Motivierte Grundschüler statt pubertierender Gymnasiasten – kann dies Gymnasiallehrer an die Grundschulen locken? Foto: dpa

Überall herrscht Lehrermangel. Um an den Grundschulen die größten Lücken zu schließen, will die Kultusministerin Susanne Eisenmann Gymnasiallehrer für den Fremdeinsatz qualifizieren. Die Bildungsgewerkschaft erwartet eine nur geringe Resonanz.

Stuttgart - An Realschulen fehlen Lehrer, an Sonderschulen ohnehin, und besonders knapp sind die Pädagogen an den Grundschulen. Die Lücken an den Grundschulen will Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) nun mit Gymnasiallehrern schließen. Sie sind die einzige Lehrergruppe, die zumindest in bestimmten Fächern – zum Beispiel Deutsch – keine guten Einstellungschancen haben.

Infrage kommen laut Schulverwaltung vor allem Gymnasiallehrer in Deutsch und Mathematik. Keine Chance haben naturgemäß Bewerber mit Studienfächern, die an der Grundschule nicht unterrichtet werden: Griechisch, Latein, Spanisch oder Italienisch. Genommen werden nur Lehrer, die zwei Fächer studiert haben, die für Grundschulen relevant sind.

400 Euro weniger beim Grundgehalt

Die überzähligen Gymnasiallehrer werden berufsbegleitend qualifiziert. Sie werden zunächst als Lehrer angestellt. In einem Eckpunktepapier, das dieser Zeitung vorliegt, ist von 15 Ausbildungstagen über ein Jahr die Rede. Dazu soll eine einwöchige „Grundqualifizierung“ zu Beginn kommen. Zwei unterrichtspraktische Prüfungen und ein Reflexionsgespräch runden die Ausbildung ab. Während des Programms müssen die Lehrer vier Stunden pro Woche weniger unterrichten.

Danach winkt eine Verbeamtung – jedoch nicht in der für Gymnasiallehrer vorgesehenen Gehaltsklasse A 13, sondern eine Stufe darunter, in A 12. Das macht im Grundgehalt schnell 400 Euro weniger aus. Wer später in den gymnasialen Schuldienst wechseln will, kann sich dem Papier zufolge nicht einfach versetzen lassen, sondern muss sich neu für das Einstellungsverfahren bewerben. Das Programm sei für etwa 200 Personen angelegt.

Post vom Kultusministerium

Alle abgelehnten Gymnasiallehrer, bei denen es nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) um eine Größenordnung von etwa 800 in Baden-Württemberg geht, haben jetzt einen Brief vom Kultusministerium erhalten. Darin heißt es, dass „aufgrund des hohen Bedarfs an Lehrkräften in Grundschulen zum kommenden Schuljahr auch für Gymnasiallehrkräfte gute Chancen auf eine Beschäftigung an dieser Schulart bestehen“.

An Grundschulen wären knapp 1600 Stellen zu besetzen, originäre Bewerber gibt es der GEW zufolge rund 1300. Die Ausschreibungen für das Qualifizierungsprogramm über die Regierungspräsidien laufen jetzt an. Besonders groß ist die Not an den ganz kleinen Grundschulen im ländlichen Raum. Dort müssen im Zweifel alle Fächer unterrichtet werden, wenn das jeweilige Kollegium klein ist.

Doro Moritz, die Landesvorsitzende der GEW, bezweifelt allerdings, dass die Kampagne die Lücken schließen kann. Sie erinnert gegenüber dieser Zeitung daran, dass schon Gymnasien außerhalb der Ballungsräume Schwierigkeiten hätten, Lehrer zu finden. Daher könne sie sich kaum vorstellen, dass Gymnasiallehrer sich für ländliche Grundschulen bewerben. Es sei kaum mit hohem Interesse zu rechnen.

Programm nur ein „Notnagel“

Moritz hält die Qualifikation für nicht ausreichend und das Programm bestenfalls für einen „Notnagel“. Sie sagt, „die Gymnasiallehrer werden nicht in der Lage sein, gute Arbeit an den Grundschulen zu leisten“. Das Programm werde „den großen Lehrermangel an den Grundschulen nicht lösen“. Die Gewerkschafterin fordert stattdessen, „dass das Land zwingend mehr Ausbildungskapazitäten schafft, solange es Leute gibt, die Grundschullehrer werden wollen“. Zurzeit gibt es an den pädagogischen Hochschulen im Land Zulassungsbeschränkungen für das Lehramt an Grundschulen. Der Numerus clausus lag etwa in Weingarten im vergangenen Semester bei 2,4, in Ludwigsburg bei 2,0.

GEW fordert Vereinbarungen auf Bundesebene

Der Lehrermarkt ist nach Einschätzung von Doro Moritz umkämpft. „Andere Länder jagen Baden-Württemberg die Lehrer ab“, warnt sie. Auch sei der Markt „völlig unkoordiniert“. Berlin zum Beispiel werde Grundschullehrer künftig nach A 13 oder vergleichbar bezahlen. Sie erwartet von Susanne Eisenmann, die zurzeit die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz ist, dass sie Vereinbarungen auf Bundesebene trifft. „Für den Lehrerbedarf ist eine saubere Planung notwendig“, so Moritz.

Die Kultusministerin will Mitte Juli weitere „Maßnahmen zur Lehrergewinnung“ in Baden-Württemberg vorstellen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: