Eine Aufnahme von Judika Zerrer, eine Momentaufnahme aus Kairo Foto: Merz Akademie

Im arabischen Frühling ist Graffiti weit mehr, als Jugendkultur, ist Zeitung, Protest, politische Aktion. Judika Zerrer hat die Kunst an den Wänden Kairos fotografiert. „Don’t say it. Spray ist“ heißt der Bildband, der dabei entstanden ist.

Stuttgart - Die Maschinengewehre, die Schreie, die großen Gesten, die Schriftzüge: In den Straßen Kairos haben Künstler sie in leuchtenden Farben gemalt. Eine Woche lang, im November 2014, war Judika Zerrer unterwegs in der ägyptischen Hauptstadt und fotografierte. Die Merz Akademie veröffentlicht die Abschlussarbeit ihrer Studentin nun als Bildband: Farbreproduktionen mit starker grafischer Wirkung, Gesichter, Zeichen, Straßenschilder; Symbole gesellschaftlichen Wandels, Übermalungen. Auf dem Titel: Ein Graffiti, das Nofretete zeigt. Sie trägt eine Gasmaske.

Grell und voller Gewalt

Schon einmal wurde die Street-Art-Szene Kairos zum Thema einer Dokumentation: 2013 drehte der Regisseur Marco Wilms den preisgekrönten Film „Art War“. Judika Zerrer sah diesen Film, bevor sie sich selbst nach Kairo begab; sie recherchierte das Thema ausführlich vor ihrer Reise, nahm über die sozialen Netzwerke Kontakt zur Szene auf. Die Graffiti Kairos sind politisch, oppositionell, erzählen die Geschichte eines Volkes, das längst den Glauben an seine Regierung verloren hat. Das heißt: Die Urheber dieser Wandmalereien werden verfolgt. Die Szene ist vorsichtig, es droht das Gefängnis. „Mich hat es sehr überrascht, dass ich zu mehr als 20 Künstlern Kontakt aufnehmen konnte“, erzählt Judika Zerrer. „Einige von ihnen wollten sich nicht zu Erkennen geben, was für mich völlig in Ordnung war, aber fünf von ihnen erklärten sich bereit, mir ein Interview zu geben.“

Gespräche mit den Künstler Ammar Abo Bakr, Adham Bakry, Alaa Awad, Ganzeer und Maguib bilden nun zusammen mit kurzen Essays zur Mediensituation in Kairo den Textteil des Bandes - wichtige Hintergrundinformationen in einem Buch, das sich ansonsten ganz ans Auge wendet. Die Bilder aus den Straßen Kairos sind grell und voller Gewalt; sie werden hier seitenfüllend präsentiert, ein Bilderbuch der Revolution, Pop-Art, die an den Zuständen rüttelt und zu einer geheimen Sprache wurde. Judika Zerrer fotografierte die Straßen und Menschen, den Stacheldraht, die Karikaturen. „Mein Buch ist eine nachträgliche Zeitdokumentation“, sagt sie. „Eine Momentaufnahme, Die Bilder, die ich während meiner Recherche im Internet gesehen habe, habe ich so gar nicht mehr vorgefunden. Und die Bilder, die ich fotografiert habe, gibt es jetzt wahrscheinlich schon nicht mehr, weil alles überstrichen, übermalt wurde.“

Die politische Aussage hat Priorität

Eine Serie von Fotografien zeigt die wieder entleerten Wände, übermalten Graffiti, zerrissenen Poster. „Ich fand es faszinierend zu sehen, wie viele Schichten hier übereinander liegen“, sagt Judika Zerrer. „Die Künstler geben nicht auf, verlieren nicht ihre Motivation, machen weiter. Man sieht wie die Farbe abblättert.“

Für Graffitis begann Judika Zerrer sich noch vor Beginn ihres Studiums zu interessieren, als sie gemeinsam mit ihrer Schwester um die Welt reiste. Die Straßenkünstler der chilenischen Stadt Valparaiso beeindruckten sie. Sie suchte nach einer Möglichkeit, sich in ihrem Studium mit dem Thema auseinanderzusetzen; bei der chilenischen Straßenkunst jedoch vermisste sie gesellschaftliche Relevanz. In den Ländern des arabischen Frühlings jedoch, entdeckte sie, besitzt Graffiti eine ganz andere Bedeutung.

„Dort gab es solche Malereien vor 2011 so gut gar nicht“, sagt sie. Erst mit dem Beginn der Revolution begannen Künstler gezielt, auf die Straße zu gehen. Die Großzahl der Akteure in der Graffitit-Szene Kairos besitzt einen professionellen künstlerischen Hintergrund - von der Kunst distanzieren sie sich jedoch alle; die politische Aussage hat für sie Priorität. Und doch sind die Bilder in den Straßen Werke echter Künstler, in die Geschichte und Tradition ihre Landes eingeflossen sind: Sie haben Kairo in eine große Collage aus Vergangenheit und Gegenwart, Wut und Hoffnung verwandelt.

Judika Zerrer nahm alle Fotografien des Bandes selbst auf. „Meine Professoren rieten mir, Material aus dem Internet zu verwenden, die Künstler via Skype zu interviewen“, sagt sie. „Aber ich bin hingefahren, fast naiv. Rückblickend war es vielleicht gut, dass ich mich nicht zu sehr mit dem Thema beschäftigt habe. Sonst hätte ich mir das vielleicht anders überlegt.“ Sehr angenehm fand es die Studentin nicht, alleine, als Frau, in einer arabischen Stadt unterwegs zu sein. Immer wieder wurde sie grob zurecht gewiesen, einmal bestand ein Polizist darauf, dass sie ihre Aufnahmen löschte. „Die Teestuben und Cafés in Kairo sind nach wie vor männerdominiert. Man sieht keine Frauen, die am kulturellen Leben teilnehmen. Ich fand die Atmosphäre seltsam und angsteinflößend - das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte gedacht, Kairo sei eine der fortschrittlichsten Städte in den arabischen Ländern.“

Judika Zerrer ist nun 30 Jahre alt; seit langem arbeitet sie in einem Stuttgarter Café, seitdem sie ihr Studium abgeschlossen hat auch in einer Werbeagentur. Und sie denkt bereits über ein zweites Buchprojekt nach: „Mich interessiert die Frage wie Menschen sich in Kriegs- oder Krisengebieten überhaupt noch mit Kunst beschäftigen können, möchten, in jeder Form. Welchen Stellenwert das in solchen Regionen besitzt.“ Aber das, sagt sie, sei noch ein ganz vager Plan. Und die Arbeit im kleinen Stuttgarter Café macht ihr immer noch Spaß.

Judika Zerrers Buch „Don’t say it. Spray it“ wird am Donnerstag, 9. Juni, um 19 Uhr in der Galerie Art & Antik in der Neckarstraße 198 präsentiert. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr.

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