Bundestrainer Alfred Gislason steht eine gesunde Mischung aus erfahrenen Spielern und jungen Wilden zur Verfügung. Foto: dpa/Bernd Thissen

2024 meldeten sich die deutschen Handballer in der Weltspitze zurück. Kann das Team von Alfred Gislason diese Erfolge bei der WM bestätigen? Wir zeigen die Möglichkeiten, die der Bundestrainer auf den einzelnen Positionen hat, und geben eine Einschätzung ab.

Ganz Handball-Deutschland erinnert sich an das goldene Wintermärchen 2007. Was nicht zwingend jeder auf dem Schirm hat, ist die bittere Wahrheit, dass es in den folgenden acht WM-Turnieren zu keiner Medaille für die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) reichte. Bei den vergangenen Olympischen Spielen gelangen endlich wieder Siege gegen die Großen: Dank zwei knappen Siegen gegen Spanien, einem Erfolg über Schweden und der dramatischen Viertelfinal-Sensation gegen Gastgeber und Titelverteidiger Frankreich reichte es am Ende zu Silber.

 

Polen am Mittwoch erster Gegner

Das macht vor dem WM-Start im dänischen Herning am Mittwoch (20.30 Uhr/ARD) gegen Polen Mut und verleiht Selbstvertrauen, ist aber noch lange kein Grund zur Selbstüberschätzung. Dass nur mit 100 Prozent Fokus etwas zu holen ist, belegten nicht zuletzt die wenig berauschenden Testspiele gegen Brasilien (32:25, 28:26), in denen es in allen Bereichen viel Luft nach oben gab. Wir ordnen den DHB-Kader ein und geben eine Einschätzung für die jeweiligen Mannschaftsteile ab.

Tor
Mit Andreas Wolff (33) steht der größte Star des Teams zwischen den Pfosten. Der Europameister von 2016 (171 Länderspiele/14 Tore) benötigte nach seiner Rückkehr zum THW Kiel keine Eingewöhnungszeit und führt die Bundesliga-Rangliste in der laufenden Saison mit 176 Paraden an. Als tadellos-loyaler Teamplayer hält David Späth (Rhein-Neckar Löwen) Wolff den Rücken frei. Mit seiner extrovertiert-emotionalen Art reißt der 22-Jährige (31 Länderspiele/1 Tor) das Team mit.

Einschätzung Hinter einer wenig stabilen Abwehr zeigte sich das Duo bei der Generalprobe noch nicht im WM-Form. Was nichts daran ändert, dass das Gespann absolut das Zeug dazu hat, zum größten Trumpf des DHB-Teams werden.

Linksaußen Der Stern von Lukas Mertens (59 Länderspiele/135 Tore) ging bei der EM 2022 auf, seitdem ist der Mann vom SC Magdeburg gesetzt. Der 28-Jährige – Spitzname Speedy – besticht durch Tempo beim Gegenstoß und Zuverlässigkeit beim Abschluss. Routinier Rune Dahmke (86 Länderspiele/129 Tore) ist als zweiter Mann eine bewährte Kraft, neben seinem Kieler Kollegen Wolff ist der 31-Jährige der letzte Europameister im Kader.

Einschätzung Beide sollten ihre Konzentrationsmängel beim Abschluss aus den Testspielen abstellen, dann ist Deutschland auf dieser Position sehr gut besetzt.

Rückraum links Obwohl seine Leistungen bei den Olympischen Spielen und in der Liga schwankten, bleibt der 24-jährige Julian Köster (VfL Gummersbach/60 Länderspiele/143 Tore) Platzhirsch auf der Königsposition und nimmt sowohl im Angriff als auch im Innenblock eine zentrale Rolle ein. Außerdem ist mit Marko Grgic vom ThSV Eisenach der Senkrechtstarter des deutschen Handballs dabei. Der 21-Jährige ist unbeschwert und selbstbewusst („Wir wollen Weltmeister werden“) und spielt in der Bundesliga groß auf. Lediglich Welthandballer Mathias Gidsel hat in der aktuellen Saison mehr Tore erzielt als Grgic (16 Länderspiele/40 Tore). Der 26-jährige Lukas Stutzke (14 Länderspiele/15 Tore) ersetzt den verletzten Sebastian Heymann und kann vor allem durch seine Abwehrstärke im eingespielten Verbund mit seinen Teamkollegen aus Hannover wertvolle Akzente setzen.

Einschätzung Kann Grgic den Schwung aus der Liga mitnehmen und zündet die Rookie-Rakete auch bei der WM, kann dies ein ganz entscheidender Faktor sein.

Rückraum Mitte Juri Knorr (70 Länderspiele/270 Tore) wurde bei den vergangenen drei Großereignissen jeweils ins All-Star-Team gewählt. Auch bei dieser WM dürfte der 24-Jährige von den Rhein-Neckar Löwen Dreh- und Angelpunkt im deutschen Angriff sein. Vorteil: Er steht nicht mehr ganz so sehr im Fokus – als der alleinige Heilsbringer des deutschen Handballs. Bei der Generalprobe gegen Brasilien übernahm er in der Crunch Time viel Verantwortung und stand auch gemeinsam mit dem starken 25-jährigen Luca Witzke (40 Länderspiele/76 Tore) vom SC DHfK Leipzig auf dem Feld. Für Entlastung soll der 22-jährige Nils Lichtlein (17 Länderspiele/11 Tore) von den Füchsen Berlin sorgen.

