Um dem Fachkräftemangel abzuhelfen, geht das Handwerk in die Offensive: Modernität und Attraktivität sind wichtige Faktoren für die Mitarbeitergewinnung – Kammer- und Handwerksvertreter begeben sich auf Stippvisite bei Vorzeigeunternehmen im Landkreis Böblingen
Gestiegene Energiepreise und angespannte Lieferketten im Zuge des russischen Einmarschs in der Ukraine, Fachkräfte- und Azubimangel oder die Frage, ob die Betriebsübergabe gelingt – der Strauß an Herausforderungen, mit denen Handwerksbetriebe landauf, landab konfrontiert sind, ist groß.
Zumindest der letzte Punkt ist bei den ersten beiden Betrieben, die Vertreter der Handwerkskammer Region Stuttgart (HWK) und der Kreishandwerkerschaft am Donnerstag im Landkreis Böblingen besuchten, geklärt: Bei der Bäckerei und Konditorei Wanner in Holzgerlingen hat mit Alexander Wanner als Geschäftsführer und seiner Schwester Lilian Kienzle als Prokuristin bereits die siebte Generation das Unternehmen übernommen. Auch bei Ofen- und Luftheizungsbaumeister Thomas Lorenz, der seinen nach ihm benannten Schönaicher Betrieb gemeinsam mit seiner Frau Anette führt, sind die Kinder Luca und Laura schon mit eingestiegen.
Bei beiden Betrieben hat diese Entscheidung zu großen Investitionen geführt – sowohl im Schönaicher als auch im Holzgerlinger Gewerbegebiet ging es für HWK-Hauptgeschäftsführer Peter Friedrich, dessen Stellvertreter Christoph Gräter sowie Kreishandwerksmeister Wolfgang Gastel und seinen Vize Hartmut Nietsch sowie für den Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Böblingen, Thomas Wagner, durch neu errichtete Betriebsstätten. Begleitet wurden sie von Bürgermeister Ioannis Delakos in Holzgerlingen und dessen Amtskollegin Anna Walther in Schönaich.
Verbesserte Arbeitsabläufe in der neuen Backstube
Nicht nur die Tatsache, dass die verwinkelte Backstube im Stammhaus der Wanners baulich und strukturell inzwischen an ihre Grenzen stößt, habe den Ausschlag für die Neubauentscheidung gegeben. Wichtig seien auch die Mitarbeiter gewesen, erläuterte Alexander Wanner: „Diese schaffen lieber in so einem modernen Betrieb“ als in einem alten, in dem das Lager im Keller ist. Geplant wurde am neuen Standort, der an Pfingsten bezogen wird, so, dass das traditionelle Bäckerhandwerk nun mit effizienteren Prozessen und verbesserter Arbeitsplatzergonomie ausgeübt werden kann. Außerdem ermöglicht die vergrößerte Kühlfläche – 300 der rund 1800 Quadratmeter Fläche nimmt sie ein – attraktivere Arbeitszeiten. Zukünftig soll laut Alexander Wanner nur „eine Handvoll noch nachts“ arbeiten. Für das Gros der Mitarbeitenden in der Produktion soll der Arbeitstag um sechs Uhr morgens beginnen.
Mit moderner Ausstattung und guten Arbeitsplätzen im Wettbewerb punkten
Auch für Thomas Lorenz, der mit seinem zehnköpfigen Team im Juni 2022 die neuen Räumlichkeiten mit Ausstellungsfläche, Büro und Lager bezogen hat, ist die Attraktivität der Betriebe bei der Mitarbeitergewinnung – sowohl bei Fachkräften als auch bei Auszubildenden – ein entscheidender Faktor. Gerade bei Zweiterem sieht er auch die Kammer in der Pflicht: „Die Menschen müssen dort abgeholt werden, wo sie sind“ – in der Schule vor Ort und nicht nur durch Kampagnen. Das sahen auch die Kammer- und Handwerksvertreter so. Ausbildungsbotschafter sollen diese Aufgabe vermehrt übernehmen. Außerdem soll das Thema Handwerk auch präsenter an Gymnasien werden.
Bürokratie und Überregulierung sind Themen, die bei beiden Besuchen zur Sprache kamen. Als Beispiel dafür nannte Seniorchef Helmut Wanner die Tatsache, dass beim Neubau der Produktion mit Verwaltungstrakt und Werkstattladen samt Café insgesamt 18 Toiletten eingebaut werden mussten. Aktuelles Ärgernis für Thomas Lorenz ist dagegen die Art und Weise, wie der Entwurf des viel diskutierten Gebäudeenergiegesetzes veröffentlicht wurde – und dass Fachverbände nicht gehört worden seien. Auf Unverständnis stößt bei ihm zudem, dass handwerklich erstellte Kamine, bei denen durch entsprechende Rauchgasführung praktisch kein Feinstaub entweicht, mit Ware aus dem Baumarkt gleichgesetzt werde. Die Zukunft sieht er in Hybridlösungen, bei denen ein Ofen mit einer Wärmepumpe zusammenarbeitet, und auch die Abwärme des Rauchgases im Pufferspeicher genutzt wird.
Nach den Betriebsbesuchen auf der Schönbuchlichtung ging es für die Vertreter der Handwerkskammer und Kreishandwerker weiter nach Rutesheim. Dort stand am Nachmittag noch der Besuch bei der Gipser Maler Land GmbH und Lanz Hebebühnen- und Nutzfahrzeugvermietung GmbH auf dem Programm.
Wie das Handwerk aufgestellt ist
Handwerkskammern
Es gibt 53 Handwerkskammern in Deutschland. Acht davon haben ihren Sitz in Baden-Württemberg. Sie vertreten die Interessen des Handwerks und dienen als Körperschaften des öffentlichen Rechts der Selbstverwaltung. Zu ihren Aufgaben gehört unter anderem die Regelung der Berufsausbildung.
Handwerkskammer Region Stuttgart
Der Kammerbezirk umfasst die Landkreise Böblingen, Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg, Rems-Murr sowie den Stadtkreis Stuttgart. Laut Kammer-Statistik für 2021 zählt sie knapp 31 000 Mitgliedsbetriebe mit 197 000 Beschäftigten.
Kreishandwerkerschaft
Wie die Handwerkskammern sind auch diese Körperschaften des öffentlichen Rechts. Unter deren Dach sind jeweils die Innungen zusammengeschlossen, die im jeweiligen Landkreis vertreten sind. An der Spitze der Organisation steht der Kreishandwerksmeister, der von Delegierten der Innungen gewählt wird.