Mathias Richling beklagt „Zickigkeit und Selbstbeweihräucherung gewisser Parteien“ . Foto: Büro Richling

Der Kabarettist Mathias Richling verrät im Interview, wie er die Zukunft für die Berliner Groko im Allgemeinen und für seine Heimat Stuttgart im Besonderen sieht. Am Samstag tritt er mit „Richling und 2084“ im Theaterhaus auf.

Stuttgart - Der Science-Fiction-Klassiker von George Orwell heißt „1984“. Der Kabarettist Mathias Richling nennt sein neues Programm „Richling und 2084“, in dem er unter der Regie von Günter Verdin das Polit-Personal auf Zukunftstauglichkeit testet. Die Stuttgart-Premiere am kommenden Samstag im Theaterhaus ist ausverkauft.

Herr Richling, wie gut, dass Sie in die Zukunft blicken. Keiner weiß, wie es in Berlin weitergeht. Wohin führt das Ringen ums Regieren?
Das Verblüffende an den Äußerungen der meisten Sondierungspolitiker ist, dass diese der Ansicht sind, sie seien gewählt worden, um nicht zu regieren – zumindest, was SPD und FDP angeht.
Was überrascht Sie daran?
Die Unerhörtheit besteht schon darin, dass etwa die SPD-Oberen glauben, die 20 Prozent der Wähler, die die SPD gerade noch gewählt haben, hätten dies getan, damit die Partei nicht regiert. Wäre meine Vorstellung am Samstag im Theaterhaus nicht ausverkauft, sondern würden statt 1100 Zuschauern nur 600 kommen, könnte ich nach Hause gehen und sagen: „600 haben sich Karten gekauft, damit ich spiele. Da 500 fehlen, bin ich abgewählt.“ Was denken 20 Prozent der SPD-Wähler jetzt, wenn sie von Schulz, Nahles etc. mit beleidigter Miene gesagt bekommen, sie seien unverschämt wenige?
Wie reagiert das Wahlvolk darauf?
Die Zickigkeit und Selbstbeweihräucherung gewisser Parteien ist unerträglich und lässt nur eine Antwort auf Ihre Frage zu: Am Ende müssen wir uns selbst regieren.

„Der extreme politische Klimawandel bleibt aus“

Was hätte Deutschland erlebt, wären wir in Jamaika angekommen?
Sommergefühle, grelle sonnenartige Strahlen, dampfende Köpfe und schweißtreibende Aktivitäten. Mit anderen Worten: einen extremen politischen Klimawandel.
Leider war niemand dabei, als der Bundes­präsident den Parteivorsitzenden den Kopf gewaschen hat. Vielleicht wissen Sie, was er ihnen gesagt hat.
Natürlich, wenn auch nicht im Wortlaut: Er hat ihnen sinngemäß gesagt, dass der Souverän das Volk ist. Für die, die es nicht mehr wissen, weil monarchische Zeiten zu lange zurück liegen: Der Souverän ist der König.
Das Volk ist also der König?
Genau so ist es. Und wir sagen unseren Lakaien, unseren Bediensteten, manche nennen sie Abgeordnete, was sie zu tun haben. Der Souverän Volk hat also gesagt bei der Bundestagswahl: Macht gefälligst Jamaika oder Groko. Monarchisch Bedienstete haben keinen Anspruch, sich zu widersetzen. Das ist bei der Queen in England heute noch so. Man fragt die Queen nicht. Man wartet, bis man angesprochen ist. Unsere Politiker warten viel zu wenig, bis sie angesprochen sind, und bilden sich ein, sie wären die Hauptfiguren. Das sind sie nicht! Sie sind Handlanger, die sich immer wichtiger machen. Das in ­etwa hat Steinmeier als unser oberster ­Geschäftsführer ihnen gesagt.
Von Patriotismus ist die Rede. Man sollte erst an das Land, dann an die Partei denken, heißt es. Warum tut dies Christian Lindner nicht?
Tut er doch. Auch wenn wir nie genau erfahren werden, wie er dem Land geholfen hat, wenn er nicht regiert. Abgesehen davon ist für ihn das Land ja die FDP. Mehr gibt’s bei ihm nicht.

Richling nutzt Staus zur Entschleunigung

Wer führt die SPD am Ende von 2018 an?
Das ist egal. Die SPD will eh nicht regieren. Und wer wählt schon eine Partei, die nicht regieren will. Deshalb ist der erste Schritt auch – falls es zu Neuwahlen kommen sollte –, für die SPD wenigstens die Fünf-Prozent-Hürde aufzuheben.
„Richling und 2084“ heißt Ihr Programm. Wo werden Sie persönlich im Jahr 2084 stehen?
Auf jeden Fall in Stuttgart. Vorwiegend aber werde ich liegen.
Und wo steht Stuttgart im Jahr 2084?
Irgendwann werden einige der zahlreichen Mineralquellen in Stuttgart durch die ­Bau­aktivitäten so angestochen, dass sie nicht mehr zu stoppen sind, und so wird Stuttgart im Jahr 2084 das riesigste, imposanteste – malerisch von den Hügeln umgebene – Open-Air-Schwimmbad der Welt sein.
Wie halten Sie es mit Baustellen, Staus und Feinstaub?
Ich nutze sie. Baustellen und Staus helfen beträchtlich bei der Entschleunigung des Alltags in einer Zeit rasanter Veränderungen. Und mit dem Feinstaub hole ich nach, was mir an Dreck in der Kindheit erspart ­geblieben ist. Denn Dreck in der Kindheit soll bekanntlich Allergien im späteren Leben reduzieren. So habe ich auf dem Land in frischer Luft oft ziemliche Niesanfälle und Augenjucken. Fahre ich in den Stuttgarter Feinstaub, dann geht es mir prima.

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