Kaffkiez spielen am 9. April in Stuttgart – und hätten fast nie existiert. Sänger Johannes über den Song, der alles änderte und warum das Cann für ihn eine besondere Bedeutung hat.
Es sollte eigentlich der letzte Song werden. Eine Schülerband, die sich auflösen wollte, weil der große Durchbruch auf sich warten ließ und keiner mehr so richtig Zeit hatte. Also gingen Kaffkiez ein letztes Mal ins Studio, nahmen „Nie allein“ auf – und plötzlich lief alles anders. Heute spielen die fünf Jungs aus Bayern in ausverkauften Hallen, stehen auf großen Festivalbühnen und leben im Tourbus. Vor ihrem Auftritt in Stuttgart am 9. April haben wir mit Sänger Johannes Eisner gesprochen.
Stadtkind: Wenn jemand euch noch nicht kennt: Was macht euch aus?
Johannes Eisner: Wir waren eine Schülerband, die nie vorhatte, das mal im großen Stil zu machen. Alles, was wir tun, ist mit sehr viel Herz verbunden. Unsere Musik ist energiegeladen und nahbar. Und ich glaube, von außen fühlt es sich auch genau so an, wie es sich für uns als Band anfühlt: nach einer krassen Überraschung, nach etwas Unerwartetem, aber Wunderschönem.
Wenn du jemandem einen Kaffkiez Song vorspielen müsstest, welcher wäre der beste Einstieg?
Um die Kaffkiez Geschichte zu begreifen, würde ich mit unserem allerersten Track einsteigen, weil der für das ganze, wunderschöne Chaos dieser Geschichte steht. Ich würde der Person also wahrscheinlich „Nie allein“ zeigen und sagen: Schau mal, wir waren eine Coverband. Wir dachten, wir müssen uns auflösen, weil eigentlich keiner mehr Zeit hat und der große Durchbruch auf sich warten ließ. Und dann hatten wir diesen einen Track, unser Abschlussprojekt, und dachten: Dafür gehen wir einmal ins Studio und nehmen ihn professionell auf.
Als wir den dann veröffentlicht haben, ist eins zum anderen gekommen. Jetzt sind wir da, wo wir sind, und die Musik hat sich auch weiterentwickelt. Aber im Kern ist Kaffkiez immer noch genau das: eine schrammige Gitarre, ein unverkopfter, lustiger Text und ein Beat, der nach vorne will. Und natürlich fünf Jungs, die einfach der Nase nach gehen.
Welcher Moment war der, als euch klar wurde: Das ist mehr als nur ein Projekt?
Man muss dazu sagen, dass die letzten sechs Jahre sehr rasant waren und sich das für mich zumindest ein bisschen wie ein Tunnel angefühlt hat. Und im Tunnel kann man nur schlecht zurückblicken. Aber als wir die ersten richtigen Festivalbühnen gespielt haben, wurde uns klar: Das ist jetzt kein Stadtfest mit 100 oder 200 Leuten mehr. Man steht plötzlich auf dem Deichbrand Festival vor tausenden von Menschen und das Zelt muss geschlossen werden, weil kein Platz mehr ist. Da fängt man so langsam an zu begreifen: Oh, hier passiert etwas. Und das ist vielleicht weit über das hinaus, was wir uns je erträumt haben.
Wie fühlt sich das an, wenn ihr auf die Bühne kommt und da stehen tausende Menschen, die eure Songs mitsingen? Kann man das begreifen?
Nein. Ich begreife das ja heute noch nicht und dabei hatte ich sechs Jahre Zeit, dieses Gefühl für mich zu definieren. Ich kann Leuten nur ganz schwer erklären, was das mit einem macht. Dass es Aufregung und Erlösung gleichzeitig ist und alles im schönsten Sinne. Es ist Überforderung und Chaos und der absolute Adrenalinschub. Wie Achterbahnfahren und irgendwie auch gar nicht.
Ich glaube nicht, dass es relevant ist, wie groß oder klein die Bühne ist, auf der wir stehen. Diese besondere Art von Aufregung, die eine Bühne mit sich bringt, bleibt immer die gleiche. Aber ich glaube, wir alle sind immer am aufgeregtesten, wenn wir in der Heimat spielen und die Familie am Start ist.
Was ist das Schönste am Tourleben und was das Anstrengendste?
Ich fange mit dem Schlechten an: Für mich persönlich ist das Anstrengendste, dass ich unglaublich schlecht schlafe. Abends geht es völlig adrenalingeladen in einen Bus, der super wackelig ist. Und ich bin jemand, der einen sehr leichten Schlaf hat. Das ist keine gute Kombination. Ich leide auf Tour also immer an akutem Schlafentzug.
Aber das Schönste ist dieses Crew Gefühl. Man ist in einem Zuhause auf vier Rädern und jeder gibt jeden Tag alles, um am Abend ein paar tausend Menschen ein megageiles Event zu bescheren.
Das fängt damit an, dass die ersten morgens aus dem Bus in die Halle gehen und checken, ob alles passt, und endet abends in einer energetischen Explosion. Und alles in der Hoffnung, dass wir beim Konzert auch die Menschen in der letzten Reihe erreicht haben. Das ist eine Challenge, die die Crew sehr verbindet und wahnsinnig schön ist.
Verändert sich die Beziehung zum Publikum, je größer die Hallen sind?
