Nachdem die Vorwürfe der fortgesetzten Angrapscherei gegen den Schauspieler Kevin Spacey laut geworden sind, ist die Produktion der Fernseh-Serie „House of Cards“ auf Eis gelegt worden. Foto: AFP

Der Fall Kevin Spacey zeigt: Hollywood gibt im Kampf gegen Belästigung den falschen Takt vor, meint Thomas Klingenmaier: Eine regelrechte Säuberungswelle hat die US-Medienindustrie ergriffen.

Stuttgart - Seit das erste Mal eine Hand die Kurbel einer Filmkamera gedreht hat, kommt die Welt der bewegten Bilder den einen über-, den anderen unterirdisch vor. Und seit Klatschpostillen über das Leben von Filmstars berichten, also seit den frühen Stummfilmtagen, verwischt im Milieu der Leinwandexistenzen die Grenze zwischen Fiktion und Realität. Die Stars und die Filmfiguren, sie sollen uns voraus sein im Glück und im Unglück, in Tugend und Verworfenheit. Dieser alte Anspruch erfährt gerade wieder Geltung in der Welle der Vorwürfe und Anklagen wegen sexueller Belästigung, die in der amerikanischen Filmindustrie ihren Anfang nahm.

Die Jagd auf Belästiger ist eröffnet

Ein paar Gelangweilte mögen hinschauen, mit den Achseln zucken und sich sagen, sie hätten immer schon geahnt, dass das alles ein Sündenpfuhl sei, die Suhle kaputter Charaktere, eine Kloake, in die man die eigenen Kinder nie hineingeraten ließe. Aber viele, auch Menschen, die in der Me-too-Bewegung in sozialen Netzwerken mehr oder weniger offen und detailliert eigene Erfahrungen mit sexueller Belästigung bekennen, blicken nun wieder mit anderen Augen auf Hollywood. Die alte Idee, die Märchenwelt des Films schaffe Vorbilder für ein intensiveres Leben, denen wir nacheifern sollten, wirkt erneut. Eine Säuberungswelle scheint die Medienindustrie der USA zu ergreifen, ein Sturm der Entrüstung, in dem Beschuldigung und Bestrafung des Beschuldigten fast ineinanderfallen wie Blitz und Donner in einem Gewitter direkt über dem eigenen Kopf. Vielleicht wird die Jagd auf Belästiger, die nun eröffnet ist, bald sehr viel stärker nach Europa überspringen als bisher. Die Vorwürfe gegenüber politischen Eliten in Großbritannien sind erste Anzeichen dafür.

Wird jetzt die Fackel der Entsexualisierung in die Welt getragen?

Dass Frauen und Männer, die Opfer sexueller Übergriffe wurden, gerade solcher innerhalb von Machtstrukturen und entlang von Hierarchielinien im Job, sich nun zu Wort melden können, ohne gleich abgeschmettert, eingeschüchtert oder genervt überhört zu werden, das ist höchst begrüßenswert. Und Amerikas Film- und Fernsehindustrie, die über Nacht eine der wichtigsten Serien der Fernsehgeschichte, „House of Cards“, auf Eis legt, weil Vorwürfe der fortgesetzten Angrapscherei gegen Kevin Spacey erhoben wurden, die er teils einräumt, scheint von fast missionarischem Eifer entflammt. Es sieht so aus, als ginge es ihr darum, die Fackel einer neuen sexuellen Revolution in die Welt zu tragen, einer Revolution der Grenzziehung und der Entsexualisierung der Arbeitswelten.

Plötzlich ist die Unschuldsvermutung out

Das ist zwar eine optische Täuschung, denn eigentlich geht es nur darum, dass sich Studios, Produktionsfirmen und Sender vor Verklagbarkeit schützen wollen. Sie wollen ihre Angestellten und Geschäftspartner nicht mehr mit Übergriffsverdächtigen zusammenbringen. Trotzdem könnte dieser Eifer der Arbeitsplatzbereinigung als Vorbild funktionieren – fatalerweise. Kevin Spacey steht mit 58 Jahren vor den Trümmern seiner Karriere. Gut möglich, dass den eben noch Gefeierten nie wieder eine große Filmproduktion, ein seriöser Sender, ein namhaftes Theater heuern werden. Dabei sind die Vorwürfe gegen ihn von anderer Natur, haben ein viel kleineres Ausmaß als die gegen den Produzenten Harvey Weinstein erhobenen.

Gleich zwei grundlegende Konzepte unseres mühsam erarbeiteten Rechtsverständnisses – Unschuldsvermutung und Einzelfallwürdigung – scheinen vielen plötzlich nur noch hinderliches Gerümpel, hinter dem sich Schuldige verstecken dürfen. Solch eine Jagdatmosphäre ist aber nicht nur für Beschuldigte fatal, sondern für unsere Gesellschaften. Wo über reihenweise dämonisierte Einzelschurken geredet wird statt über Milieus, Strukturen und Normen, wird eine scheinbare Verhaltensänderung aller nicht via Einsicht, sondern allenfalls via Einschüchterung kommen. So eine Reform würde nicht lange halten.

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