Die Tankstelle wird neben dem Benzinverkauf immer mehr zum kleinen Supermarkt. Foto: dpa/Carsten Koall

Wer braucht noch konventionelle Tankstellen, wenn E-Fahrzeugen die Zukunft gehören soll? Die Tankstellenbetreiber geben sich gelassen, weiten ihr Angebot aus – und schreiben zudem den Verbrenner noch lange nicht ab.

„Es ist verlockend, an der Tankstelle vorzufahren und sich eine Bockwurst zu holen“, sagt Jürgen Ziegner, der Geschäftsführer des Zentralverbands des Tankstellengewerbes in Bonn. „Die Gruppe derer, die nur zum Einkaufen an die Tankstelle fahren, wird immer größer“, beobachtet er.

 

„Der Shop war schon immer wichtig, und er wird noch wichtiger“, sagt Murat Bektas, der in Fellbach und Umgebung drei Shell-Tankstellen betreibt. Zum Deckungsbeitrag, aus dem nach Abzug der laufenden Kosten der Gewinn erzielt wird, trägt der Shop nach Angaben des Tankstellenverbands bis zu sechzig Prozent bei, der Kraftstoffverkauf dagegen nur zwischen zehn und 20 Prozent.

Die Marge beim Verkauf von Benzin oder Diesel liegt nach Angaben von Carsten Beuß, Hauptgeschäftsführer des Verbands des Kraftfahrzeuggewerbes Baden-Württemberg, zwischen 0,5 und einem Cent pro Liter – das bringt Umsatz, aber wenig Gewinn.

Das Elektroauto kann zu Hause geladen werden

Das Geschäft an den Zapfsäulen könnte angesichts der steigenden Zahl an Elektroautos noch mehr unter Druck geraten. Anders als Verbrenner müssen sie nicht unbedingt zur Tankstelle: Laden geht auch zu Hause an der Wallbox, auf Parkplätzen des Arbeitgebers oder vor dem Supermarkt: „In Zukunft wird nur jeder fünfte Ladevorgang an der Tankstelle stattfinden“, prognostiziert eine Shell-Sprecherin.

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Angst vor der steigenden Zahl an Elektroautos hat Bektas nicht. „Warum denn?“ Noch sei die Zahl der Elektroautos nicht sehr hoch, angesichts der geringen Zahl an Ladestellen werde sie wohl auch nicht so rasch steigen. Bei seiner Tankstelle in Fellbach gibt es nicht nur den Shop, sondern auch eine Paketstation, einen Geldautomaten – und Pläne für eine Elektroladesäule. Zur Beruhigung des Tankstellenpächters trägt auch bei, dass der Abschied vom Verbrennungsmotor keineswegs ein revolutionärer Akt sein wird.

Wenn bis 2030 rund 15 Millionen Elektroautos über die Straßen der Republik fahren, wird der Anteil der Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor nach den Berechnungen des Verbands immer noch zwischen 70 und 80 Prozent liegen. „Selbst wenn von 2035 an keine neuen Verbrenner mehr auf den Markt kommen, dauert es bis zum Jahr 2050, bis die meisten Verbrenner von den Straßen verschwunden sind“, meint Beuß.

Ölkonzerne bieten immer mehr Strom an

Den Mineralölkonzernen ist dennoch klar, dass sie sich nicht mehr allein auf das Spritgeschäft verlassen können – auch wenn bisher an den Ladesäulen offenbar noch kein Gewinn erzielt wird. Aral wird durch eine Zusammenarbeit mit Volkswagen sein Tempo beim Ausbau beschleunigen. Bis Ende des Jahres soll die Zahl der Ladepunkte auf mehr als 1500 fast verdoppelt werden. Eine Ladesäule hat in der Regel zwei Ladepunkte. Shell bietet an 110 Tankstellen 240 Schnelllademöglichkeiten an, bis 2030 sollen an 1000 Standorten 3000 Ladepunkte stehen.