Es ist auf jeden Fall ein anderes Gefühl. Wir versuchen immer wieder, zwischendurch kleine Clubshows zu spielen oder kostenlose Guerilla Aktionen zu machen, weil das das Kerngefühl von Kaffkiez ausmacht. Es ist dieses Nah dran sein, quasi Nase an Nase.
Für mich ist die schönste Herausforderung, dieses Gefühl aus einem kleinen Club in eine große Halle zu bringen. Dass sich auch Menschen, die ganz hinten stehen, fühlen, als wären sie mittendrin. Ich hoffe, dass uns das jeden Abend gelingt.
Hattest du auf Tour schon einmal einen Moment, der dich besonders überrascht oder sprachlos gemacht hat?
Immer wieder. Natürlich ist es so, dass man, wenn man viel und lange unterwegs ist, ständig Momente hat, die sich komplett einbrennen, weil sie so besonders sind. Jeder Abend ist wild, krass und kaum realisierbar. Deswegen ist es oft schwierig, in der Masse einzelne Peaks zu finden.
Oft sind es dann aber die Städte, von denen man nicht so viel erwartet hat, die plötzlich besonders laut sind. Oder Abende, an denen man vorher einen besonders schlechten Schlaf hatte, ein bisschen durchhängt und dann holen einen die Leute völlig ungeahnt aus dem Loch und geben einem alle Energie zurück.
Verbindest du etwas Besonderes mit Stuttgart?
Wir haben damals im Club Cann angefangen. Also ganz klein und schnuckelig. Deswegen verbinde ich Stuttgart immer mit unserer Anfangszeit. Mit „zu neunt im Sprinter sitzen“ und „die Lüftung geht nicht“.
Bayern und Baden Württemberg sind natürlich auch nicht weit auseinander. Es fühlt sich also ein bisschen an wie ein Konzert in der Nachbarschaft. (lacht)
Was erwartet ihr vom Publikum in Stuttgart?
Ich fand Stuttgart immer mega schön. Ich glaube, das liegt auch an der kurzen Anreise, da waren wir alle sehr erholt. Und wenn wir auf der Bühne standen, waren die Leute immer total gut gelaunt.
Aber ich freue mich auch auf die Location, die soll ja sehr schön sein. Ich hoffe, dass wir gemeinsam mit Stuttgart total Gas geben und einen schönen Abend haben können.
Hast du kleine Gewohnheiten oder Rituale vor dem Konzert?
Es gibt immer einen Saison-Song, also einen, der für alle Bandmitglieder gemeinsam abgespielt wird, bevor wir auf die Bühne gehen. Zudem wird jeden Abend eine kleine Ansprache gehalten, als Motivationsrede sozusagen.
Ich persönlich habe es immer gerne sehr ruhig vor dem Auftritt und bin dann voll im Fokus. Für ein paar von den Jungs muss es davor aber lieber noch einmal laut werden. Die drehen dann die Musikbox auf. Da ist jeder ein bisschen anders.
Ihr seid zusammen groß geworden und spielt immer noch in der gleichen Konstellation wie am Anfang. Hat sich in eurer Beziehung etwas verändert?
Es ist schon ein besonderer Umstand. Wir sehen uns gegenseitig öfter als unsere Familien und Freunde. 2024 haben wir um die 70 Shows gespielt plus An und Abreisetage. Also haben wir uns gefühlt fast jeden Tag im Jahr gesehen.
Dazwischen machen wir noch viel Office, weil wir viel selbst machen. Kaffkiez ist ja ein kleines DIY-Projekt. Das alles ist sehr intensiv, man kennt irgendwann jede kleine Angewohnheit. Natürlich hat das seine Vorteile, gerade auf Tour, wenn man direkt weiß, wann man sich gerade aus dem Weg gehen muss.
Und ich würde schon sagen, dass es diese Pausen auch braucht. Aber am Ende ist es natürlich ein absoluter Luxus, dass wir das gemeinsam als Freunde machen können. Sonst wäre das vermutlich auch sehr strapaziös für unsere Beziehungen.
Wohin soll sich Kaffkiez musikalisch noch entwickeln?
Ach, es gibt bestimmt noch ein paar Wunschfestivals, die man aus der Kindheit kennt und bei denen man sich denkt: Da würde ich gerne einmal spielen.
Am Ende muss ich aber einfach sagen: Von dem Standpunkt, an dem wir gerade sind, wäre es absoluter Luxus zu sagen, wir können das genau so weitermachen. Wir haben so eine tolle Crowd, die sich unfassbar angenehm anfühlt, und wir werden für das wertgeschätzt, was wir sind. Wir dürfen unsere Musik machen, wir dürfen touren. Das würde uns ehrlich gesagt schon reichen.
Wir sind sowieso schon so weit gekommen in diesen sechs Jahren, dass ich mir gierig vorkommen würde, noch mehr zu wollen.
Wenn ihr irgendwann auf diese Tour zurückblickt: Was würde sie im Nachgang richtig gut oder besonders machen?
Wenn sie gute Geschichten geschrieben hat und wir sagen können: Ey, weißt du noch damals? In Stuttgart? Weißt du noch, wie laut die waren? Das ist natürlich immer ein gutes Zeichen.
Außerdem sind viele Städte mittlerweile schon knapp bei den Tickets, einige sind auch ausverkauft. Wenn das so weitergeht und man am Ende auf eine ausverkaufte Tour zurückblickt, dann wäre das natürlich auch ein krasses Statement.