Ein Leben ohne Kaffee ist für viele unvorstellbar. Ihn anzubauen, ist im Klimawandel eine Herausforderung. Eine Kaffeekooperative in den Anden von Kolumbien kämpft gemeinsam für gute Ernten – und ihren Kaffee kann man in Supermärkten kaufen.
Er zischt aus dem Vollautomaten, zieht langsam in der Stempelkanne vor sich hin, wird als Fertigpulver mit heißem Wasser aufgegossen und auf dem Weg zur U-Bahn hinuntergestürzt. Zwischen zweieinhalb und drei Milliarden Tassen Kaffee werden täglich auf der Welt getrunken, in Deutschland 3,8 pro Kopf. Mit dem exzessiven Konsum könnte bald jedoch Schluss sein – und Kaffee in Zukunft zum Luxusgut werden. Denn der Klimawandel bedroht den Kaffeeanbau weltweit und dünnt Ernten aus.
Yohan Jary Ledezma Ausecha, der in den Anden von Kolumbien Arabica-Kaffee anbaut, spürt die Auswirkungen der Klimakrise seit etwa zehn Jahren. An seinen Kaffeepflanzen wachsen weniger runde Kirschen, in denen die Bohnen reifen. Denn die Äquatorsonne brennt auf die Früchte, wenn die sensiblen Kaffeepflanzen Regen für die Blüte vertragen könnten. Oder es regnet und ist kühler als gewöhnlich, wenn die Sträucher Wärme und Trockenheit für das Wachstum bräuchten. „Wir hatten seit 30 Monaten keinen Sommer mehr, stattdessen fällt das Wasser vom Himmel“, sagt Ledezma Ausecha, der mit seiner Frau und Tochter auf einer Kaffeefinca lebt, die südlich von Popayán, der Hauptstadt der Provinz Cauca, liegt.
Mit Bananen gegen den Klimawandel
Rund 30 Prozent weniger Ernte musste der 33-Jährige im vorigen Jahr hinnehmen, ebenso wie rund 1500 weitere Kleinbauernfamilien, die Mitglieder der Kaffeekooperative Cosurca sind. Cauca ist eine der ärmsten Provinzen des Landes, Ledezma Ausecha ist hier groß geworden. Schon seine Eltern waren Kaffeebauern. Das ruhige, zurückgezogene Leben in den Bergen mag er. Doch um finanziell zu überleben, muss er die Kaffeeproduktion an die Bedingungen im Klimawandel anpassen.
Während auf den meisten Kaffeeplantagen mit Pflanzenschutz- und Düngemitteln gegen Dürre, Feuchtigkeit und andere Wetterextreme gekämpft wird, wachsen auf den Plantagen der Cosurca-Bauern, die oft indigener oder afrokolumbianischer Herkunft sind, nun Zuckerrohr, Maniok und Yucca zwischen den Kaffeesträuchern. Sie sorgen für einen nähr- und sauerstoffreichen Boden – und sind Nahrungsmittel, wenn durch Ernteausfälle das Geld knapp wird. Bäume und große Blätter von Bananenstauden spenden Schatten und schützen vor Platzregen; Bienen surren zwischen den Pflanzen umher und helfen bei der Bestäubung. „Denken wir nicht um, müssen die Produzenten ihre Betriebe aufgeben und wegziehen“, sagt der Geschäftsführer von Cosurca, René Ausecha Chaux.
Kaffeeanbau im Drogenkrieg
Haupterntemonate gibt es nicht mehr, stattdessen wird die Erntephase heute ausgedehnt, von März bis Dezember pflücken die Bauern die nach und nach reif werdenden Kirschen in kleinen Mengen – und verhindern so, dass die komplette Ernte durch immer häufigere Unwetter verloren gehen kann. Auch zusätzliche Arbeitskräfte werden für die kontinuierliche Ernte nicht gebraucht. Verfügbar wären sie ohnehin nicht. Der Grund dafür sind die hellgrünen Koka-Anbauflächen. Manche liegen versteckt im Wald, andere ganz offensichtlich in der Nähe der Straße. In Kolumbien wurden im Jahr 2021 laut des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung auf 204 000 Hektar Kokasträucher angebaut – ein Plus von 43 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und so viel wie nie zuvor. Den „Krieg gegen die Drogen“ hat Präsident Gustavo Petro, der den Friedensprozess im Land vorantreiben will, für gescheitert erklärt. Auf den Kokaplantagen zu arbeiten ist lukrativ, denn die Besitzer zahlen mehr, als es sich Kaffeebauern leisten können.
