Eisbaden liegt im Trend: Immer mehr Menschen tauchen bei winterlichen Temperaturen ins eisige Wasser. Auch in Freiburg trifft sich jeden Sonntagmorgen eine Gruppe Kälteverrückter. Was reizt sie daran? Und welche Effekte hat es auf die Gesundheit?
Constantin Falcoianu zittert am ganzen Körper. Seine Haut ist mit Wassertropfen übersät und knallrot. Er hüpft auf der Stelle mit einem Handtuch in der Hand und einem Grinsen auf dem Gesicht. „War das kalt!“, ruft jemand im Hintergrund. „Ich kann meine Zehen nicht mehr spüren“, sagt ein anderer und lacht gequält. Einer macht Liegestützen, eine andere Handstand. Immer wieder sind „Puuuhs“, „Aaahs“ und „Brrrrs“ zu hören, unterbrochen von energischem Atmen. Während einige sich hastig ihre Wollsocken, die Winterstiefel und Fleecejacken anziehen, verteilen andere bereits Kamillentee in Thermoskannendeckeln. Das Handydisplay zeigt klirrende ein Grad minus Außentemperatur an.
Bloß aufwärmen – so schnell wie nur möglich. Das ist das Ziel der Kälteverrückten, die gerade kollektiv im Freiburger Flückigersee gebadet haben. Zwei Minuten harrten sie tapfer darin aus – bei einer Wassertemperatur von 4,8 Grad Celsius. Vom Eisbaden spricht man bei einer Wassertemperatur von fünf Grad oder weniger.
Eisbaden verbindet
Aber von vorn. Wie jeden Sonntagvormittag hat sich an diesem Wochenende die Eisbadegruppe getroffen. Als die ersten Mitglieder eintrudeln, verschwindet die winterliche Ruhe, die über dem See lag. Einige kennen sich bereits, andere sind neu dabei. Man hat sofort ein gemeinsames Thema. „Welche Atemtechnik benutzt du?“ – „Wie lange gehst du schon Eisbaden?“ – „Anderthalb Jahre? Wow, ich bin erst zum dritten Mal dabei.“ – „Hat schon wer die Wassertemperatur gemessen?“
Die Männer sind ein wenig in der Überzahl, altersmäßig ist zwischen 25 und 65 Jahren alles vertreten. Die meisten sind warm eingepackt, in dicken Wintermänteln, Schals und Mützen. Einer der Teilnehmer hat gleich zwei Thermosflaschen dabei – auf jeder Seite seines Rucksacks eine. Nur einer kommt in kurzer Hose zum See geradelt: Der Gruppenleiter Constantin Falcoianu.
Das Eisbaden für sich entdeckt hat der Freiburger vor mehr als zehn Jahren – in Finnland. Es sei eine Kombination aus Sauna und See gewesen, wie in skandinavischen Ländern üblich. Inzwischen hat der 45-Jährige sein Hobby zum Beruf gemacht. Vor zwei Jahren gründete Falcoianu seine Internetplattform, auf der er unter anderem Trainings anbietet und Equipment verkauft. Was als Blog für Interessierte gedacht war, ist heute bundesweit das größte Portal in dem Bereich. Durch sie vernetzen sich rund 4000 Menschen in mehr als 100 Städten verteilt über ganz Deutschland. Eisbaden verbindet.
Die richtige Vorbereitung
Bevor es ins Wasser geht, setzen sich die Teilnehmer im Kreis auf den Holzsteg. Zum Aufwärmen. Die Gespräche verstummen, im Hintergrund sind Kirchenglocken zu hören. Falcoianu zeigt der Gruppe verschiedene Atemübungen. „Erst mal Luft holen, so richtig schön in den Bauch.“ Einige schließen die Augen. „Dann schnell ein und aus, das Zwerchfell spüren.“ Ganz im Moment sein, nur sich und den eigenen Atem fokussieren, das ist hier die Aufgabe.
Eine ältere Frau, die mit ihrem Hund spazieren geht, bleibt neben der Gruppe stehen. Ungläubig schaut sie zu, wie die Eisbader in Badebekleidung aufs Wasser zugehen: „Wenn man euch so zuguckt, könnte man denken, es hätte 20 Grad.“
Neuzugang Hippolyte Gomont schaut indes auf den See, als würde er sich mental darauf vorbereiten müssen, dass es gleich kalt wird. Sein bisheriger Rekord: 30 Sekunden. Als er eintritt, zögert er nicht. Langsam, aber bestimmt schreitet er vorwärts, zu den anderen, die bereits bibbern. Als sein Oberkörper in das Wasser taucht, entweicht ihm ein kleiner Schrei. Geschafft.
