Tanz den Europäer – „Imaginary Europe“ heißt das Projekt 1 des neu gegründeten Europa Ensembles, das am Mittwoch im Kammertheater Stuttgart Premiere gefeiert hat. Im Vordergrund zu sehen ist der kroatische Schauspieler Adrian Pezdirc, mit Flüchtlingsschiff und Luxusmodellauto beladen ist sein deutscher Kollege Tenzin Kolsch. Foto: Björn Klein

Regisseur Oliver Frljic und sechs Schauspieler des neu gegründeten Europa Ensembles stellen sich mit der wild assoziativen Show „Imaginary Europe“ im Kammertheater Stuttgart vor. Sie zeigen, was Krawatten, Kannibalismus und Jesus mit Europa zu tun haben.

Stuttgart - Was ist Europa? Europa ist eine Grenze. Und die Überwindung von Grenzen. Europa ist eine Utopie. Europa ist Kunst. Europa ist ein Meer, in dem Flüchtende ertrinken. Europa ist auch ein Theater Ensemble. Frisch gegründet und geleitet von dem 1976 in Bosnien geborenen Regisseur Oliver Frljic. Seine Heimat hat es in Stuttgart im Staatsschauspiel, außerdem in Warschau und in Zagreb, bei den koproduzierenden polnischen Theatern Nowy Teatr und dem kroatischen Zagrebacko kazaliste mladih (Zagreb Youth Theatre).

Sechs Schauspieler aus Deutschland, Kroatien und Polen bilden das Ensemble: Jásmina Polak und Jan Sobolewski aus Polen, Adrian Pezdirc und Tina Orlandini aus Kroatien, Claudia Korneev und Tenzin Kolsch aus Deutschland. Und jeder von ihnen könnte einen Buchstaben von Europa verkörpern. Einmal tun die Sechs das auch bei der Premiere des Projektes 1 „Imaginary Europe“ am Mittwoch im Stuttgarter Kammertheater. Sie positionieren sich auf selbstgebastelten Stelen, lassen überlange Kleider über die Podeste gleiten und wirken somit riesengroß. Einfarbige Kostüme sind das, aus deren Farben der Zuschauer im Geiste diverse europäische Flaggen zusammenstellen darf.

Krieg, Blut, Unterdrückung

Säulenheilige indes verkörpern die Schauspieler nicht. Sie versprechen einen unterhaltsamen Abend frei von politischer Korrektheit – halten ihr Versprechen aber nicht wirklich. Sie fragen meist auf Englisch (mit Übertitelung) lieber danach, was in Europa nicht schon alles geschehen ist und finden Revolution, Krieg, Blut, Unterdrückung, Kannibalismus, kapitalistische Ausbeutung. Ein Friede-Freude-Europawahl-Werbe-Ensemble, gesponsort von der Kulturstiftung des Bundes, das wollen sie selbstredend nicht sein.

Nach einem längeren gespielten Exkurs über Flucht und Schiffbruch stellen sie sich nackt vor dem Publikum in einer Reihe auf. Säuselnder Tonfall, sanfte Mienen, Hand aufs Herz, esoterisch angehauchte Floskeln: „Die Art, wie Sie zuhören, das gibt mir ein Gefühl der Zusammengehörigkeit!“, „Eine heilende Liebe geht von Ihnen aus!“ „Hier heilt sogar mein Herpes!“ „Wir sind Europa und sonst keiner! Wir halten zusammen und nichts kann uns zerstören!“ Auch ohne explizite Kritik zu äußern, wird die Botschaft klar. Im Theater auf staatlich subventionierten Sitzen lässt sich’s bequem mitfühlen, wenn es ums Schicksal von Flüchtenden geht, aber wie sieht es in der Wirklichkeit aus, liebe Europäer?

Frljic, der zuletzt in Stuttgart Shakespeares „Romeo und Julia“ inszeniert hat, arbeitet hier mit biografischen Texten der Darstellern, das Ensemble umkreist zudem in diversen Assoziationen das Thema Europa und nähert sich durch Texte von Peter Weiss, J.B. Savigny und Alexandra Corréard, Walter Benjamin und Heiner Müller dem Sujet.

