Viel mehr als ein Zahlenmensch: Ulrich Kiedaisch, der Chef des Fachbereichs Finanzen in Ludwigsburg Foto: factum/

Ulrich Kiedaisch verlässt das Ludwigsburger Rathaus. Das bedauert wirklich jeder. Dabei war es ein Glücksfall, dass der Kämmerer überhaupt nach Ludwigsburg gekommen ist.

Ludwigsburg - Zum Abschied hat sich Ulrich Kiedaisch ein besonderes Geschenk gegönnt: eine Gitarre. Ihr Deckenholz ist aus Haselfichte, der Boden und die Zargen sind aus geflammter Walnuss. Schlicht und edel sieht sie aus. Das Schönste aber ist der Klang, den diese Stahlsaiten-Gitarre mit ihrem Korpus erzeugt: Er ist weich und hallt nach. Und obwohl jeder Ton für sich wunderbar ans Ohr dringt, ergeben alle Töne zusammen einen harmonischen Sound.

 

Ulrich Kiedaisch hat diese Gitarre nach seinen Wünschen fertigen lassen. Dass ein Klang für ihn perfekt ist, wenn er klingt wie der seiner Gitarre, sagt viel mehr über den Ludwigsburger Kämmerer, als dass er sich etwas aus Musik macht. Und es sagt auch viel, dass das nur wenige wissen.

Ein Glücksfall für Ludwigsburg

18 Jahre lang war Ulrich Kiedaisch der Kämmerer der Stadt. An diesem Samstag ist offiziell sein allerletzter Arbeitstag. Der 63-Jährige, der bei allem, was die Stadt in dieser Zeit gemacht hat, dafür gesorgt hat, dass die Zahlen passen, geht in den vorzeitigen Ruhestand. Und egal, wen man fragt: Jeder bedauert das. Dabei muss man es als großes Glück begreifen, dass Ulrich Kiedaisch überhaupt nach Ludwigsburg gekommen ist. Oder als glücklichen Zufall.

Seine kommunale Karriere hätte nämlich schnell wieder beendet sein können. Zwar gefällt Ulrich Kiedaisch – Mitte der 1970er Jahre – sein Verwaltungsstudium und in der Neckargröninger Finanzverwaltung fasziniert ihn durchaus zu sehen, wo das Geld herkommt und wo es hingeht. Aber danach, während des Zivildiensts, entdeckt er seine Leidenschaft fürs Gitarrespielen wieder. Er nimmt Stunden, und als ihm sein Lehrer rät, an der Musikhochschule zu studieren, bewirbt er sich. Der junge Mann besteht die Prüfung, bekommt aber keinen Platz. Also gibt er selbst Gitarrenunterricht und finanziert so seine Privatstunden an der Musikhochschule. Ulrich Kiedaisch studiert Klavier, Gitarre, Komposition und Musiktheorie. Nach zwei Jahren stellt er fest, dass er nicht die Ausdauer und das Talent hat, um Profi zu werden. „Was nun?“, fragt sich Kiedaisch, inzwischen 26.

Eine brisante Mail

Wenn Ulrich Kiedaisch spricht, klingt seine Stimme immer gleich ruhig. Als wäre alles, was passiert, eine logische Abfolge selbstverständlicher Entwicklungen. Oder als wäre schon lange vor dem Ende klar, wie es enden wird. Oder als wüsste da einfach jemand, dass das, was er zu sagen hat, auch ohne Effekte wirkt.

Mit diesem Gleichmut in der Stimme hat Ulrich Kiedaisch stets alle Fragen zu allen Geldangelegenheiten beantwortet: Was bedeutet die jüngste Prognose der Steuerschätzer? Warum ist es sinnvoller, Schulden zu machen, statt Rücklagen anzurühren (oder andersherum)? Und wie kann es sein, dass für den Kauf des Scalas zwar 1,8 Millionen Euro fällig sind, er die Stadt aber nur 1,475 Millionen Euro kostet? Und so wie der Kämmerer die Dinge dann erklärte, erschienen sie tatsächlich immer logisch und richtig. Kiedaisch, das sagen alle, die in Ludwigsburg mit ihm zu tun hatten, war über jeden Zweifel erhaben. Wie sonst hätte er in einer internen Mail höchst besorgt auf die ausufernden Kosten der vielen Bauprojekte hinweisen dürfen – so wie anno 2008. Und dann, als die Mail öffentlich geworden war, Rückendeckung vom OB bekommen „Herr Kiedaisch genießt meine höchste persönliche und fachliche Wertschätzung“, sagte der innerlich tobende Werner Spec damals.