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Grundsätzlich könnten an jeder Tankstelle auch Ladesäulen zum Stromzapfen aufgestellt werden, meint Professorin Barbara Lenz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, das sich auch mit Mobilität allgemein beschäftigt. Allerdings: Gerade auf relativ teurem Boden in Ballungsgebieten könnte es eng werden. „Nicht an allen Tankstellen werden genügend Flächen zur Verfügung stehen.“ Ein Tankvorgang dauere inklusive Bezahlen fünf bis 15 Minuten, ein Elektrofahrzeug dagegen stehe doppelt so lange an der Ladesäule. Die großen Tankstellenkonzerne rechneten aber damit, dass Stromtanken irgendwann so schnell gehen könnte wie Benzinzapfen.

Neue Wettbewerber bauen Geschäfte aus

Neue Wettbewerber versuchen, den Markt aufzumischen. So die EnBW, die in Deutschland nach den Angaben eines Sprechers 700 Schnellladestandorte betreibt – „das größte Schnellladenetz Deutschlands “ mit Schnellladeparks wie in Rutesheim an der Autobahn 8. Bis 2025 will die EnBW bundesweit 2500 Standorte mit der Möglichkeit zu schnellem Laden in Betrieb haben und investiert da 100 Millionen Euro pro Jahr. Auch die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) baut ihr Ladenetz kräftig aus und will bis Ende des Jahres 2800 neue Ladepunkte haben.

Sorge wegen zu wenig Lademöglichkeiten

Dass neue Betreiber sich stärker engagieren, befürchtet man nach Angaben eines Sprechers zumindest bei Aral nicht. Dies wohl auch deswegen, weil es mit dem Ausbau der Lademöglichkeiten offenbar gar nicht schnell genug vorangehen kann. Angesichts der rasch wachsenden Zahl von Elektroautos dürfte es eher zum Problem werden, „insgesamt ausreichend öffentliche Ladepunkte aufzubauen“, meint Beuß vom Verband des Kraftfahrzeuggewerbes. So gebe es in Baden-Württemberg etwa erst etwas mehr als fünf Prozent der Ladepunkte, die bis 2030 gebraucht würden.

E-Fuels: Chance für Tankstellen, aber geringe Wirksamkeit

Tankstellenbetreiber und Mineralölkonzerne hoffen, aus den Zapfsäulen synthetische Kraftstoffe, sogenannte E-Fuels, fließen zu lassen – weil damit auch Verbrenner umweltfreundlicher werden könnten und keine großen Umstellungen an den Tankstellen nötig würden. „E-Fuels sind das Thema schlechthin“, sagt Jürgen Ziegner vom Zentralverband des Tankstellengewerbes.

Experten wie Professor Martin Doppelbauer vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) dagegen sehen synthetische Kraftstoffe weit skeptischer: „Um E-Fuels in großem Stil zu erzeugen, braucht man einen Menge Strom, es wäre besser, gleich Strom zu tanken.“ Die Beimischung zum üblichen Sprit, „könnte noch zunehmen und gerade auch für Nutzfahrzeuge interessant sein“, meint er. Doch für die meisten Fahrzeuge gilt seiner Ansicht nach anderes: „Bei Personenwagen ist der Fisch geputzt, die werden bald überwiegend elektrisch sein.“

Ungefähr 15 000 Tankstellen bundesweit – noch

Tankstellen
 In Deutschland gibt es schätzungsweise 15 000 Tankstellen. Der Zentralverband des Tankstellengewerbes in Bonn vertritt bis zu 6000 davon. In fünf Jahren würden es etwas weniger sein, aber wohl nicht viel weniger, meint Geschäftsführer Jürgen Ziegner.

E-Fuels
 An normalen Tankstellen könnten auch synthetische Kraftstoffe wie E-Fuels getankt werden. Diese werden mit dem Einsatz von Strom aus Wasser und Kohlenstoffdioxid hergestellt. Sie könnten helfen, Verbrenner umweltfreundlicher zu machen. Experten weisen jedoch darauf hin, dass enorme Mengen an Strom nötig seien.