Und durch Bildbeschreibungen – was ja auch tatsächlich nahe liegt, die Premiere findet im Kammertheater statt, das räumlich an die Staatsgalerie anschließt. Kasimir Malewitschs „Das Schwarze Quadrat“ dient dazu, daran zu erinnern, dass es mit der Freiheit der Kunst nicht immer und überall weit her ist. Es folgen „Das Floß der Medusa“ von Théodore Géricault und „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix. Die ausführlich vorgetragenen Bildinterpretationen allerdings erinnern an ein Kunstgeschichts-Proseminar. Interessant, aber wenig theatral.

Szenen an der Grenze

Immer dann ist der Abend stark, wenn die Künstler ins Spielen kommen. Zu Beginn vor allem, wenn sie in folkloristischen Kostümen oder in Eisbärenkunstfell gehüllt, mit Koffern an einer Art Grenze stehen, immer wieder im Kreis gehen und sich neu anstellen. Alles sollen sie hergeben: Krawatten, an denen die Ehemänner sich aufgehängt haben ebenso wie krude Abtreibungsutensilien (in Polen ist Schwangerschaftsabbruch nur in wenigen Ausnahmefällen erlaubt), Spielbälle ihrer Hunde, am Ende ihre Kleidung und ihre Koffer, ihre Träume von Europa und überhaupt: ihre Identität. „Haben Sie Sinn für Humor?“ fragt der Grenzer. „Geben Sie Ihren Humor an der Grenze der theatralen Utopie ab!“ – „Sind Sie homosexuell?“. „Ja“. „Geben Sie Ihre Homosexualität ab!“ – was in Kroatien, wie Adrian Pezdirc später berichten wird, durchaus ein Thema ist, etwa wenn es um die Adoption von Kindern geht.

So geht das fort und fort. Bei allem herben Slapstick ist die Anspielung klar, sobald Kleider und Koffer im Spiel sind, die abgegeben werden müssen – Deportationen, Auschwitz, der Holocaust ist gemeint. Das Wort Auschwitz fällt auch, als die polnischen Mitspieler die deutsche Schauspielerin, die auch russische Vorfahren hat, fragen, welche Seite ihrer Herkunft mehr Schuld hat. Claudia Korneev breitet jesusgleich die Arme aus, Jan Sobolewski und Jasmina Polak führen Namen (Hitler – Stalin) und historische Fakten an und werfen jedes Mal ein Kleidungsstück auf den linken oder rechten Arm. Am Ende verschwindet die Schauspielerin schier unter dem Klamottenberg. Ein riesiger Sühnehaufen.

Jesus spielt auch mit

Versöhnliches, klar, gibt es auch. Einmal wird das Publikum auf die Bühne gebeten, um ein raumfüllendes Bilderpuzzle zusammenzusetzen. Begleitet wird das emsige Treiben von Adrian Pezdircs amüsanten Sticheleien – Millionen Kroaten seien nach 1990 auf deutsche Baustellen gekommen, wie schön, nun den Deutschen bei der Arbeit zuzuschauen.

Wirklich heftige Reaktionen auf diese Produktion jedoch sind allenfalls im sehr katholischen Polen und nicht minder katholischen Kroatien zu erwarten, wo Frljic schon mit früheren Inszenierungen die politische Öffentlichkeit erzürnt hat. Frljic und das Ensemble bringen am Ende noch einen Akteur ins Spiel – und eine konstruktive Lösung, wie es mit Europa klappen könnte. Sie besprühen den verschwitzten Jesus am Kreuze zunächst mit Deodorant und befragen ihn dann zum Brexit, zum Antisemitismus, zu Kinder missbrauchenden Geistlichen, und zu seiner Idealvorstellung von Europa. Durch Jasmina Polaks Stimme sprechend sagt dieser Bühnenjesus: „Ich träume von einem Europa ohne Religion und Privateigentum“.

Auch über die Nacktheit auf der Bühne wird der Gottessohn befragt und klar, der Mensch kommt nackt in die Welt, wer Nacktheit ablehne, lehne damit den Menschen überhaupt ab. An derlei selbstreferenziellen Späßen ist der Abend ansonsten nicht allzu reich, dafür überzeugt das spielfreudige Ensemble. Es bereichert das Stuttgarter Staatsschauspiel.

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