Die Tage des Mehrgenerationenhauses Linde sind gezählt. Foto: Ines Rudel

Noch ist das Aus für das Waldhorn nicht verwunden, da soll auch der Linde das letzte Stündlein schlagen. Eine Sanierung ist wirtschaftlich nicht darstellbar, heißt es im Rathaus.

Kirchheim - Das Waldhorn gibt es nicht mehr. Das gedrungene Fachwerkhaus, das den Kirchheimer Marktplatz nach Westen hin begrenzt hat, ist nach 325 Jahren der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Der Schmerz über den Verlust des Traditionsgasthauses ist noch nicht verheilt, da kündigt sich am anderen Ende der historischen Altstadt ein weiterer Kahlschlag an. Die Tage der Linde, die nach einer Jahrhunderte währenden Tradition als Gasthaus auf ihre alten Tage zuerst zum Jugend- und dann zum Mehrgenerationenhaus geworden ist, sind ebenfalls gezählt.

Eine Sanierung des stattlichen Fachwerkhauses an der Alleenstraße ist nach Einschätzung der Fachleute im Kirchheimer Rathaus wirtschaftlich nicht zu vertreten. Mit einem Neubau an dieser Stelle verbindet sich dagegen die Erwartung, dass die vielen Nutzungen und der damit einhergehende höhere Raumbedarf eines Mehrgenerationenhauses in einem dann neuen, maßgeschneiderten Gebäude besser abgebildet werden kann.

Das gesamte Viertel bekommt ein neues Gesicht

Anders als am Marktplatz, wo lediglich das Waldhorn eine Lücke hinterlässt, wird mit dem Abbruch der Linde das gesamte Viertel sein Gesicht ändern. Unter anderem sollen auch die beiden Nachbarhäuser der Spitzhacke zum Opfer fallen. Das gibt der Stadtverwaltung die Chance, den ganzen Bereich zwischen der Alleenstraße, der Jesinger Straße und der Teckstraße zu überplanen. „Es geht um die städtebauliche Neuordnung einer Fläche von rund 9000 Quadratmetern“, bestätigt der Stadtplaner, Oliver Kümmerle. Seinen Worten zufolge soll in dem Bereich ein gemischter Stadtteil mit unterschiedlichen Nutzungen entstehen. Neben dem neuen Mehrgenerationenhaus sollen auch die beiden ungeschickt im Quartier liegenden Kindertagsstätten besser zugänglich gemacht werden. Zudem, so Kümmerle, habe auch das Amtsgericht zusätzlichen Platzbedarf angemeldet. Noch im Frühsommer will die Verwaltung mit dem Vorschlag, das Gebiet im Rahmen eines städtebaulichen Wettbewerbs neu zu ordnen, im Gemeinderat vorstellig werden. „Wir sind noch in der Bedarfsermittlung, gehen aber davon aus, dass dann auch der Wettbewerb selbst noch in diesem Jahr ausgeschrieben werden kann“, sagt der Stadtplaner. Zuvor werde die Verwaltung jedoch auch die Einschätzung des Gestaltungsbeirats der Stadt einholen.

Der hatte auch dem Abriss des Waldhorns zähneknirschend zugestimmt. Trotzdem droht der Stadt auf dem Linde-Areal nicht nur eine reale, sondern auch eine emotionale Baustelle. „Das Waldhorn musste weg und dieser Weg wird bei der Linde weiter beschritten. Es gibt ein Lobby im Rathaus und im Gestaltungsbeirat, die neu bauen will“, schimpft Rainer Laskowski, der Archäologe und ehemalige Chef des Kirchheimer Stadtmuseums. Er bemängelt, dass beim Waldhorn allein die Einschätzung der Statiker – Original-Ton Laskowski: „Blutige Anfänger“ – genügt hätten, um das Todesurteil zu fällen. „Richtig wäre gewesen, zuerst einen Bauhistoriker zu Rate zu ziehen“, sagt er. Zudem sei bei der Entscheidung der Ensembleschutz, der in Kirchheim bisher immer an erster Stelle gestanden habe, missachtet worden.

Schon vor 300 Jahren gab es Pfusch am Bau

Gleichwohl gesteht Laskowksi ein, dass es in der malerischen Kirchheimer Innenstadt, so schmuck sie auch mit ihren Fachwerkgebäuden dastehen mag, hinter den Fassaden gewaltig bröckelt. Das historische Ensemble, das seinesgleichen in der Region sucht, war in den Jahren und Jahrzehnten nach dem verheerenden Stadtbrand vom August 1690 zügig wieder aufgebaut worden. Die Eile hatte offensichtlich ihren Preis. Weil die Altvorderen in ihrer Not auch mal auf weniger qualitätvolles Baumaterial zurückgegriffen haben, drohen die Gebäudeveteranen jetzt in die Knie zu gehen. Mehr als 300 Jahre später holt der damalige Pfusch am Bau die Kirchheimer wieder ein. Die Grundsatzfrage „erhalten oder abbrechen“ wird wohl auch in Zukunft für Diskussionen sorgen.

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