Präsident Emmanuel Macron erklärt den Franzosen, was die neuen Corona-Beschränkungen für sie bedeuten. Foto: AFP/LUDOVIC MARIN

Das Virus bereite sich schneller aus als vorhergesagt, warnt Präsident Macron. Noch ertragen die Franzosen die Maßnahmen fast stoisch - die Frage ist, wie lange noch. Ein Kommentar unseres Redakteurs Knut Krohn.

Paris - Den Franzosen wird sehr viel abverlangt im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Sehr viel mehr als ihren Nachbarn in Deutschland. Nun hat Präsident Emmanuel Macron die aktuell im Land herrschenden Einschränkungen noch einmal deutlich verschärft und einen neuen Lockdown angekündigt. Die Menschen sollen zuhause bleiben und nur zum Einkaufen oder zu kurzen Spaziergängen die Wohnung verlassen, sagte er in einer Ansprache im Fernsehen. Bars und Gaststätten werden geschlossen, Schulen und Kindergärten bleiben allerdings geöffnet. Allgemein soll von zu Hause aus gearbeitet werden, Universitäten sollen auf einen Online-Betrieb umstellen. In vielen Städten herrscht bereits sein Wochen Maskenpflicht. Das Virus bereite sich schneller aus als vorhergesagt, warnte der Präsident mit Nachdruck.

 

Große Geduld der Franzosen

Bisher haben die Franzosen die Einschränkungen im täglichen Leben mit erstaunlicher Langmut ertragen. Zu brutal sind die Zahlen, die seit Wochen jeden Tag vermeldet werden. Fast 36 000 Tote werden in Frankreich inzwischen gezählt, die Zahl der Neuinfektionen mit dem Corona-Virus erreicht immer wieder neue Rekorde, die Pandemie scheint außer Kontrolle. Frankreich ist eines der am schwersten betroffenen Länder in Europa.

Die Franzosen ahnen, dass sie im Sommer nach der überstandenen ersten Welle wohl etwas zu sorglos waren. Familienfeiern und überfüllte Bars in den französischen Ferienorten entwickelten sich rasch zu Corona-Hotspots. Die Quittung für diese vielen, oft nur kleinen Nachlässigkeiten wird nun serviert.

Zu wenige Betten in den Krankenhäusern

Allerdings müssen sich auch die Politiker einige Fragen gefallen lassen. Immer wieder haben sie dringliche Mahnungen an die Bevölkerung gerichtet, vorsichtig zu sein, doch die zentralen Probleme, die während der ersten Corona-Welle augenscheinlich wurden, haben sie nicht gelöst. Im Kampf gegen die Pandemie konnten etwa die Test-Kapazitäten deutlich vergrößert werden, doch das reicht nicht. Im Frühjahr wurden tausende neue Krankenhausbetten versprochen, angesichts der zweiten Welle zeigt es sich aber, dass sie noch immer fehlen. Zudem wurden dem Pflegepersonal deutliche Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in Aussicht gestellt, verändert hat sich in den bisweilen kaputtgesparten Kliniken und Altenheimen aber wenig.

Das Vertrauen in die Politik verloren

Das nährt die bereits brodelnde Wut der Franzosen. Die sozialen Proteste der Gelbwesten und die Demos gegen die verhasste Rentenreform haben gezeigt, dass das Vertrauen der Menschen in die Politik schon vor der Corona-Krise im Fundament erschüttert war. Der ganz große Absturz angesichts der ersten Pandemie-Welle konnte durch massive wirtschaftliche Unterstützung der Regierung und die Solidarität in der Gesellschaft verhindert werden, doch auch die Hilfsmittel eines Staates sind endlich und die Menschen sind erschöpft. Nun wird deutlich, dass im Frühjahr lediglich ein Pyrrhussieg errungen worden war, der entscheidende Kampf gegen die Pandemie beginnt erst jetzt.