Menschen helfen den Verletzten nach einem Anschlag in Kabul. Foto: AP

Menschenrechtler waren sich sofort sicher: Es war ein heimtückischer Anschlag, der Demonstranten in Kabul in den Tod riss. Diesmal sind es aber nicht die Taliban, die die Verantwortung übernehmen.

Kabul - Nach dem Anschlag auf friedliche Demonstranten in Kabul ist die Zahl der Todesopfer auf mindestens 61 gestiegen. Mindestens 207 weitere Menschen wurden bei dem Anschlag am Samstag verletzt, wie das Gesundheitsministerium in der afghanischen Hauptstadt mitteilte. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) beanspruchte die Tat für sich und erklärte, zwei ihrer Kämpfer hätten sich zwischen den Demonstranten in die Luft gesprengt.

Fernsehbilder zeigten Tote und Verletzte. Augenzeuge Ramin Anwari sagte in der afghanischen Hauptstadt, er habe bis zu acht Leichen gezählt. Auch Organisatorin Laila Mohammadi berichtete von „vielen Toten und Verletzten“. Amnesty International sprach von einem „furchtbaren Angriff“.

Wütende Demonstranten blockierten den Umkreis

Demonstriert hatten Angehörige der Minderheit der Hasara, sie sich für die Verlegung einer Stromtrasse einsetzen. Kabul war für den Protestmarsch weitgehend abgeriegelt worden. Nach der Explosion blockierten wütende Demonstranten den Umkreis und hielten Polizei und Sicherheitskräfte davon ab, zum Ort des Geschehens zu kommen. Einige warfen Steine auf die Beamten.

Die Hasara stellen etwa 15 Prozent der geschätzten 30 Millionen Menschen in Afghanistan und gelten als arme, oft diskriminierte Minderheit. Viele Hasara sind schiitische Muslime, während in Afghanistan insgesamt Sunniten in der Überzahl sind. Der IS wird von sunnitischen Extremisten geführt.

Die neue Stromleitung namens Tutap sollte ursprünglich durch Bamian gehen, das Siedlungsgebiet der Hasara im Zentrum Afghanistans. Als die Trasse umgeplant wurde, sahen die Hasara dies als weiteren Beleg für Vorurteile gegen ihre Bevölkerungsgruppe.

Der Konflikt in Afghanistan dauert weiter an

Tutap gilt als wichtiges Entwicklungsprojekt, da derzeit weniger als 40 Prozent der Afghanen einen Stromanschluss haben. Fast 75 Prozent der Elektrizität wird importiert. Hinter Tutap stehen die Asiatische Entwicklungsbank sowie Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Afghanistan und Pakistan. Planer erklären die Verlegung der Strecke mit Kostengründen.

Die Hasara beharren jedoch auf der ursprünglichen Route durch das bitterarme Bamian. Im Mai hatten Zehntausende schon einmal für dieses Ziel demonstriert. Am Samstag waren es deutlich weniger. Die Demonstranten bewegten sich zu Fuß und auf Fahrrädern vor allem durch die westlichen Stadtteile Kabuls.

Präsident Aschraf Ghani verurteilte die Explosion. „Friedliche Demonstrationen sind das Recht jeden Bürgers von Afghanistan und die Regierung wird alles ihr Mögliche tun, sie zu sichern“, erklärte Ghani. Sein Sprecher kündigte einen Fernsehauftritt an.

Amnesty International erklärte: „Solche Angriffe sind eine Erinnerung, dass der Konflikt in Afghanistan nicht zu Ende geht, wie manche es glauben, sondern eskaliert.“

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