Umso wichtiger ist es, dass Kaffeeproduzenten mit zuverlässigen Abnehmern rechnen können und faire Löhne erhalten. Das Wuppertaler Unternehmen Gepa ist neben zwei Organisationen aus Frankreich und den USA einer der größten Handelspartner der Kooperative und kauft etwa 20 Prozent der Ernte ein. Auch in deutschen Supermärkten ist der Kaffee erhältlich. Wie im fairen Handel üblich, werden Prämien gezahlt, etwa für Betriebe, die nach biologischen Richtlinien anbauen, sowie eine Fairtrade-Prämie, über deren Verwendung gemeinsam in der Kooperative bestimmt werden kann. Heute gibt es teils bessere Zufahrtsstraßen, das Gemeindemuseum, das die Geschichte der Kooperative zeigt, konnte erweitert werden, und die Qualität des Kaffees wird in einem besser ausgestatteten Labor überprüft.
Mehr Geld von fairen Handelspartnern
Verträge, die den Abkauf von Kaffee über die nächsten zwölf bis 16 Monate garantieren, geben den Bauern ein festes Einkommen – und damit eine Perspektive in der konfliktreichen Region. Auch andere Organisationen versuchen, die Klimawandelauswirkungen zu kompensieren: Ende März kündigte die Organisation Fairtrade International an, den Mindestpreis für fair gehandelten Kaffee je nach Sorte ab August um 19 bis 29 Prozent zu erhöhen. Die meisten Kaffeebauern weltweit wird die Preissteigerung nicht erreichen, in Deutschland etwa wurden 2021 lediglich 4,5 Prozent des konsumierten Kaffees fair gehandelt. Für Kaffeebauern, die nicht Teil einer Kooperative sind oder mit fairen Handelspartnern zusammenarbeiten, sieht die Realität deshalb bitter aus: Sie verkaufen ihre Ernte an Zwischenhändler. Über große Exporteure und Importeure gelangen die Bohnen zu Röstereien und von dort in die Warenregale. „Direkte und langfristige Verträge zwischen Bauern und Händlern gibt es meist nicht – und somit auch keine Zuverlässigkeit“, kritisiert die Einkaufsmanagerin von Gepa, Franziska Bringe.
Rekorde im Kaffeekonsum treibt Kaffeepreis an
Stattdessen haben die Händler freies Spiel – und die Bauern den Druck, ihre Ernte zu verkaufen. Denn sind die Kaffeekirschen reif, müssen sie in wenigen Tagen geerntet und, einmal gepflückt, innerhalb von 24 Stunden verarbeitet werden. „Nicht selten drücken die Händler die Preise, weil sie wissen, dass die Bauern keine Optionen haben“, sagt Bringe. Zwar ist der schwankende Weltmarktpreis in den vergangenen zwei Jahren unter anderem durch neue Rekorde im Kaffeekonsum gestiegen, durch intransparente Handelsketten und fehlende Informationen über die Lage am Kaffeemarkt profitierten die Bauern aber davon nicht, erklärt Bringe.
Die Mitgliedschaft in der Kooperative gibt Ledezma Ausecha Sicherheit. In Schulungen erfährt er von weiteren Anpassungsmaßnahmen und kann sich austauschen. Auch der Jugend böte die Mitgliedschaft eine Perspektive: „Wir müssen zeigen, dass ökologische Landwirtschaft und transparenter Handel funktionieren können, sonst zieht die Jugend für besser bezahlte Jobs in die Stadt“, sagt Geschäftsführer Ausecha Chaux.
Schlechte Nachrichten für Arabica-Liebhaber
Die Zukunft des Arabica-Kaffees, der derzeit 80 Prozent des Kaffees auf dem Weltmarkt ausmacht, ist jedoch ungewiss. Forschungsergebnisse der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zeigen, dass die Anbauflächen der Arabica-Bohne bis 2050 um bis zu 60 Prozent schrumpfen könnten. Nach Einschätzungen der Schweizer Forscher wird es den weltweit größten Arabica-Produzenten Brasilien am härtesten treffen: Bis 2050 könnten dort 97 Prozent der aktuellen Flächen nicht mehr geeignet sein. Und auch für Kolumbien prognostizieren die Wissenschaftler einen erheblichen Rückgang.
Zu Anbaugebieten in noch höher gelegenen Bergregionen zu flüchten ist zumindest für Kolumbien kein Plan B – wegen zu wenig Sauerstoff, zu steilen Lagen und Konflikten mit Paramilitärs. Angesichts dieser dramatischen Lage suchen Forscher und Kaffee-Experten bereits nach Lösungen und versuchen beispielsweise, klimaresistentere Sorten zu züchten. Kurzfristig könnten die Kaffeepflanzen der Sorte Robusta Abhilfe schaffen. Derzeit wird die Sorte vorwiegend in Afrika und Asien im Tiefland angebaut. Sie ist, wie ihr Name sagt, robuster gegenüber Hitze und Feuchtigkeit. Der Geschmack der Bohne ist herb und schwer, Arabica-Liebhaber müssten sich daran erst gewöhnen.