Einschätzung Vieles steht und fällt mit der Konstanz von Knorr. Ist er weiter verlässlich auf Top-Niveau unterwegs, bleibt er mit die wichtigste Waffe des DHB-Teams.

Deutschland braucht Uscins in Top-Form

Rückraum rechts Renars Uscins (32 Länderspiele/127 Tore) hat im DHB-Team nicht viel Anlaufzeit gebraucht. Der 22-Jährige feierte im April 2023 sein Länderspieldebüt und war bei der Heim-EM 2024 und den Olympischen Spielen gleich voll da. Beim denkwürdigen Viertelfinale gegen Frankreich rettete Uscins die Mannschaft zunächst in letzter Sekunde in die Verlängerung und machte in dieser den 35:34-Siegtreffer. Folgerichtig wurde der Linkshänder von der TSV Hannover-Burgdorf ins All-Star-Team gewählt. Uscins bildet das Duo mit Franz Semper (24 Länderspiele/45 Tore), der die Teilnahme an den Olympischen Spielen verletzt absagen musste, in dieser Saison wieder komplett fit ist und ein Leistungsträger beim SC DHfK Leipzig ist.

Einschätzung Wenn Deutschland weit kommen will, braucht das Team neben Knorr auch einen Uscins in absoluter Top-Verfassung.

Rechtsaußen Der einzige Spieler von Bundesliga-Spitzenreiter MT Melsungen im deutschen Aufgebot ist Timo Kastening (63 Länderspiele/199 Tore). Seine Spezialität ist das Verwerten von Tempogegenstößen, außerdem tut der smarte 29-Jährige der Teamchemie gut. Etwas die Nase vorn hat derzeit Lukas Zerbe (34 Länderspiele/66 Tore) vom THW Kiel, der auch die Siebenmeter wirft. Der 34-jährige Routinier Christoph Steinert (59 Länderspiele/103 Tore) vom HC Erlangen, eigentlich gelernter Rückraumspieler, hat seine Nominierung vor allem seinen Defensivqualitäten zu verdanken.

Einschätzung Auf dieser Position hat das deutsche Team keine Probleme, wenn – wie bei den Linksaußen – mit WM-Beginn der hundertprozentige Fokus beim Abschluss da ist.

Kreis als deutsche Domäne

Kreis Auf Kapitän Johannes Golla (94 Länderspiele/334 Tore) lastet nicht nur im Angriff wieder große Verantwortung, der 27-Jährige von der SG Flensburg-Handewitt muss auch im Abwehrzentrum Beton anrühren. Vorne und hinten lief es dabei in den Tests wenig zufriedenstellend. Nach dem Ausfall von Jannik Kohlbacher wird Justus Fischer (23 Länderspiele/27 Tore) deutlich mehr Spielanteile bekommen. Der U-21-Weltmeister von der TSV Hannover-Burgdorf hat mit seiner frechen und wilden Art bereits mehrfach gezeigt, was in ihm steckt. Der 28-jährige Magdeburger Tim Zechel (13 Länderspiele/8 Tore) steht als dritter Mann für den Kreis parat, reiste aber genauso wie Keeper Joel Birlehm nicht mit nach Dänemark.

Einschätzung Trotz der Probleme in der Vorbereitung ist dies die Position mit den traditionell wenigsten Problemen – absolute internationale Klasse ist vorhanden.

WM

Modus
Das deutsche Team spielt in der Vorrunde in Herning/Dänemark am 15. Januar (20.30 Uhr) gegen Polen (ARD live), am 17. Januar (20.30 Uhr) gegen die Schweiz (ZDF) und am 19. Januar (18 Uhr) gegen Tschechien (ARD). Die besten drei Teams der Vierergruppe erreichen die Hauptrunde an selber Stelle, dort muss Deutschland in einer Gruppe (ziemlich sicher) mit Gastgeber Dänemark einen der ersten beiden Plätze erreichen, um sein Ticket für das Viertelfinale (29. Januar) in Oslo zu lösen. Die Medaillenspiele mit Halbfinale (31. Januar) und Finale (2. Februar) werden ebenfalls in der Unity-Arena in Norwegens Hauptstadt ausgetragen.

TV
Sollte Deutschland in die Hauptrunde einziehen, wird die ARD ein Spiel, das ZDF zwei Spiele des DHB-Teams übertragen. Die Aufteilung wird erst vorgenommen, wenn die Begegnungen bekannt sind. Die Tage (21., 23. und 25. Januar) stehen fest, die Uhrzeiten noch nicht. Mögliche Anwurfzeiten sind 15 Uhr, 18 Uhr und 20.30 Uhr. Zieht das deutsche Team bis ins Finale ein, würde die ARD das Viertelfinale (29. Januar) und das Endspiel (2. Februar) übertragen, das ZDF das Halbfinale (31. Januar). Zudem zeigt Eurosport bis zu 15 Begegnungen ohne deutsche Beteiligung kostenfrei live. Die Online-Plattform Sportdeutschland.tv streamt alle 108 WM-Partien, dazu ist allerdings die Buchung eines Turniertickets nötig. (jüf)