Constantin Falcoianu ist schon drin. Mit seinen Händen macht er eine betende Geste, um sie aus dem Wasser zu halten. Über die Extremitäten verliere der Körper die meiste Wärme, erklärt er später. Auch die anderen machen das so, viele haben sogar ihre Mützen aufgelassen. Einer ist schon wieder auf dem Weg nach draußen. „Kommt, zwei Minuten, das schaffen alle!“, ruft Falcoianu. Auch Hippolyte Gomont scheint der Ehrgeiz gepackt zu haben. „Noch 20 Sekunden“, ruft er. „Zehn, neun, acht, sieben, sechs, . . .“
Der Körper im Ausnahmezustand
Im eisigen Wasser zu sein, bedeutet für den Körper vor allem Stress. Der schnelle Temperaturabfall versetzt den Organismus in einen Alarmzustand. Die Gefäße ziehen sich zusammen, das Blut wird in Richtung Körpermitte geleitet, damit lebenswichtige Organe mit Wärme versorgt werden. Blutdruck und Herzfrequenz steigen. Der Körper schüttet die Stresshormone Adrenalin und Norepinephrin aus. Wie fühlt sich das an? „Am Anfang spürt man es extrem“ erklärt Falcoianu. „Nach 30 Sekunden wird der Körper ein bisschen taub, irgendwann wird es schmerzhaft.“ Dann kommt der Fluchtreflex. „Den muss man aushalten“. Danach lasse das unangenehme Gefühl schnell wieder nach. Sein Tipp: „Kopf aus und rein.“
Die restliche Zeit im Wasser beschreibt er als eine Art meditativen Zustand. „Man denkt nicht an die Vergangenheit, nicht an die Zukunft. Im Eisbad ist das Eisbad der Boss.“ Das erdet. „Und wenn du rauskommst, weißt du, warum du es gemacht hast.“
Die eigenen Grenzen austesten
Im Gegensatz zu den meisten Teilnehmern steigt Falcoianu jeden Morgen ins kalte Wasser. 365 Tage im Jahr – mit wenigen Ausnahmen. „Ich habe das Eisbaden so in mein Leben eingebaut, dass es zur Routine geworden ist“, erzählt er. Damit das geht, hat er mehrere Tonnen auf seiner Terrasse stehen, die speziell fürs Eisbaden zuhause konzipiert sind. Bis zu einer halben Stunde verbringt er darin. „So starte ich ganz anders in meinen Tag. Das kickt rein wie zehn Espressi.“
Für ihn hat das Eisbaden viel mit der eigenen Einstellung zu tun. „Mindset“ ist das Wort, das er in dem Zusammenhang oft in den Mund nimmt – ein Begriff, der häufig im Kontext von beruflicher Karriere verwendet wird. „Ich versuche immer, es noch ein paar Minuten länger auszuhalten als zuvor“ sagt er. Nicht gleich wieder in die Komfortzone gehen, sondern die Kälte akzeptieren. Die eigenen Grenzen austesten. „Wir unterschätzen, was unser Körper zu leisten im Stande ist“, sagt er. Und der Schmerz? „Der gehört für mich irgendwie dazu. Schmerz kann ja auch etwas Positives sein. Ich glaube, wenn du dich da überwindest, kannst du das in ganz vielen anderen Bereichen auch.“
Eisbaden ist gut für die Gesundheit
Insgesamt werden dem Eisbaden zahlreiche positive Effekte auf die körperliche und geistige Gesundheit nachgesagt. Kardiologen und Forscher sind sich einig darüber, dass das Eintauchen ins kalte Wasser die Gefäße trainiert, was sich wiederum positiv auf das Herz-Kreislaufsystem auswirkt.
Außerdem legen Studien nahe, dass der regelmäßige Gang ins Eisbad die Aktivität des Immunsystems verbessern und gegen Übergewicht helfen kann. Demnach aktiviert die Kälte das Wachstum der sogenannten braunen Fettzellen, die Kalorien statt in Fett in Wärme umwandeln und diese so verbrennen. Die Autoren der Studien heben allerdings hervor, dass die Erkenntnisse noch weiterer Forschung bedürfen.
Constantin Falcoianu jedenfalls kann nur von guten Erfahrungen berichten. „Ich habe keinen Hausarzt mehr, weil ich einfach so selten krank bin.“ Er muss lachen. „Eisbaden ist wie koksen – nur in gesund.“
Wer das Eisbaden ausprobieren möchte, sollte jedoch einige Dinge beachten. Der schnelle Temperaturunterschied – auch das zeigt die Forschung – kann das Herz belasten. Besonders Menschen mit Vorerkrankungen ist geraten, sich vorher ärztlichen Rat einholen. Das sagt auch Constantin Falcoianu. Ungeübten rät er, mit Wechselduschen zu beginnen, um ein Gefühl für die Kälte zu bekommen. Man sollte auch nicht so schnell ins Wasser gehen, nicht so lange drin bleiben. Und die wichtigste Regel: „Nie alleine in den See.“
Wieder draußen
Die Eisbader vom Flückigersee haben ihre zwei Minuten mittlerweile wohlbehalten überstanden. Schnellen Schrittes gehen sie aus dem Wasser, zügig aufwärmen ist jetzt wichtig. Sie wickeln ihre vibrierenden Körper in Handtücher. „Bis sich alles wieder normalisiert, ist es ein paar Minuten unangenehm“, sagt Constantin Falcoianu. „Afterdrop“ heißt dieses Phänomen. Durch das Zittern erzeuge der Körper Wärme und komme so schneller wieder aus der Unterkühlung.
Weil der Körper jetzt keine Erfrierung mehr befürchten muss, öffnen sich die Gefäße wieder. Das Blut fließt zurück zur Körperoberfläche, in Arme, Beine und Füße. Endorphine schießen durch die Adern, Euphorie macht sich breit. Die Zufriedenheit, das Ziel erreicht und zwei Minuten durchgehalten zu haben, steht allen ins Gesicht geschrieben. Man tauscht sich aus, klopft sich warm, einige verabreden sich zum anschließenden Kaffeetrinken im nächsten Café.
Constantin Falcoianu schaltet seinen Subwoofer an. Lautstark schallt ein Rock-Song aus den Boxen, untermalt von energischen Basstönen und einem mächtigen Schlagzeug: „This is how legends are made“ – So werden Legenden erschaffen.
Kontakt: Wer auch zum Eisbader werden will, kann sich umfassend informieren unter: www.eisbaden.de