Ihre Friedfertigkeit zeigen Ahmadis bei jeder Gelegenheit – und ihre Loyalität zu Deutschland. In Hessen ist die Gemeinschaft bereits den großen Kirchen gleichgestellt. Foto: factum/Archiv

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat will in der Region Stuttgart für einen moderaten und friedlichen Islam werben – und damit Ängste und Vorurteile in der Bevölkerung abbauen. Missionierung dürfte jedoch auch eine Rolle spielen.

Kreis Ludwigsburg - Sie ist nach eigenen Angaben die größte organisierte muslimische Glaubensgemeinschaft der Welt, wächst stetig und steht für einen moderaten Islam – jetzt will sie auch in Deutschland stärker auf sich aufmerksam machen. Die Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) bereitet eine groß angelegte Infokampagne in der Region Stuttgart vor, am Dienstag stellten Vertreter der 1889 in Indien gegründeten Reformgemeinde das Konzept vor. Das Ziel sei, Ängste und Vorurteile abzubauen, sagt Tahssin Rasheed, der Imam der Gemeinde in der Region Nordwürttemberg.

Weil der Islam in den Medien fast ausschließlich mit Terrorismus und Krieg gleichgesetzt werde, sei es nötig, dem etwas entgegenzusetzen. „Der Islam lehrt uns, gut mit allen Menschen umzugehen, denn wir sind alle Schöpfungen Gottes.“

In allen Landkreisen der Region sowie in Stuttgart werden in den kommenden Wochen Ahmadis, so heißen die AMJ-Mitglieder, unterwegs sein und Flyer an Haushalte verteilen. Ebenfalls geplant sind Diskussionsveranstaltungen und Infostände, außerdem wollen die Muslime mehrere Friedensbäumepflanzen. In anderen Regionen in Deutschland ist die AMJ derzeit ebenfalls aktiv. Dass eine islamische Gemeinschaft derart offensiv die Öffentlichkeit sucht, ist eine Seltenheit.

In der muslimischen Welt werden die Ahmadis verfolgt und unterdrückt

In der muslimischen Welt nimmt die Ahmadiyya seit je eine Sonderstellung ein: In Ländern wie Pakistan oder Saudi-Arabien werden die Mitglieder unterdrückt, die Lehre als häretisch gebrandmarkt. „Wir sind die einzige muslimische Gruppe, die keinen politischen Hintergrund hat, von keinem Staat unterstützt wird und daher unabhängig ist“, sagt Tahssin Rasheed, der sich klar von jeder Form des Terrorismus distanziert. „Terroristen zeigen durch ihre Taten, dass sie keine Muslime sind.“

Weltweit hat die AMJ rund zehn Millionen Anhänger, in Deutschland knapp 45 000. Das Zentrum der Gemeinde im Kreis Ludwigsburg (mit 111 Mitgliedern) ist in Bietigheim-Bissingen, aber dort sind die Ahmadis noch weitgehend unbekannt. „Es gab bislang keinen intensiven Kontakt mit der Stadt“, sagt die Rathaussprecherin Anette Hochmuth.

Anders ist das in Weil der Stadt, wo die AMJ 2008 eine Moschee gebaut hat. Von einem guten Miteinander spricht der Bürgermeister Thilo Schreiber. „Die Ahmadis sind gut integriert, sprechen alle Deutsch, bringen sich ein. Ich kann nur Positives berichten.“ In Weil der Stadt, Stuttgart und anderswo organisieren Ahmadis regelmäßig Charity-Aktionen, auch in der Flüchtlingshilfe sind sie aktiv. „Viele von uns sind einst selbst vor Verfolgung nach Deutschland geflohen“, sagt Munawar Khan, der Sprecher im Kreis Ludwigsburg. „Wir wollen dem Land, das uns aufgenommen hat, etwas zurückgeben.“ Auch in Waiblingen baut die AMJ derzeit eine Moschee. Im Kreis Ludwigsburg sei dies nicht geplant.

Die Gemeinschaft betont ihre Loyalität zu Deutschland

Ihre Loyalität zu Deutschland und ihre Friedfertigkeit betont die Gruppe bei jeder Gelegenheit. Beim Pressegespräch in Ludwigsburg etwa tragen die Anwesenden Shirts mit der Aufschrift „Muslime für Frieden“, auf Schreibblöcken steht „Liebe für alle, Hass für keinen“, der AMJ-Flyer ist mit der schwarz-rot-goldenen Aufschrift „Wir sind alle Deutschland“ bedruckt.

So viel Heimatliebe zahlt sich aus: Seit 2013 ist die AMJ in Hessen als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt und damit den großen Kirchen gleichgestellt. In den dortigen Grundschulen bietet sie Islamunterricht an, die Imame werden seit 2012 am bundesweit ersten Institut für islamische Theologie im hessischen Riedstadt ausgebildet. Selbst Jörg Meuthen, Bundessprecher der AfD und nicht bekannt dafür, tief gehende Sympathie für den Islam zu hegen, sagte nach dem Besuch einer AJM-Moschee: „Das ist eine sehr freundliche Gemeinde mit einer schönen Atmosphäre.“

Angefeindet werden Ahmadis trotzdem, vor allem aus der rechten Ecke. Bei Moscheeeröffnungen gibt es Proteste, in Erfurt legten Unbekannte auf einem AMJ-Grundstück Schweinsköpfe ab. In Internetforen wird Ahmadis unterstellt, Liberalität als Deckmantel zu nutzen, um unbedarfte Opfer zum Islam zu bekehren. Auch als Sekte wird die AMJ häufig bezeichnet.

Wie wichtig ist die Missionierung?

Tatsächlich glauben Ahmadis – auf Basis ihrer ursprünglichen Lehre – an die bevorstehende Vorherrschaft des Islam unter der Führung eines Kalifen. Welche praktischen Schlussfolgerungen sich daraus heute noch ergeben, ist strittig. Klar ist, dass die AMJ, wie fast alle Religionsgemeinschaften, bestrebt ist, Menschen von ihrem Glauben zu überzeugen. „Wir wollen den wahren Islam zeigen“, sagt Tahssin Ra­sheed. Das stehe im Mittelpunkt der Infokampagne, nicht die Missionierung.

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