Intensivstation für Coronakranke im Krankenhaus Bad Cannstatt Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Zahl der Patienten mit Covid 19 hat sich in den Stuttgarter Krankenhäusern innerhalb einer Woche verdoppelt. Anders als im Frühjahr wollen sie möglichst auch für andere Patienten offen bleiben. Das führt schon heute zu einem enormen Druck in den Kliniken.

Stuttgart - Die zweite Corona-Welle macht den Stuttgarter Krankenhäusern immer mehr zu schaffen. Die Zahl der dort behandelten Covid-19-Patienten hat sich innerhalb einer Woche verdoppelt. Die Häuser haben deshalb ihre Besucherregelungen verschärft. Was die Lage für die Kliniken derzeit so anspruchsvoll macht: Anders als in der ersten Welle im Frühjahr soll das Normalprogramm so gut es geht aufrecht erhalten werden.

 

Spricht man mit Mark Dominik Alscher, verliert man alle Illusionen über den erwartbaren Verlauf der Corona-Pandemie. „Diese Welle ist deutlich größer als im Frühjahr und sie wird deutlich länger dauern“, ist sich der medizinische Geschäftsführer der Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK) sicher.

Viele positive Abstriche

Diese Einschätzung gewinnt er aus der Entwicklung der an Covid 19 leidenden Patienten. Anfang der Woche waren es im RBK 63. „Das sind doppelt so viele wie im Frühjahr“, sagt Alscher. 15 von ihnen müssen auf der Intensivstation beatmet werden. Und der Klinikchef rechnet damit, dass diese Entwicklung so weitergeht. Am Dienstag sind für Stuttgart jedenfalls 187 Neuinfektionen gemeldet worden. Und vier Todesfälle waren zu beklagen, so viele wie lange nicht mehr an einem Tag. Bei den Tests in der Fieberambulanz des RBK fielen zehn bis 15 Prozent der Corona-Tests inzwischen positiv aus. „Das ist happig“, sagt Alscher. Diese Zahlen gingen „weit über das hinaus, was wir im Frühjahr gesehen haben“. Deshalb sagt der Mediziner über die jetzt erlassenen Einschränkungen: „Für uns kommen die eigentlich zu spät.“

Die Lage in den anderen Stuttgarter Krankenhäusern ist ähnlich. Im Klinikum der Stadt werden derzeit rund 60 Covid-Patienten stationär behandelt, 14 liegen auf der Intensivstation, elf müssen beatmet werden. Die Patientenzahl habe sich „in den vergangenen zehn Tagen etwa verdoppelt“, sagt der medizinische Vorstand Jan Steffen Jürgensen. „Und es werden jeden Tag mehr.“ Von den rund 1000 Abstrichen, die im Klinikum jeden Tag in der Fieberambulanz, bei Mitarbeitern und bei Patienten vor der Aufnahme vorgenommen werden, seien 8,6 Prozent positiv.

Im Marienhospital werden derzeit 25 Covid-19-Patienten auf einer Normalstation behandelt, drei auf der Intensivstation. Im Diakonie-Klinikum liegen zwei von sechs Covid-Patienten auf der Intensivstation und werden beatmet.

Strenge Besucherregelung

Angesichts der wachsenden Infektionszahlen haben die Krankenhäuser zum Schutz der Patienten ihre Besucherregelungen verschärft. Besuche seien „nur noch unter bestimmten Bedingungen erlaubt“, heißt es beim städtischen Klinikum. Ausnahmen gibt es etwa für Begleitpersonen von Kindern und für Angehörige von Sterbenden oder bei Patienten mit Demenz. Im Diakonie-Klinikum gelte außer in solchen „begründeten Ausnahmefällen leider ein Besuchsverbot“, erklärt Sprecher Frank Weberheinz. Im RBK und im Marienhospital können nur Patienten, die voraussichtlich länger als fünf Tage im Krankenhaus bleiben müssen, eine bestimmte Person für Besuche benennen.

Der Druck ist jetzt schon enorm

Betrachtet man die für Covid-19-Patienten derzeit genutzten Intensiv- und Beatmungsplätze, gibt es noch Kapazitäten. Im städtischen Klinikum hat man 109 regulärer Plätze, für den Notfall sogar 215 Beatmungsgeräte. Im RBK sind es 43 Intensivbetten, die auf 67, im Katastrophenfall sogar auf 82 Plätze erhöht werden könnten. Im Diakonie-Klinikum können die acht Beatmungsplätze auf 14 erhöht, im Marienhospital können 29 Intensivbetten um weitere 34 aufgestockt werden.

Nur verfolgen die Krankenhäuser anders als im Frühjahr, als man große Kapazitäten für mögliche Covid-Patienten freigemacht hat, jetzt eine andere Strategie. Weil man davon ausgeht, dass die zweite Corona-Welle länger dauert als die erste, will man das Normalprogramm, soweit es geht, weiterführen. Deshalb haben die Häuser bisher nur wenige Eingriffe wegen Corona verschoben. Im Klinikum hat man ambulante Operationen und Sprechstunden reduziert, im RBK nur Eingriffe, „die man länger als vier Wochen verschieben kann“, so Mark Dominik Alscher.

Patienten sollen keine Krankheiten verschleppen

Es soll unbedingt vermieden werden, dass Behandlungen von erkrankten Menschen verschleppt werden, sagt Jan Steffen Jürgensen, weil diese meinen, sie könnten wegen Corona nicht ins Krankenhaus. Im Frühjahr kamen weniger Patienten, zu einem späteren Zeitpunkt dann aber in einem schlechteren Zustand. Weil dies nicht wieder eintreten soll, ist der Druck in den Kliniken durch die wachsende Zahl von Covid-19-Patienten schon jetzt sehr hoch. „Wir steuern von Tag zu Tag“, sagt Jan Steffen Jürgensen. Bis jetzt klappt das offenbar noch, wenigstens einigermaßen. Aber Mark Dominik Alscher macht deutlich: „Wir haben jetzt schon zu kämpfen.“