Meterdicke Wälle aus Eis bedecken die Uferbarrieren des in weiten Teilen zugefrorenen Michigansees in der Millionenmetropole Chicago (US-Bundesstaat Illinois). Foto: AFP

Den Amerikanern gefriert derzeit der Atem. Die Behörden sorgen sich um das Wohl ihrer Bürger. Der Wetterdienst warnt vor Erfrierungen auf ungeschützter Haut innerhalb weniger Minuten.

Ottawa - grimmige arktische Kälte hält weite Teile Kanadas und den Mittleren Westen der USA weiter fest im Griff. Eine Eisglocke liegt über dem Kontinent und beschert Temperaturen bis minus 40 Grad Celsius. Der Wind führt zu Temperaturen, die dann bei gefühlten minus 50 Grad liegen. Die Wetterdienste in Kanada und den USA gaben „Warnungen vor extremer Kälte“ heraus.

„Ich will wieder nach Hause zurückkehren“, sagt Denise Morancie, die in der kanadischen Stadt Winnipeg auf einen Bus wartet. „Nach Hause“ – das ist für sie die Karibik. Von dort stammt Denise, aber sie lebt seit fünf Jahren in Winnipeg, das bekanntermaßen zu den kältesten Städten Kanadas zählt. „Jedes Jahr höre ich, das ist das schlimmste Jahr. Aber heute ist der schlimmste Tag“, meint sie. Sie hat mehrere Schichten Kleidung an, „layers“, wie es allgemein empfohlen wird, „und etwa vier Paar Socken“. Aber auch das hilft nicht. „Mir ist immer noch kalt.“

Hunderte Flüge müssen abgesagt werden

Winnipeg, Hauptstadt der kanadische Provinz Manitoba, und weite Teile Ontarios und Quebecs sowie die Gemeinden in den Arktis-Territorien liegen im Einflussbereich der Kältewelle, die von der Polarströmung „Polar Vortex“ bestimmt wird und die bis in den Mittleren Westen der USA mit Zentrum Chicago reicht. In Winnipeg wurden am Donnerstag minus 32 Grad gemessen, mit der Windkälte, dem „windchill“, liegt die „gefühlte Temperatur“ aber zwischen minus 40 und minus 50 Grad.

In Toronto sind es minus 21 Grad Celsius (minus 35 Windkälte) und in der kanadischen Hauptstadt Ottawa minus 20 mit einem „windchill“ um minus 30. Die Vorhersagen für Donnerstag lagen vielerorts bei minus 50 bis minus 55 „windchill“ – also gemessen Temperaturen bei minus 30 Grad Celsius. Ähnliche Temperaturen werden aus Chicago, Milwaukee und Minneapolis gemeldet.

Nachdem am Mittwoch bereits wegen der Kälte landesweit mindestens 2700 Flüge abgesagt werden mussten, wurde für Donnerstag erneut mit dem Ausfall von rund 1800 Flügen gerechnet. Auf dem Chicagoer O’Hare-Flughafen frieren die Treibstoffleitungen zum Auftanken der Flugzeuge.

Die Eisenbahngesellschaft Amtrak muss Zugverbindungen streichen, weil Fahrten auf den Gleisen nicht mehr sicher sind, Weichen nicht gestellt werden können und Stromleitungen unter der extremen Kälte versagen. Zahlreiche Passagiere sitzen in Chicagos Union Station, dem Hauptbahnhof fest.

„Wäre ich doch in Mexiko geblieben – da ist es wärmer“

„Hätte ich das geahnt, wäre ich doch in Mexiko geblieben. Da ist es wärmer“, sagte eine Frau, die mit ihren Söhnen aus dem Urlaub zurückgekehrt und mit dem Zug nach Pennsylvania weiterreisen wollte, dies aber nicht konnt. In Detroit, aber auch in der kanadischen Hauptstadt Ottawa, frieren Wasserleitungen und bersten.

Vielerorts wurde der Postdienst eingestellt, in den USA mancherorts die Schulen geschlossen und der Transport der Schüler mit den gelben Schulbussen eingestellt. In Wisconsin stellte ein Unternehmen die Lieferung von Bier ein, weil das Getränk beim Transport frieren und Flaschen platzen könnten.

Detroit, Chicago und Minneapolis haben Gemeindezentren und andere öffentliche Einrichtungen als „Wärmezentren“ für Obdachlose und andere besonders unter der Kälte leidende Menschen geöffnet. Krankenhäuser verzeichnen einen wachsenden Zustrom von Menschen, denen die Kälte zu schaffen macht, die Atemprobleme haben oder Erfrierungen erlitten. In den USA forderte die Kältewelle bisher mindestens acht Todesopfer.

Erfrierungen auf ungeschützter Haut innerhalb von Minuten

Normalerweise liegt der Polarwirbel stabil über der Nordpolarregion. Wenn sie sich aber spaltet wie in diesem Jahr, dann fließen extrem kalte Luftmassen in den Süden. Kälte und Wind führen zu den Temperaturen, die stellenweise Rekord-Minusgrade erreichen, mit „windchill“ um minus 50 Grad.

Die Wetterdienste der USA und Kanadas warnten vor Erfrierungen auf ungeschützter Haut innerhalb von Minuten. Die arktische Winterkeule reichte bis in den Nordosten des Landes hinein. In Metropolen wie New York und Philadelphia trieben Sturmböen den Schnee durch die Luft und vernebelten die Sicht. In Pennsylvania wurden 26 Fahrzeuge in einen Unfall verwickelt, nachdem sich die Sicht auf der Fernstraße plötzlich verschlechtert hatte.

Lebensgefahr bei Windkälte

Der „Windchill-Index“ gibt den Verlust an Wärme im Gesicht an, weil dies der Körperteil ist, der am stärksten der Kälte ausgesetzt wird. Liegt die gemessene Lufttemperatur bei minus 20 Grad, die Windgeschwindigkeit ist aber 50 Kilometer pro Stunde, dann ergibt dies einen „windchill“ – eine Windkälte – von minus 35.

Das heißt, die Wirkung auf den Körper ist wie bei minus 35 Grad Celsius gemessene Temperatur an einem windstillen Tag. Bei minus 30 Grad Celsius gemessene Temperatur wird bei starkem Wind schnell ein Windchill von minus 50 erreicht.

Bei minus 28 „windchill“ kann ungeschützte Haut nach zehn bis 30 Minuten erfrieren. Bei einem „windchill“ von minus 50 kann dies bereits nach zwei bis fünf Minuten passieren, nnd bei einer Windkälte von minus 55 sogar in weniger als zwei Minuten.

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