Gerade einmal 40 Menschen haben in diesem Jahr eine Ausbildung zum Klavier- und Cembalobauern abgeschlossen. Unter ihnen ist auch Fee Kringler aus Althengstett. Die junge Frau hat einen Wunsch.
In den lichtdurchfluteten, hohen Räumen des Ladengeschäfts von Piano Hölzle in der ehemaligen Strumpffabrik in der Sindelfinger Bahnhofsstraße sind auf 650 Quadratmetern neue und restaurierte Flügel und Klaviere aufgereiht. Die Auswahl reicht vom Einsteigerklavier bis zum großen Konzertflügel. Das ist die Welt von Fee Kringler. Denn die 29-Jährige ist Klavier- und Cembalobauerin bei Piano Hölzle in Sindelfingen. Dieses Jahr hat sie ihre Ausbildung als beste der Handwerkskammer Region Stuttgart abgeschlossen.
„Dieser Flügel hier ist eine kleine Rarität“, erklärt sie und zeigt auf einen schwarz polierten Bösendorfer Imperial Flügel. Er sei fast drei Meter lang und habe noch neun zusätzliche Tasten, erklärt die frischgebackene Klavierbauerin. Neu kostet so ein Exemplar fast 230 000 Euro, gebraucht noch rund 60 000 Euro.
Gute Gehör und handwerkliche Geschick
Aber auch wer solche Prachtinstrumente bauen will, muss sich an kleinere Instrumente tasten, quasi Taste für Taste. Das hat Fee Kringler gemacht. Seit sie sieben Jahre alt ist, spielt sie selbst Klavier, erinnert sich an den Klavierstimmer, der immer zur Familie nach Althengstett gekommen ist. Die 29-Jährige liebt Chopin, den französischen Romantiker, der Klavierschüler im ganzen Land schon zu glühenden Fingern verholfen hat. Aber Musikalität ist nicht das einzige, dass Fee Kringler braucht. Neben einem guten Gehör, gehe es auch um handwerkliches Geschick und Feinmotorik, sagt sie. Das wird jedem klar, der Fee Kringler auch nur wenige Minuten lang bei der Arbeit zusieht: Die zierliche, junge Frau feilt geschickt die Filzköpfe der Hämmer ab, damit sie wieder sauber und glatt sind. Frau Pianodoktorin ist erst zufrieden, wenn nichts mehr stört.
Allerdings baut die 29-Jährige trotz der Berufsbezeichnung eigentlich keine Klaviere oder Flügel. Bei der Gesellenarbeit hat sie dennoch gezeigt, dass sie es kann. Sie musste ein Oktavmodell bauen, dass aus der Gussplatte samt Stimmstock und Resonanzboden, sowie der Mechanik und Klaviatur besteht. Es ging darum, möglichst alle Schritte beim Aufbau eines Klaviers durchzuführen. Nur wer weiß, was warum wie klingt, weiß auch, was zu tun ist, wenn dem nicht so ist. Denn zu den Haupttätigkeiten einer Klavierbauerin gehört auch das Stimmen der Geräte zusammen mit der Reparatur alter Instrumente.
Das ist eine einsame Tätigkeit. Anschlagen, stimmen, richten, immer wieder neu nach dem Optimum suchen. So verwundert es auch nicht, dass Fee Kringlers Reich bei Klavier Hölzle der Keller ist – dort wirkt die Frau der guten Töne. Dort stehen etliche Klaviere und warten darauf, von ihr aufbereitet zu werden. Hier zieht die junge Frau Saiten auf, zieht Hämmer ab und reguliert sie.
Allerdings hat die 29- Jährige dennoch auf Umwegen ihren Traumberuf gefunden. Nach dem Abitur machte sie zunächst eine Lehre im kaufmännischen Bereich. Doch schnell stellte sie fest, dass ihr der Bürojob zu eintönig war. Mit 26 Jahren beschließt sie, sich beruflich neu zu orientieren und mit der Ausbildung als Klavierbauerin noch mal neu durchzustarten.
In Deutschland gibt es nur eine einzige Schule für Klavierbauer. Die ist in Ludwigsburg. Musikkunde, Instrumentengeschichte, Akustik, Zeichnen oder auch Mathematik werden hier gelehrt. Rund 30 bis 40 Schüler aus Europa und auch aus Asien lassen sich dort jedes Jahr zum Klavierbauer ausbilden. „Meine Familie und meine Freunde haben sich für mich gefreut, dass ich etwas gefunden habe, das meinen Stärken entspricht und mich glücklich macht“, berichtet Kringler von den Reaktionen auf den beruflichen Neustart. Sie sei im neuen Job richtig aufgeblüht, sagt die junge Frau, die auch noch gerne klettert, wandert, zeichnet und näht, wenn sie nicht am Klavier sitzt.
Einmal für Lang Lang arbeiten?
Musik ist einfach ihr Ding. Sie zu spielen, zu hören, von Musik umgeben zu sein. Zum Beispiel, wenn Kunden ein Instrument im Laden testen. „Neulich habe ich wunderschöne Klaviermusik gehört und dachte, es sei ein erwachsener Pianist. Es stellte sich dann heraus, dass ein sechsjähriger Junge auf dem Klavier spielte, der kaum an die Pedale kam.“ Ja, früh übt sich eben, wer ein Lang Lang werden will. Apropos Starpianist. Fee Kringlers größer Wunsch ist es, einmal für einen großen Konzertpianisten zu arbeiten und dessen Klavier vor einem Auftritt zu stimmen. In gut einem Jahr gastiert Lang Lang in Baden-Baden, das ist ja fast ums Eck.
Ein Beruf mit vielen Saiten
Ausbildung
Ein Klavier- und Cembalobauer baut und repariert du je nach Fachrichtung Klaviere und Flügel oder Cembali. Auch das Stimmen der Instrumente gehört zu den Aufgaben des Klavierbauers. Die duale Ausbildung dauert dreieinhalb Jahre.
Schule
In Europa gibt es sechs Schulen, die zum Klavierbauer ausbilden. Eine davon ist die Oscar-Walcker-Schule (OWS) in Ludwigsburg. Sie wurde einst vom Ludwigsburger Orgelbauer Oscar Walcker 1918 als Meisterschule für Orgelbau ins Leben gerufen. Als einzige Meisterschule für den Klavier- und Cembalobau weltweit, ist die OWS international hoch angesehen.
Klavierbauer
Heute gibt es noch rund zehn deutsche Klavierbauer, davon sind fünf in Familienhand: Blüthner, Förster, Pfeiffer (Leonberg), Steingräber und Thürmer. Der Großteil der Klaviere und Flügel wird in Asien gebaut. (va)