Auf Musik folgt Naturkost

Aber halt, es sollte ja noch dauern, bis Ulrich Kiedaisch nach Ludwigsburg kommt. Auf das Musikstudium folgte noch der Verkauf von Naturkost. Anno 1983 eröffnet Ulrich Kiedaisch in Obertürkheim einen Bio-Laden. Er hat Gemüse, Milch, Käse, Brot und was sonst noch öko ist im Sortiment. Doch Geld verdient er nicht. „Eigentlich war das der totale Irrsinn“, sagt Ulrich Kiedaisch heute, der immerhin zwei Jahre durchhält, ehe er einsieht, dass sich so keine Familie ernähren lässt.

Er schreibt Bewerbungen. Doch sein „exotischer Lebenslauf“ schreckt die Rathaus-Personaler ab. Dass er schließlich in der Stuttgarter Kämmerei anfangen darf, hat er seiner Frau zu verdanken, die dort arbeitet: Sie will Erziehungsurlaub nehmen – und schlägt ihren Mann als ihren Nachfolger vor. So kommt es. Und Kiedaischs kommunale Karriere beginnt.

Meisterwerke aus der Kämmerei

Kämmerer sind Menschen, die immer etwas negativer sind als der Rest der Belegschaft. Selbst wenn kein Wölkchen am Steuerhimmel zu sehen ist, trauen sie der guten Lage nicht. Als ewig vorsichtiger Kaufmann ist Ulrich Kiedaisch den Kommunalpolitikern schon auch etwas auf den Zeiger gegangen. Nicht mal acht Boomjahre haben den Mahner leichtfüßig werden lassen. Aber das ist natürlich nicht das, wofür man sich an ihn erinnern wird. In Erinnerung wird das bleiben, was viele als Genialität bezeichnen.

Die Finanzierung der Arena zum Beispiel: Rund 21 Millionen Euro ist die Multifunktionshalle wert – gekostet hat sie die Stadt jedoch nur gut elf Millionen. Das Finanzkonzept hat Kiedaisch ausgetüftelt. Und obwohl der Landesrechnungshof solchen Public-Private-Partnership-Modellen äußerst skeptisch gegenübersteht – das Ludwigsburger Modell hat er nach gründlicher Prüfung gelobt.

Mit Birkenstocks im Büro

Oder die Rettung des Marstall: Dass die Stadt eine Gesellschaft gründet, in der sie die komplex verteilten Flächen bündelt, um sie an einen neuen Betreiber zu verkaufen, war die Idee von Werner Spec. Dass diese GmbH überhaupt gegründet werden konnte, obwohl sich Kommunen nicht privatwirtschaftlich betätigen dürfen, war das Werk von Ulrich Kiedaisch. „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, sagt der Mann, der es „wunderbar“ fand, mit Kollegen ganz Neues zu denken; der berufsbegleitend BWL studiert hat; der im Büro Birkenstocks trägt; der konsequentest mit der S-Bahn von Obertürkheim nach Ludwigsburg pendelte; und der sagt, hätte er auf direktem Weg die Verwaltungslaufbahn eingeschlagen, hätte er bereut, nichts anderes ausprobiert zu haben – und wäre wohl ein fürchterlicher Beamter geworden.

Als er im Jahr 2001 in Ludwigsburg zum Leiter des Fachbereichs Finanzen gewählt wurde, geschah das mit nur einer Stimme Mehrheit – und zu seiner eigenen Überraschung. Dass später auch die froh waren, die für seinen Konkurrenten gestimmt hatten, ist hinlänglich bekannt. Neuer Finanzchef wird übrigens Harald Kistler, der bisherige Vize.

Eine große Familie und viele Interessen

Dass Ulrich Kiedaisch nun in den vorzeitigen Ruhestand geht, hat sehr persönliche Gründe. Öffentlich nennen mag er sie nicht. Aber: Kiedaisch hat drei Kinder, zwei Enkel, drei Geschwister und seine Mutter – da kann man ahnen, dass sich Prioritäten verschieben, weg von der Arbeit. Eventuell wird er auch Vorlesungen in Musik und Geschichte besuchen.

Und ganz bestimmt wird er Gitarre spielen – deren perfekter Klang, das zum Schluss, schon auch mit dem zu tun hat, der sie spielt.