Der japanische Kronprinz Naruhito und seine Frau Kronprinzessin Masako bei einem öffentlichen Auftritt in Tokio. Naruhito besteigt am 1. März den kaiserlichen Thron in Japan. Foto: dpa

Die Japaner hoffen, dass sich Naruhito als Kaiser so volksnah gibt wie sein Vater Akihito, sagt der deutsche Ex-Botschafter in Tokio, Volker Stanzel.

Tokio - Der Diplomat Volker Stanzel (71) war deutscher Botschafter in China (2004-2007) und in Japan (2009-2013). Er kennt Kaiser und Kronprinz persönlich. Seit 2018 ist Stanzel Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Zudem ist er Präsident des Verbandes Deutsch-Japanischer Gesellschaften.

Herr Stanzel, dies ist der erste Rücktritt eines Kaisers nach 200 Jahren. Ist das ein Omen?

Dieses Kapitel der Vergangenheit hat für heute keine Bedeutung. 1817 hat Kaiser Kokaku zugunsten seines Sohnes abgedankt. Anlass war ein Streit mit dem eigentlichen Machthaber, dem Shogun. Der Kaiser war fast schon Gefangener im eigenen Palast und wollte seine Stellung verbessern, und zudem seinem Vater einen Ehrentitel geben. Das hatte der Shogun, der militärische Machthaber, abgelehnt. Der zurückgetretene Kaiser hatte erreicht, dass er nach seinem Tod den Beinamen Tenno erhalten hat. So nennen wir die Kaiser heute noch. Kokaku hat durchgesetzt, dass dieser höchste Macht ausdrückende Begriff wieder verwendet wird.

Was erwartet Japan von dem neuen Kaiser?

Das mindeste ist, dass er fortführt, was sein Vater Akihito eingeführt hat – Kontakt halten zum normalen Volk. Man muss sich das einmal vorstellen: Hirohito, der Vater des scheidenden Kaisers, hat bis weit nach Kriegsende nie mit einem normalen Japaner geredet. Er war nur von Adeligen und Regierungsvertretern umgeben. Akihito hat schon bei seiner Antrittsrede gesagt, er wolle dem Volk nahe sein.

Hat er das eingehalten?

Das hat er gemacht. Ich war einmal dabei, wie er und die Kaiserin mit Bürgern geredet haben. Die Menschen entspannen dabei sichtbar. Bei den großen Katastrophen seiner Amtszeit war er zugegen, zum Beispiel beim Erdbeben von Kobe 1995, bei dem rund 4500 Menschen den Tod fanden. Unvergessen sind die Bilder wie das Kaiserehepaar auf Knien in den Turnhallen saß, in denen die Geretteten untergebracht waren. Bei der Katastrophe von Fukushima waren die beiden da, die Menschen hätten es gerne, dass das so weitergeht.

Erwarten die Japaner sogar eine Steigerung in dieser Beziehung?

Japaner würden gegenüber dem Tenno nie eine Erwartung äußern. Aber es besteht die Hoffnung darauf, dass der neue Kaiser das Land offen repräsentiert. Immerhin kennt Kronprinz Naruhito die Welt. Er hat in England Jura studiert, seine Frau, Prinzessin Masako, hat unter anderem in Blaubeuren deutsch gelernt.

Inwiefern hat der neue Kaiser überhaupt die Möglichkeit, Veränderungen zu bewirken?

Das ist schwer zu verstehen. Er kann auf der einen Seite keine Entscheidungen treffen, die seine Tätigkeit als Kaiser betreffen. Nichts. Auf der anderen Seite hat er die Autorität des Kaisers. Einerseits kann der Tenno kein einziges öffentliches Wort sagen, das nicht von der Regierung gebilligt ist. Wenn er andererseits mitteilt, etwas sagen zu wollen, kann ihm die Regierung das nicht verwehren. Das hat sich am Besten gezeigt bei den Versöhnungsbemühungen von Akihito gegenüber China und Korea. Aus seinem Mund hat eine Entschuldigung noch einmal ein ganz anderes Gewicht, wie wenn diese von der Regierung kommt.

Zwischen Rücktrittswunsch und Rücktritt liegen drei Jahre, weil erst ein Gesetz geändert werden musste. Ist dabei auch die Thronfolge für Frauen geregelt worden?

Die Diskussion war weit gediehen, ist aber beendet worden. Narhuito hat eine Tochter, die kann nicht Kaiserin werden. Er hat einen jüngeren Bruder, und der hat einen Sohn. Die Diskussion kann aber wieder aufflammen. Die Mehrheit der Japaner und das Kaiserhaus haben nichts gegen weibliche Thronfolger.

Am 1. Mai ist die Thronbesteigung, das Regierungsmotto wurde vor vier Wochen verkündet, gefeiert wird im Oktober. Warum dieser lange Zeitraum?

Aus kosmologischen Gründen. Für jedes einzelne Ereignis muss die Zeit passend sein. Der Taoismus spielt da eine große Rolle.

Offiziell darf der Kaiser kein Gott mehr sein. Sehen das manche Japaner anders?

Ich habe Japaner getroffen, für die er noch Gott ist. Allerdings ist ein Gott in Japan nicht gleichzusetzen mit unserem Allmächtigen. Japaner haben Myriaden von Gottheiten. Der Tenno ist Abkömmling der obersten Gottheit, der Sonnengöttin. Der Premierminister betet jedes Jahr an ihrem Hauptschrein.

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