweckoptimistisch.
Aber uns läuft die Zeit davon. Die Klimaforschung hat jüngst mit dem IPCC-Bericht deutlich gemacht, dass wir nur noch wenige Jahre haben, um wirklich umzusteuern, um das Ruder noch herumzureißen, weil wir viel zu lange gewartet haben und in den letzten 40 Jahren zu untätig waren. Wir müssen wirklich Tempo aufnehmen. Wir brauchen schnell Entscheidungen in die richtige Richtung.