Im Westen Kameruns tobt ein kaum beachteter Bürgerkrieg. Die englischsprachigen Provinzen rebellieren gegen die frankofone Regierung. Wer sich in der Krisenregion umschaut, erlebt surreale und erschreckende Szenen.
Bamenda - Kurz nach Mbouda hört der Spaß auf. Die Asphaltstraße verwandelt sich in eine Schotterpiste mit Schlaglöchern so groß wie Badewannen: Sie soll die Halbmillionenstadt Bamenda mit dem Rest Kameruns verbinden. Am Wegrand tauchen die ersten ausgebrannten Fahrzeugwracks auf, dann wird es dunkel. Auch Roselinde Obahs Gesichtsausdruck verfinstert sich: Die 35-jährige Journalistin wagt sich zum ersten Mal seit Wochen wieder in ihre Heimatstadt zurück, wo Kommandeure der Ambasonischen Befreiungsfront Mitte August ein Todesurteil über sie verhängten. Ihr Vergehen: Rose hatte Kollegen zu einem „Friedensworkshop“ eingeladen.
Frieden gibt es im Westen Kameruns schon seit Jahren nicht mehr – und soll es nach Auffassung der Befreiungskämpfer auch so lange nicht geben, bis die beiden englischsprachigen Provinzen des frankofonen Staats ihre Unabhängigkeit erhalten. Der seit Jahrzehnten schwelende Konflikt im Herzen Afrikas eskalierte in den vergangenen drei Jahren zu einem Bürgerkrieg: Die anglofone Minderheit – rund zwanzig Prozent der Bevölkerung – fühlt sich von der frankofonen Mehrheit schikaniert und an den Rand gedrängt.
Mehr als 3000 Menschen fielen dem Konflikt bereits zum Opfer, mindestens 500 000 Bewohner der beiden englischsprachigen Provinzen „Südwest“ und „Nordwest“ sind heimatlos. Der Guerillakrieg anglofoner Rebellen gegen die frankofonen Sicherheitskräfte wird im Rest der Welt so gut wie gar nicht wahrgenommen. Dass sich Afrikaner um den Erhalt ihrer von den Kolonialisten aufgezwungenen Sprache und Kultur streiten, klingt zu absurd, um ernst genommen zu werden. Hinzu kommt, dass Kameruns Regierung keine ausländischen Reporter in die Unruheregion lässt. Was sich dort abspielt, könnte sich genauso gut auf dem Neptun zutragen. Nur dass auf den Planeten zumindest Teleskope gerichtet sind.
„Wir wissen, wo du wohnst“
„Hier ist Ground Zero“, ruft Rose und zeigt auf das im Tal auftauchende Lichtermeer: Bamenda. Falls die Stadt nicht in einem der regelmäßig ausgerufenen Generalstreiks erstarrt – von den Separatisten als Ghost Towns bezeichnet –, brummt sie vor Geschäftigkeit. Auf den holprigen Staubstraßen drängeln sich scheppernde Autos, Motorräder und gepanzerte Armeefahrzeuge neben Bergen von Müll. Auch die Rebellen sind da, selbst wenn sie sich nicht zu erkennen geben. „Sie sind mitten unter uns“, sagt Rose. Vor wenigen Wochen fand sie sich auf einem Motorrad eines Amba Boys wieder: Sie hatte eines der zweirädrigen Taxis angehalten und verblüfft festgestellt, dass der Fahrer selbst bei Dunkelheit ohne Licht fuhr. „Wir kennen hier jedes Schlagloch“, soll der junge Fahrer erwidert haben. „Wir wissen auch, wo du wohnst und wann du gewöhnlich nach Hause kommst.“
Rose verweilt niemals zu lange an einem Ort und fährt immer auf unterschiedlichen Routen. Ihr Mann, ein Englischlehrer, geht schon seit drei Jahren nicht mehr zur Arbeit. Wie 90 Prozent aller Bildungseinrichtungen im anglofonen Kamerun ist seine Schule geschlossen. Weil er die beiden Kinder in einem katholischen Internat in Bamenda untergebracht hat, bekam er es jüngst mit den Amba Boys zu tun. Sie belegten ihn mit einer Strafe von umgerechnet 60 Euro, die er den Rebellen übers Mobiltelefon zu überweisen hatte. Einer der Amba Boys war einst sein Friseur.
Die Anwälte empörten sich zuerst
Roses Hausmädchen, die 15-jährige Marvel, wurde im April von Rebellen entführt. Zwei Amba Boys hatten sie auf der Straße auf ihr Motorrad gezerrt und in ein außerhalb der Stadt gelegenes Dorf verschleppt. Dort machte sich einer der Kämpfer über das Mädchen her. Sein Genosse, der als Zweiter an der Reihe sein sollte, hatte Mitleid mit Marvel und brachte sie wieder nach Hause zurück. „Wir wissen nicht mehr, wer eigentlich unser Gegner ist“, sagt Rose.
