Szene aus Davide Bombanas Kafka-Ballett „Der Prozess“ Foto: Jochen Klenk

Vom bedrückenden Labyrinth einer surrealen Bürokratie erzählt „Der Prozess“. Aus Kafkas unvollendetem Roman haben der italienische Choreograf Davide Bombana und die Stuttgarter Bühnenkünstlerin Rosalie in Karlsruhe ein Ballett gemacht.

Karlsruhe - Ein Albtraum? Als ob er das Kommende ahnte, wälzt sich Josef K. auf seinem Lager. Flavio Salamanka zeigt uns einen unruhigen Schläfer. Wiederholt bäumt sich sein Körper auf, schlotternd vor Angst, während die Musik von Walter Fähndrich voller Seufzer ist.

Noch ist Josef K. allein. Noch weiß er nicht, dass ihn womöglich jemand verleumdet hat. Er ist sich keiner Schuld bewusst. Aber er fühlt sich so beobachtet, sich seiner selbst so entfremdet, dass er den eigenen Leib immer wieder „begreifen“ muss. Schließlich kann es durchaus sein, dass er sich den „Prozess“ nur einbildet. Vielleicht halluziniert er ihn einfach, wie Davide Bombana im Programmheft meint.

Das Romanfragment, vor genau hundert Jahren von Franz Kafka geschrieben, von ihm aber nur auszugsweise veröffentlicht, hat im Lauf seiner Rezeption unterschiedliche Deutungen erfahren.

Die Bühnenmatrix hat auf den ersten Blick etwas Bedrohliches

Orson Welles hat es verfilmt. Philip Glass gab ihm erst vor wenigen Wochen die Form einer zweiaktigen Kammeroper. Mauro Bigonzetti nahm den „Process“, wie der Text in der posthumen Veröffentlichung durch Max Brod heißt, an der Staatsoper Hannover als Vorlage eines Balletts. Ein Ballett nennt auch Davide Bombana seine jüngste Uraufführung am Badischen Staatstheater Karlsruhe, die er mit der Stuttgarter Bühnen- und Medienkünstlerin Rosalie erarbeitet hat.

Sie ist es, die eine Bühnenmatrix geschaffen hat, die schon auf den ersten Blick etwas Bedrohliches hat. Dabei ist kein offensichtliches Kontrollorgan erkennbar; man sieht keinen Monitor. Vielmehr türmen sich fragile, durchbrochene Stellagen in schwindelnde Höhen, als ob es sich um die Rückenansicht gigantischer Aktenordner handelt oder die schattenhafte Skyline einer Überwachungsmetropole.

Scheinbar einfach konzipiert, besitzt die Installation eine erschreckende Komplexität. Mit flimmernden Lichtbändern ausgestattet, könnte man sich den Projektionsraum seiner selbst ebenso gut als einen Großrechner vorstellen, der in eigener Regie seine Programmierung übernommen hat. Kein Wunder, wenn Josef K. schaudert.

Allenfalls die Frauen lassen Menschlichkeit erkennen

Dabei hat der eigentliche „Prozess“ noch gar nicht begonnen. Erst als ihn wenig später zwei Wächter verhaften, nimmt das Drama seinen Lauf. In rote Overalls gekleidet, lässt sie die Uniformierung austauschbar, wie Androide erscheinen. Selbst der Fingerabdruck, der sonst alle Kostüme kennzeichnet, ist bei ihnen noch anonymisiert: ein „Abzeichen“, wie Josef K. im Roman konstatiert, das alle Parteiungen beim Prozess als verschworene Gemeinschaft, als „korrupte Bande“ entlarvt.

Die Gesichter unter gläsernen Masken verborgen, erfüllen die Gezeichneten ganz offensichtlich eine Funktion, die sich dem Angeklagten (und damit dem Publikum) nie wirklich erschließt. Das macht sie so unheimlich. Als Einziger zeigt Flavio Salamanka sein wahres Gesicht.

Allenfalls lassen die Frauen etwas Menschlichkeit erkennen. Ihr Dress ist knapper gefasst als der Overall der Männer, er gibt mehr Beinfreiheit. In expressiven Soli behaupten Fräulein Bürstner, die Frau des Gerichtsdieners und Leni ihre Eigenart. Sie sind es denn auch, die Josef K. eine Zeit lang Halt geben können.

Sie verweigern sich ihm nicht, sondern reizen ihre Sinnlichkeit aus in drei Duetten, die bei aller klassischen Abstraktion und dem Verzicht auf Spitzenschuhe ganz unterschiedlich ausfallen: nachgiebig-liebevoll bei Bruna Andrade, immer wieder abgelenkt bei Rafaelle Queiroz und schließlich auf den Kuss gebracht bei Blythe Newman. Von Rosalie vor wehenden Lichtvorhängen platziert, haben die Begegnungen indes stets etwas Flüchtiges.

Alles in dem Ballett bleibt vielschichtig

Anders als Mauro Bigonzetti in Hannover wird Davide Bombana nicht auf eine banale Weise konkret. Er versucht erst gar nicht ­etwas zu erzählen, sondern belässt dem Ballett seinen Assoziationsreichtum und seine Gegenwärtigkeit.

Stark sind deshalb nicht nur die Gruppenszenen, die sich in vielfacher Weise interpretieren lassen. Stark ist vor allem auch eine Parabel wie „Vor dem Tor des Gesetzes“: Immer wieder wird hier dem Landsmann (Brice Asnar) ein Eintritt verwehrt, obwohl Rosalie ganz konsequent offenlässt, ob er das Tor lediglich imaginiert oder ob es schattenhaft existiert.

Vieldeutig bleibt alles in diesem Ballett, vielschichtig wie die Musikcollage, die Kompositionen von Walter Fähndrich, ­Einojuhani Rautavaara, Olivier Messiaen und Peteris Vasks so raffiniert ineinander schiebt, als wären sie Teil eines großes Ganzes, das selbst Kernsätze Kafkas noch bruchlos integriert.

Ein durchaus zeitgemäßer Schluss

Eindeutig ist nicht nur der Anfang. Eindeutig ist vor allem ein Ende, das sich nachhaltig der Erinnerung einprägt: Josef K. wird nicht, wie es im Buch heißt, ein beidseitig geschärftes Fleischermesser ins Herz gestoßen, während sich die Hände des anderen „Herrn“ um seine Gurgel schließen.

Flavio Salamanka wird vielmehr auf einen Stuhl gesetzt, ihm werden die Füße gefesselt, dann wird er kopfunter in die Höhe gezogen. Wie von Stromstößen erschüttert, bäumt sich ein letztes Mal sein Körper auf, bevor er erstirbt: ein durchaus zeitgemäßer Schluss, wie man ihn nicht ­unbedingt vom Badischen Staatsballett erwartet hätte.

Schon gar nicht von einem ­Elegant wie Flavio Salamanka, der an diesem Abend über sich hinauswächst und sich als ein überragender Charaktertänzer erweist, von dem man sich in Karlsruhe noch Großes erwarten darf.

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