Die über Jahrzehnte aufgestaute Unzufriedenheit der anglofonen Kameruner hatte sich im Oktober 2016 in einer zunächst friedlichen Protestwelle entladen. Erst gingen die Anwälte auf die Straße: Sie prangerten die Praxis der Zentralregierung an, immer mehr frankofone Richter in die Westprovinzen zu schicken, die vom britischen Common Law keine Ahnung hatten. Der Empörung der Anwälte folgte der Protest der Lehrer, die sich über die zunehmende Entsendung frankofoner Lehrer in die englischsprachigen Provinzen beklagten: Auf diese Weise werde ihr – eigentlich überlegenes – britisches Schulsystem unterwandert, hieß es. Noch keiner der Präsidenten Kameruns habe jemals eine Rede auf Englisch gehalten, sagt Rose: Im derzeitigen Kabinett säßen lediglich zwei anglofone Minister. Alle großen Staatsbetriebe würden von Französisch sprechenden Managern geführt. In der Verwaltungshochschule der Hauptstadt Jaunde seien unter 1200 Beamten-Anwärtern lediglich 44 Studenten mit anglofonem Hintergrund eingeschrieben.
Einst eine deutsche Kolonie
Die Protestwellen legten die beiden Westprovinzen lahm: Gerichte, Schulen und Läden blieben geschlossen, die Wirtschaft des 24- Millionen-Staats ging in die Knie. Die Regierung des seit 37 Jahren herrschenden Präsidenten Paul Biya erklärte sich schließlich zu kleineren Zugeständnissen bereit, ließ gleichzeitig jedoch zahlreiche Protestführer verhaften. Die unnachgiebige Reaktion des 86-jährigen Präsidenten löste eine drastische Radikalisierung auf der Gegenseite aus. Statt von Protest war nun vom Krieg die Rede, statt von Autonomie von Unabhängigkeit. Am 1. Oktober 2017 riefen die Sezessionisten die Republik Ambazonia aus.
Kamerun war einst Kolonie des Kaiserreichs, bevor es nach dem Ersten Weltkrieg unter den Siegermächten Frankreich und England aufgeteilt wurde. Als die Kolonialgebiete 1961 unabhängig werden sollten, durfte die Bevölkerung des britisch beherrschten Teils entscheiden, ob sie lieber zum anglofonen Nachbarn Nigeria oder dem frankofonen Kamerun gehören wolle. Eine Mehrheit entschied sich für Kamerun – aber nur unter der Bedingung, dass die beiden Landesteile eine Föderation eingingen. Der Westen durfte sein britisch geprägtes Gemeinwesen behalten. Das ging so lange gut, bis Präsident Biya 1982 an die Macht kam und mit einem Federstrich den föderalen Status des Landes beendete. Der Autokrat wollte die Assimilation der englischsprachigen Bevölkerung erzwingen, die „Bundesrepublik Kamerun“ wurde kurzerhand zur Republik erklärt.
Biya habe das Gentleman’s Agreement willkürlich gebrochen, das 1961 zur Wiedervereinigung Kameruns führte, meint der in Südafrika im Exil lebende Kameruner Derric Yuh. „Deshalb holen wir uns jetzt unsere Unabhängigkeit zurück.“ Wie viele Diaspora-Kameruner ist er radikaler als seine Landsleute zu Hause. Wenn sie nicht im Gefängnis sitzen, halten sich die meisten Führer Ambasoniens in Südafrika, den USA oder Großbritannien auf. Dort sammeln sie Geld für die Bewaffnung der Befreiungskämpfer, rufen den Schulboykott aus oder legen die Termine für die oft tagelang anhaltenden Ausgangssperren fest. Derric Yuh will die Abspaltung der Westprovinzen notfalls mit Waffengewalt durchsetzen.
Eine Journalistin kämpft für Verständigung
Rose mag solche Töne nicht. „Die setzen in Kamerun einen Schulboykott durch, während sie ihre eigenen Kinder in den Exilländern weiter zur Schule schicken“, klagt die Radiojournalistin. „Wir müssen hier ausbaden, was sie in der Ferne entscheiden.“ Unterdessen schießen in den Westprovinzen immer neue Rebellengruppen aus dem Boden. Oft ist unklar, ob es ihnen wirklich um die Befreiung des Landes oder nur schlicht um die Ausplünderung der Bevölkerung und um Schutzgelderpressung geht.
Um der zunehmenden Eskalation etwas entgegenzusetzen, veranstaltet Rose regelmäßig Seminare, die jungen Reportern den „Friedens-Journalismus“ nahebringen sollen. Die Kommandeure der Amba Boys sahen das als Verbeugung vor der Regierung und als Hochverrat. Auf Facebook wurde bereits ihre Hinrichtung angekündigt. Ein presbyterianischer Pfarrer setzte sich für die Radioreporterin ein und erreichte, dass das Todesurteil in eine Geldstrafe verwandelt wurde. Als Strafmaß legte der Rebellengeneral zwei Munitionskisten im Gegenwert von 150 Euro, zwei Flaschen Whiskey und ein Datenvolumen von einem Gigabyte fest.
Es wird Zeit, Bamenda zu verlassen. Am folgenden Tag soll nach Anordnung der Separatisten eine „Ghost Town“ beginnen. Fünf Tage, in denen auf den Straßen der Westprovinzen außer den Panzerwagen der Armee kein Fahrzeug und kein Mensch zu sehen sein wird. Die Bevölkerung wird sich hinter verschlossenen Türen verschanzen und Roses Ehemann wird an seinem Theaterstück weiterschreiben.
Wer kann, verlässt die Gegend. Zurück bleiben vier Millionen Westkameruner – und eine Geisterstadt.